Ein Videopunk als Abteilungsleiter

Markus Hündgen | Foto: Fiete Stegers
“DerWesten” hat längst nicht alle hochtrabenden Erwartungen erfüllt, die er vor seinem Launch im Oktober 2007 geschürt hatte. Aber zumindest in Sachen Video zeigt sich das WAZ-Portal experimentierfreudig. Das liegt auch an Markus Hündgen. Er ist einer der wenigen Video-Spezialisten bei Regionalzeitungen. Hündgen probiert aus, schreibt darüber und stört sich nicht daran, wenn es mal schief geht. Die Zukunft muss multimedial sein, ist er überzeugt.

Es ist gleich 17.30 Uhr. Im Newsroom von „DerWesten“ im alten „WAZ“-Gebäude in Essen sind die meisten Arbeitsplätze unbesetzt. Die Redakteure der Spätschicht haben übernommen, wer früh gekommen ist, ist schon nach Hause gegangen. Auch Markus Hündgen war um halb neun im Büro. Er hat die Premiere eines neuen Video-Formats vorbereitet, dazu eine Pressemitteilung in eigener Sache verfasst und wieder einmal keine Zeit fürs Mittagessen gehabt. Jetzt will Onlinechefin Katharina Borchert noch etwas besprechen und bittet Hündgen in ihr gläsernes Büro. Und für ihn ist der Tag noch nicht zu Ende.

Nach der Besprechung heißt es Kamera-Tasche packen – Hündgen ist seit April 2007 Video-Journalist bei „DerWesten“. Bei den deutschen Zeitungshäusern ist das noch eine Ausnahme. „DerWesten“ hat zwanzig Online-Redakteure. Zum Zeitpunkt des Interviews ist Markus Hündgen einer von drei Videospezialisten.

Markus Hündgen bei der Zigarettenpause | Foto: Fiete Stegersonlinejournalismus.de: Wie sind Sie an diesen Job gekommen?

Hündgen: Ich war gerade Volontär bei der „WP“, die auch zur WAZ-Gruppe gehört. Dort habe ich gehört, dass bei der „WAZ“ etwas neues im Internet aufgebaut werden soll. Das fand ich spannend und habe mich beworben. Erst im Bewerbungsgespräch bin ich dann gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, Video zu machen. Die Zusage kam dann ein oder zwei Tage vor Weihnachten, als ich gerade im Keller-Archiv der Lokalredaktion Werl alte Zeitungen suchte.

onlinejournalismus.de: Und dann?

Hündgen: Im Januar 2007 ging es dann für mich mit den Vorbereitungen für den Start von „DerWesten“ los, zunächst noch parallel zu meinem Volontariat. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine TV-Erfahrung, bis auf ein Praktikum. Und privat hatte ich ab und zu kurze Filme gedreht.

onlinejournalismus.de: Der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser also?

Hündgen: Ganz am Anfang haben wir mit meiner 300-Euro-Kamera im Büro herumprobiert und „Kantinennews“ gemacht. Wir hatten noch keine Ausstattung für Video, sondern mussten die uns erst mal besorgen. Das schöne: Wir konnten extrem viel mitentscheiden. Wir haben nicht einfach irgendwo etwas bei anderen Fernsehsendern oder Video-erfahrenen Zeitungen abgeschaut, sondern uns Zeit gelassen, um herauszufinden, was zu uns passt. Dann hatten wir drei Video-Redakteure eine Woche VJ-Seminar bei einem VJ der Deutschen Welle, außerdem drei Tage Sprechschulung. Aber es gab nicht vier Wochen Schulung und dann hieß es, „Jetzt macht mal!“ Es war ein Prozess, bei dem wir – auch später – immer wieder auf externe Hilfe zurückgriffen haben. Und auf einmal ging es Schlag auf Schlag, Ich habe mich mit Kollegen unterhalten, Fachblogs entdeckt und Konferenzen besucht.

onlinejournalismus.de: Das hört sich an, als es alles schon sehr lange für Sie her…

Hündgen: Das waren gefühlte fünf Jahre. Es waren extrem ereignisreiche Tage, extrem lange, extrem lehrreiche. Ich glaube aber, das ist im Internet generell so. Da bist du nie an einem Punkt, an dem sagst, darauf können wir uns jetzt erst mal ausruhen. Du musst immer am Ball bleiben und Sachen neu entwickeln.

Im alten RTL-Studio – aber möglichst kein Fernsehen

Ein paar Schritte über den Hof des WAZ-Gebäudes liegt ein Studio, in dem früher RTL-Regionalnachrichten produziert wurden. Jetzt haben sich Hündgen und seine Video-Kollegen hier eingenistet. Die Studio-Ausstattung brauchen sie allerdings nur selten. Stattdessen hat das Team einen Schnittplatz aufgebaut, lagert Kassetten, Kameras und andere Ausrüstung hier. Hündgen sucht zusammen, was er braucht.

onlinejournalismus.de: Richtiges Fernsehen ist teuer, andererseits kann man schon mit Handys Videos drehen. Was setzt der „DerWesten“ ein?
Markus Hündgen mit Kamera | Foto: Fiete Stegers

Hündgen: Wir haben uns danach gerichtet, was uns andere Kollegen empfohlen haben. Es ist immer eine Gratwanderung zwischen dem, was man an Geld ausgeben will und dem, was für das Internet tatsächlich notwendig ist. Wir fragen uns zum Beispiel: Brauchen wir einen perfekt gepegelten Ton, müssen wir dafür ein Super-Mikro haben? Muss das Bild super-perfekt sein? Das muss es nicht immer – der User merkt häufig den Unterschied nicht. HDV haben wir zum Beispiel gleich am Anfang komplett geknickt. Was zählt, ist der Inhalt eines Videos. Content ist King – dieses Klischee stimmt.

onlinejournalismus.de: Jetzt geht es zu einem Dreh auf einer Schnecken-Farm am Niederrhein. Was haben Sie eingepackt?

Hündgen: Wir benutzen die Panasonic DVX 100, eine klassische VJ-Kamera, dazu ein Handmikrofon und zwei Funkmikrofone zum Anstecken für Gesprächspartner. Gleich kommt noch das Stativ dazu. Das ist es dann. Es könnte auch noch ein Laptop hinzukommen für den Schnitt unterwegs oder im schlimmsten Fall ein Lichtkoffer. Es gab aber auch schon Termine, da bin ich nur mit der Kamera und einem Mikro oben drauf ins Auto gesprungen, wenn es schnell gehen musste. Oder ehrlich gesagt, wenn gerade jemand anders mit einem Teil der Ausrüstung unterwegs ist. Bei drei Leuten kann das schnell passieren.

Online-Redakteurin Annika Rinsche und Jochen Unverhau, Leiter der Produktentwicklung bei „DerWesten“ kommen mit zur Schneckenzucht. Die beiden sollen testessen – für eine neue Video-Serie namens „DerWesten kulinarisch“. Das Navigationsgerät lotst sie vorbei an der Duisburger Industriekulisse an den ländlichen Niederrhein. Der gesuchte Bauernhof ist dennoch schwer zu finden. Reporter Hündgen bleibt gelassen. Auch den Dreh geht er spontan an: „Ich mache mir keinen Drehplan. Das habe ich nach einer Woche gleich wieder gelassen, weil ich es unglaublich unflexibel finden.“ So etwas sei nur für einen 2:30-Beitrag nach festem Format notwendig – und genau die will Hündgen vermeiden.

onlinejournalismus.de: Wie gehen Sie dann vor?

Hündgen: Wir haben schnell erkannt, das Web mit Video anders funktioniert. Das allerwichtigste ist meiner Meinung nach die Verzahnung von Text und Video. Wenn man mit der Videokamera rausgeht, ist die Versuchung immer groß, ein schönes drei Minuten-Video zu machen, und dann hat sich die Geschichte. Aber Text ist so etwas Wertvolles. Fakten, Zahlen, auch gewisse Eindrücke lassen sich im Text einfach viel besser wieder geben als im Bild. Gerade wenn ich nur zwei Stunden auf einem Dreh bin und der Beitrag dann zwei Stunden später schon im Netz sein soll, schreibe ich lieber schnell 60 Zeilen. Ich versuche, möglichst eine Reportage zu schreiben und dann gewisse Schlüsselsequenzen mit bildstarkem Video zu bereichern. Ich nehme auch häufiger noch eine Fotokamera mit und mache noch eine Fotostrecke. Und zum Schluss schreibe ich in meinem Blog darüber, wie der Dreh war. Viele definieren das schon gar nicht mehr als Video-Journalist, sondern als Multimedia-Journalist.

onlinejournalismus.de: Gibt es auch Video-Formate, bei denen das Experimentieren schief gegangen ist?

Hündgen: Klassische Politiker-Interviews machen wir nicht mehr, weil sie im Netz nicht funktioniert haben – selbst bei prominenten Interviewpartnern nicht. Und wir können nicht mit großen Fernsehsendern wie RTL oder WDR in Konkurrenz treten. Wenn wir versuchen würden, eine vernünftige Talkrunde aufzusetzen oder eine längere Dokumentation zu produzieren, dann klappt das nicht. Auch um unter Zeitdruck Video-Nachrichten zu machen, bräuchte man mehr Leute, die aktuell vor Ort sind und berichten. Da haben wir nicht die Ausstattung zu, und wir sind eigentlich auch anders ausgebildet. Menschlicher, näher dran – das sind die Schwerpunkte der VJ-Arbeit. Wir versuchen zeitlosere Geschichten zu machen, so wie heute. Nachrichten werden zwar im ersten Moment relativ stark geklickt. Aber auf lange Sicht kommen wir im „long tail“ wirklich weiter.

Videopunk-Logo | © Markus Hündgen

Revolution im Web?

Ende 2007 hat Hündgen sein Arbeitsverständnis als „Videopunk-Manifest“ zusammengefasst – in seinem Blog auf „DerWesten“, in dem er über seine Arbeit berichtet. „Wir wollen kein Fernsehen sein“, formuliert Hündgen das Credo – für sich selbst und andere. Er will Produzenten von Online-Video überzeugen, neue Wege im neuen Medium zu suchen. „Ein bisschen missionieren“ für seine Überzeugung, dass Video im Web nicht das gleiche sein sollte wie TV im Internet. Illustriert wird das Manifest mit einem Logo aus schwarzem Stern und Kamera. Das Logo trägt Hündgen auch beim Schneckenzucht-Termin am Revers und auf der Handy-Rückseite zur Schau.


onlinejournalismus.de: Was sagen die Kollegen dazu, dass es bei der WAZ einen festangestellten Videopunk gibt?

Hündgen: Davon wissen nicht allzu viele. Videopunk und mein Logo mit dem Anarcho-Stern – das ist ja schon ein bisschen provokant. Ich bin natürlich Realist genug um zu sehen, dass es da immer ein Zwischending geben muss. Ich finde es aber schade, wenn Medienunternehmen ins Netz gehen und versuchen sofort das nachzuäffen, was es draußen schon gibt. Stattdessen sollten sie die Chance begreifen: Fernsehen ist nur eine Art, wie man bewegtes Bild nutzen kann.

onlinejournalismus.de: Was sagen Fernseh-Kollegen zu ihren Videos?

Hündgen: Das geht vom „Hey, das ist ja endlich mal nicht der Einheitsbrei, der im Fernsehen läuft“ bis zu „Eure Beiträge haben die Qualität des Offenen Kanals Essen“. Interessanterweise vergleichen uns gerade die jüngeren Kollegen mit dem Fernsehen, während die älteren da eher offen sind. Ich sage jedem, der uns kritisiert: „Komm doch mal einfach einen Tag mit.“ Manches ist nicht so einfach, wenn man nicht mit einem Kamerateam rausgeht.

Kamera, Ton, Interviews – Hündgen muss sich auf dem Dreh um alles selbst kümmern. Vor der Technik habe er auch nach einem Jahr noch gehörigen Respekt sagt er. Nervosität ist ihm aber nicht anzumerken, auch wenn sich auf der Stirn nach dem ersten Dreh in der Schnecken-Küche Schweißtropfen zeigen. Die Kamera bleibt nun erst mal liegen, Hündgen redet mit der Züchterin, macht sich Notizen, nickt freundlich – klassische Lokalzeitungsschule.

onlinejournalismus.de: Sie arbeiten wie selbstverständlich mit unterschiedlichen Medienformaten. Andere Journalisten sind davon weit weniger begeistert.

Hündgen: Manche sind etwas ängstlich. Aber es sollte unsere Aufgabe sein, ihnen ihre Angst zu nehmen. Nicht für jeden ist Audio oder Video etwas, aber viele lecken dann wirklich Blut. Journalisten suchen doch immer nach neuen Erzählmöglichkeiten. Aber in Deutschland wird den Leuten zu wenig die Chance gegeben, herum zu probieren und sich mit einem Medium vertraut zu machen. Stattdessen werden sie in eine Schulung geschickt und sollen dann sofort loslegen. Dabei muss man mit Vielem erst warm werden. Da hat unsere Branche noch viel Aufholbedarf.

onlinejournalismus.de: Wohin gucken Sie, wenn Sie Inspirationen suchen?

Hündgen: In Deutschland ist das alles ein bisschen mau. Es gibt einige Blogger, die erfrischende Video-Formate entwickelt haben – aber bei Profi-Journalisten fällt es mir schwer, jemand zu nennen. Das meiste sind billige Fernsehkopien. Aber ich bin Fan davon, was in England und in den USA passiert. Die sind da schon viel weiter. Auch andere europäische Länder wie Spanien ziehen bei Online-Video an uns vorbei – da haben wir noch extrem viel Aufholbedarf.

Jetzt mal Butter bei die Fische

onlinejournalismus.de: In den letzten zwei Jahren haben viele Verlage Investitionen in Online-Video angekündigt. Wann werden die sich auszahlen?

Hündgen: Mit der Refinanzierung wird es noch eine ganze Weile dauern, falls es überhaupt mal klappt. Im Moment wird sehr viel gepusht, aber es kommt insgesamt sehr wenig dabei herum. Weil Investitionen eine gewisse Größe haben, gucken alle Verlage ganz genau darauf, dass sie nicht zu viel Geld ausgeben,. Andererseits wollen sie auch nicht zurückbleiben. Ich bin aber ganz zufrieden mit dem, wie es bei uns läuft im Vergleich zu anderen Zeitungshäusern. Wer Studios mietet und Moderatoren einstellt, dem sage ich aber: Lasst es mal lieber. Der Markt ist jetzt schon durch die Fernsehsender besetzt.

onlinejournalismus.de: Wie geht es weiter bei “DerWesten“?

Hündgen: Wir arbeiten gerade an den Plänen für das nächste Jahr. In Zukunft werden Videos eine noch wichtigere Rolle spielen – und zwar vor allem regionale und lokale. Die Reichweite muss man dabei eher relativ sehen als in blanken Zahlen: Wenn wir einen Beitrag über ein Dorf mit 500 Einwohnern machen, können den nicht 1000 Dorfbewohner anklicken. Aber wenn nach einem Fußballspiel im Sauerland mit 500 Zuschauern das Video dazu auf der Lokalseite 2000 Views hat, ist das eine ganze Menge.

Das ursprüngliche Interview wurde im August 2008 geführt – vor dem Bekanntwerden der WAZ-Krise. Welche Auswirkungen die drastischen Sparpläne der WAZ, die am morgigen Freitag bei einer Betriebsversammlung in Essen vorgestellt werden sollen, auf den Online-Bereich haben, ist noch nicht bekannt. Insgesamt schlagen Unternehmensberater laut SZ vor, rund 260 von 900 Stellen der vier WAZ-Zeitungen in Nordrhein-Westfalen abzubauen. Pläne für Online-Einsparungen sind aber noch nicht öffentlich geworden. Online-Chefin Katharina Borchert kündigte noch Mitte November im Branchenblatt Horizont mögliche Zukäufe und einen Relaunch des Videobereichs an.

Markus Hündgen ist vor kurzem zum Ressortleiter Video befördert worden, keine einfache Position in dieser Situation. Er hat viel zu tun, äußert sich aber zu Plänen von “DerWesten” für 2009 nicht öffentlich. Parallel hat sich Blogger Hündgen in seiner Netzexistenz ein Stück weit abgenabelt – und vor einigen Tagen eine eigene Community für Gleichgesinnte Online-Filmer ins Leben gerufen, die gut eine Woche nach ihrer Gründung 33 Mitglieder zählt.

onlinejournalismus.de: Was steckt hinter der Community videopunks.de?

Hündgen: Überall wird über Web-Video geredet – aber nicht mitgeredet. Videopunks.de soll eine Anlaufstelle für Web-Video-Macher sein, um sich auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Dabei geht es mir nicht um Verbreitung von Dogmen oder Propaganda für mein Videopunk-Manifest. Gemeinsam können wir voneinander lernen. Videopunks.de soll eine Möglichkeit dazu bieten.

Dieser Text erschien in ähnlicher Form zuerst im Medienmagazin Insight.

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