Nachrichten für die Tonne

Zeitungen gehören in den Müll. In den Papiermüll. Lose Zeitungsseiten, die der Wind durch Großstadtstraßen trägt, liegen gelassene Ausgaben in den Straßenbahnen, schrumplige Zeitungsstapel in den Badezimmern und marmeladeverschmierte Titelseiten auf den Frühstückstischen zeigen, dass eine Zeitungsausgabe schnell ausgedient hat – und dass zu viele Menschen ihre Zeitungen nicht ordentlich entsorgen. Die Mülltonne ist die Zukunft der Zeitung. Eine ziemlich grandiose Zukunft.

Klar, wie alle Medien, die wir künftig nutzen werden, wird sich auch die gedruckte Zeitung verändern müssen und sich unseren Nutzungsgewohnheiten anpassen. Schon jetzt bekommt sie mächtige Konkurrenz. Oft sogar aus dem eigenen Haus. Aktuelle Nachrichten werden heute im Internet gelesen. Ausgewählt und aufbereitet werden diese Nachrichten von Redakteuren nach den gleichen Qualitätsstandards, die normalerweise auch für Zeitungen gelten. Nur sind die Onlinenachrichten nicht schon einen Tag alt, wenn der Leser sie zu Gesicht bekommt. Im Internet zu arbeiten sei grandios, hat im vergangenen Sommer “Spiegel Online”-Chef Wolfgang Büchner in einem Interview mit dem “Medium Magazin” gesagt. “Hier können sie jederzeit reagieren, jederzeit senden und gleichzeitig auch immer eine Seite gestalten.” Deshalb finden auch viele Leser Online-Nachrichten grandios. Schon jetzt informieren sich 46 Prozent der Deutschen vor allem im Internet. Dagegen können Zeitungsnachrichten nur schwer anstinken – sie sind ein Produkt aus der Vergangenheit. Onlinenachrichten sind ein Produkt der Gegenwart.

Das Internet wird der Zeitung in naher Zukunft noch mehr Konkurrenz machen. Das Internet wird mobil – Dank neuer Trägermedien. Schon jetzt lassen sich Onlinenachrichten auf dem Handy empfangen und die neuen Smartphones machen die Schriften nicht nur lesbar, sondern tatsächlich augenfreundlich. Es wird nicht mehr lange dauern, dann kommt der Zeitungskiller auf den Markt. Der Killer für all die gedruckten Zeitungen, die sich nicht rechtzeitig verändert und angepasst haben und die nur den Hauch einer Ahnung von der grandiosen Zukunft gespürt haben, bevor sie in ihr teueres Verlegergrab sinken. Es dauert nicht mehr lange, dann kommt die Folie.

Die Folie könnte das Trägermedium der Zukunft sein. Ein hauchdünner Bildschirm der sich rollen und biegen lässt. Ein Bildschirm auf dem sich die Leser der Zukunft ihre Zeitung selbst zusammenstellen können und vom Internet auf ihre Folie übertragen. Sieht aus wie eine gedruckte Zeitung, fühlt sich an wie eine gedruckte Zeitung, tatsächlich aber informiert sich der Leser der Zukunft aus dem Internet. Wohl den Verlagen, die ihre Marken stark gemacht haben, bevor der Zeitungskiller umgeht. Der Leser der Zukunft saugt sich den Sportteil der “Süddeutschen Zeitung”, den Wirtschaftsteil der “FAZ”, den Debattenteil der “taz”, die Analysen des “Spiegels” und die Lokalnachrichten der “Leipziger Volkszeitung” auf seine Folie. Alles für ein paar Cent. Alles immer aktuell. Das ist der Tod der gedruckten Zeitung wie wir sie heute kennen. Und die Geburt der Zeitung mit der grandiosen Zukunft.

Eine mehrere hundert Euro teure Lesefolie nimmt schließlich niemand mit in die Badewanne. Marmeladeflecken will darauf auch keiner haben. Und in der U-Bahn wird sie höchstens geklaut, aber nicht einfach liegen gelassen. Die Lesefolie ist ganz schön umständlich. Zunächst müssen die Leser wissen, über was sie sich informieren wollen und die Beiträge selber zusammenstellen. Die Nachrichten müssen abonniert und übertragen und am Ende wieder gelöscht werden. Außerdem muss man höllisch auf das Endgerät aufpassen. Am Strand lesen und kurz mal liegen lassen, während man ins Meer hüpft ist nicht mehr. Mit einem Laptop würde das auch niemand machen. Am Ende wird die Folie die Onlinenachrichten aus Laptops und Handys befreit und die Tageszeitung von heute verdrängt haben. Aber das Bedürfnis am Strand oder mit einer Tüte Pommes in der Hand zu lesen wird es immer noch geben.

Die Zeitungsmacher der Zukunft haben sich darauf hoffentlich vorbereitet. Ähnlich wie Zeitschriften und Magazine in der Vergangenheit wird auch die Zeitung mehr und mehr zu einem Produkt für Nischenthemen und Hintergründe. Die großen Illustrierten gibt es nicht mehr. Dafür gibt es Wirtschaftsmagazine wie “Brand Eins”, Gesellschaftsmagazine wie “Dummy” und Kunstmagazine wie “Monopol”. Alle sind für Preise jenseits der Fünf-Euro-Marke zu haben. Alle haben eine eigene Layoutsprache entwickelt. Sie liefern Texte, Nachrichten und Fotos für Menschen die sich den Luxus solcher Magazine leisten wollen. Vergleichbares gibt es im Internet nicht. Die Zeitung der Zukunft wird Hintergründe, Analysen und Denkanstöße bieten müssen. Noch mehr als jetzt. Sie wird ihre eigene Marke stärken, große Themen ausgraben, eigene Bildsprachen finden und opulente Layouts entwickeln müssen. Die Zeitung der Zukunft wird sich der Formatfrage stellen müssen. Broadsheet oder Tabloid? Und die Zeitung der Zukunft wird vor allem Lesevergnügen bieten müssen. Durch eine Zeitung blättern und auf Informationen stoßen, auf die man sonst nie gestoßen wäre. Texte lesen, die man sonst niemals gelesen hätte. Dinge erfahren, die man sonst nie erfahren hätte – ohne danach suchen zu müssen: Das ist etwas was das Internet in der Regel nicht bietet und was die Zeitungsleser auch in Zeiten der Lesefolie noch freuen wird. Überraschung.

Dass der Spaß dann nicht mehr für 1,20 Euro zu haben ist, ist klar. Zeitungen werden sehr viel teuerer und die Auflagen sehr viel niedriger. Das macht aber nichts. Geld wird im Internet verdient. Mit den Foliennachrichten. Für den Strand, für den Frühstückstisch, für das Badezimmer oder eine lange Zugreise werden sich die Menschen trotzdem noch ihre Zeitung kaufen – und sie später in den Müll werfen. Einfach so. Darum Zeitung.

Dieser Text erschien bereits im Juni im Medien-Blog der taz.

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