“Glokal-Journalismus” konkret
Von Thomas Mrazek am 3. Januar 2009Redakteure aus Indien berichten über Gemeinderatssitzungen in Kalifornien. Dieser - schon zwei Jahre alte - Aufreger ist symptomatisch für die US-Zeitungskrise. Nachdem Mitte Dezember Meedia-Herausgeber Dirk Manthey etwas unkonkret über das “Offshore Reporting” beim amerikanischen Online-Magazin Pasadena Now berichtete, legt Focus Online jetzt mit einem Korrespondentenbericht von Susann Remke nach und zeigt, wie diese Berichterstattung im Alltag aussieht (kleiner Fehler dort: fälschlicherweise ist von den Pasadena News statt von Pasadena Now die Rede).
Ein “Glokal-Reporter” (eine Wortschöpfung des Pasadena Now-Verlegers James MacPherson, zusammengesetzt aus global und lokal) kostet demnach 1000 Dollar im Monat, 3000 Dollar weniger als sein US-Kollege. MacPherson entließ sieben seiner Lokal-Reporter in Pasadena und ersetzte sie durch sieben Glokal-Reporter in Indien. Diese besuchen beispielsweise Gemeinderatssitzung per Live-Übertragung im Internet oder führen Interviews per E-Mail. Freilich passieren auch Pannen, wie Remke berichtet.
Für die Nachrichtenagentur Reuters, die bereits 2004 mit dem Offshore Reporting begann, sollen bereits 1500 Wirtschaftsredakteure über das Börsengeschehen an der New Yorker Wall Street berichten. Doch nicht nur Journalistenjobs sind betroffen: “Der Columbus Dispatch (US-Bundesstaat Ohio) hat unlängst 90 Jobs in der Anzeigengrafik nach Prune, Indien verlegt”, heißt es in dem Focus Online-Artikel weiter. Schließlich erwähnt die Autorin noch einen mißlungenen Selbstversuch, eines Lokalredakteurs der “Washington Post”, der über eine Verwaltungsratssitzung in einem indischen Bundesstaat berichtete und seinen Beitrag dortigen Zeitungen anbot.
2006 blamierte sich übrigens der Süddeutsche Verlag mit einer geplanten Auslagerung von Sueddeutsche.de nach Prag. In der heutigen “Süddeutschen Zeitung” heißt es in einem Artikel über die “Zeitungskrise”: “2008 war in den USA das Jahr der Entlassungen. Mehr als 15 000 waren es bei den Tageszeitungen, wie der Blog paper cuts errechnet hat. Wird 2009 das Jahr der Konkurse?” Der Artikel “Würde Watergate heute noch aufgeklärt?” von Thomas Schuler ist online bei Jetzt.de abrufbar.
Nachtrag 06.01.09
Michael Gisiger reklamiert bei Medienrauschen: “Ich finde es irgendwie faszinierend, wie in den letzten Tagen plötzlich das Beispiel “Pasadena Now” aus der Mottenkiste geholt wurde und wird. Über die in Indien verfassten Lokalnews für Amerika habe ich bereits am 12.05.2007 - also vor fast 2 Jahren - in der Readers Edition etwas geschrieben”.
Nachtrag 07.01.09
Grrr (wenn so eine Emotion mal erlaubt sei), und im “Spiegel” war die Geschichte - zumindest als Anreißer für einen Text über die US-Zeitungskrise - schon vor Weihnachten (“Es geht ums Überleben”).
3. Januar 2009 um 12:49
Deutschland betrifft das erstmal nicht, weil wenig Ausländer deutsch lernen.
Deutsche könnten die schweizer Preise unterbieten, Österreicher die deutschen Abgabenlast unterbieten.
Jeder kann im günstigeren Ausland leben.
Im TV war mal ein deutscher Übersetzer, der im Russischsprachigen Ausland lebt und von dort aus arbeitet.
Wenn man das nicht möchte, sollte man in den Niedriglohnländern die Löhne steigern (”Engelen-Käfer nach Polen schicken”). Davon abgesehen kann man von den niedrigen Löhnen dort auch passabel leben. Von daher sind einfache Lohn-Umrechnungen ohne PEP (oder wie dieses paritätische Preiszeugs heisst) pressemößig unzulässig.
Und in einer echten Demokratie wären solche Sitzungen (und GesetzesAusschüsse usw.) per Internet kostenfrei barriere/schikanefrei (also auch unter Linux oder Behindert) teilnehmbar und die Transkripte offen im Internet.
Aber die Presse jammert nur und weint alten Zeiten nach.
Und wieso man zu irgendwelchen Parteitagen fahren muss (als Abgeordneter, Abgesandte und als Presse) ist eh fragwürdig. die echten Parteitage finden massiv parallel online statt. Authentisierung (für Stimmberechtigte) im lokalen ParteiGeschäftsRaum.
Von solchen Parteitagen gibts dann ein/mehrere BestOfs im Netz (generiert aus dem Transkript).
3. Januar 2009 um 14:12
Der Focus-Bericht macht doch schön deutlich, wo die - auf der Hand liegenden - Grenzen dieses Modells sind: Dort, wo es zwischenmenschliche Nuancen, eigene Beobachtung und andere Vor-Ort-Erfahrungen ankommt.
4. Januar 2009 um 16:32
Nun sei bedankt, mein lieber Schwan! …
Wagner hat die aktuelle Situation der Medienbranche in seinem Lohengrin sehr schön beschrieben.
Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!
Zieh durch die weite Flut zurück,
dahin, woher mich trug dein Kahn,
kehr wieder nur zu unsrem…
5. Januar 2009 um 11:15
Wenn “Journalisten” und Verleger die Messlatte selber so niedrig legen, indem sie Reihenweise nur Pressemitteilungen und Agentursmeldungen umformulieren, so liegt es nahe, diese halbmechanische Arbeit auch noch durch Outsourcing weiter zu verbilligen.
5. Januar 2009 um 17:45
Ehrlich, im ersten Moment musste ich lachen. Dann merkte ich, dass die Meldung doch kein Scherz war, und war schockiert. Doch jetzt bin ich wieder gelassen.
So etwas kann nur passieren, wenn Verleger die Qualitätsstandards ihrer Zeitung in den Keller fahren wollen. Viele wichtige Informationen erhält man als Journalist nur durch gute Kontakte und exzellente Kenntnis im jeweiligen Gebiet, sei es die kommunale Selbstverwaltung oder die Trainingsqualitäten des jeweils aktuellen BVB-Trainers. Das kann man von Indien, China etc. nicht bewerkstelligen. Anwesenheit vor Ort ist einfach Pflicht für viele Themen.