Die Nachrichten-Hatz

Twitter (Screenshot)

Für ein monatlich erscheinendes Extrem-General-Special-Interest-Magazin sitze ich gerade an einer Geschichte über “Twitter”. Es geht um Nachrichten und Microblogging-Dienste und wie Redaktionen versuchen mit dem Wahnsinnstempo Schritt zu halten. Dazu habe ich heute mit Christoph Neuberger telefoniert. Der Journalismusprofessor beobachtet seit mehr als zehn Jahren die Entwicklung der Online-Medien in Deutschland und hat dazu umfangreiche empirische Studien durchgeführt.

Ein paar kleine Ausschnitte aus dem Gespräch gibt es jetzt schon. Den Rest gibt’s später. Sobald das Extrem-General-Special-Interest-Magazin erschienen ist…

Herr Neuberger, wie sollten Journalisten mit Informationen aus Microblogging-Diensten umgehen? Schnell raushauen oder lieber noch mal nachprüfen?

Man muss sich entweder für das eine oder das andere entscheiden. Aber vielleicht gibt es ja irgendwann einmal Darstellungsformen mit denen man beides irgendwie in den Griff bekommt. Dass man beispielsweise sagt: „Wir haben da gerade etwas bekommen über Twitter“ und daneben stellt man eine Art Skala die anzeigt, in welchem Maße die Information bereits überprüft ist. Man teilt dem Rezipienten seinen Vorbehalt also mit. Die Redaktion zeigt so, dass es sich also um eine aktuelle Information handelt, die noch nicht bestätigt ist. So etwas in der Art kennt man ja schon von Eilmeldungen. Die Leser bekommen den Hinweis „das und das ist passiert, wir prüfen das jetzt und bestätigen das dann noch ein mal“.

Sind Twitter-User die neue Konkurrenz für Nachrichtenagenturen, Radiosender und Onlinedienste, die ja alle auch ziemlich schnell sein wollen?
Oder anders gefragt: Kommt der Bürgerjournalismus jetzt doch noch – durch die Hintertür?

Ich glaube, das ist ein Randphänomen. Das wird im Moment alles sehr stark gehypt. Aber was da passiert ist nicht wirklich mit gutem Journalismus vergleichbar. Was wir uns ja wünschen vom Journalismus – gerade vom Internet-Journalismus – ist, dass er Vertiefung bietet, dass er die multimedialen Möglichkeiten anbietet, dass er also wirklich ein Thema opulent aufbereitet, einschließlich der Anschlusskommunikation und der Diskussion die da zu einem Thema stattfinden kann. Da sehe ich für Twitter eigentlich kaum Möglichkeiten. Ein journalistischer oder politischer Diskurs kann mit 140 Zeichen nicht entstehen.

Aber was ist denn beispielsweise mit bnonews.com? Da wird gerade versucht eine Nachrichten-Netzwerk über Twitter aufzubauen. So genannte „Reporter“ twittern Breaking News aus der ganzen Welt…

Ja aber da ist doch auch wieder die Frage: Ist da ein Gatekeeper in der Redaktion, der dann noch mal eine Auswahl trifft. Es geht ja nicht nur immer darum, dass die Infos schnell rüber kommen, sondern es geht darum zu prüfen was publiziert werden soll und ob das wirklich relevant ist. Wenn bei dem Twitter-Dienst kein Schleusenwärter sitzt, dann ist das eigentlich nur eine Nachrichtenbündelung. Jeder darf mal dazwischenrufen, was er gerade gehört oder erlebt hat.

Aber bekommt der Leser bzw. der Nutzer durch diese ganzen Plattformen nicht doch mehr Einfluss?

Das ist ein Phänomen, das man nicht erst seit Twitter beobachten kann. Das gibt es schon so lange es Weblogs gibt, dass Leser mit Ihren Kommentaren und Geschichten nicht mehr an eine Redaktion herantreten. Und die Redaktionen bekommen damit natürlich auch ein kleines Problem.

Das Phänomen des „Bild“-Leserreporters ist ja der Versuch gewesen, diese ganze Entwicklung zu kanalisieren. Die „Bild“-Zeitung ruft ihre Leser auf, erstmal der Redaktion die Fotos zu schicken und bietet dafür als Gegenleistung Geld oder einen Abdruck an. Damit will man natürlich verhindern, dass die Redaktion umgangen wird. Nur: Bei Augenzeugenberichten sind Redaktionen immer schon im Nachteil gewesen. Die Reporter sind bei überraschenden Ereignissen immer schon zu spät gekommen, weil sie ja nie wissen können, wo genau was passieren wird. Da ist immer jemand schneller da. Und heute haben die Leute, die vor Ort sind, auch die technischen Möglichkeiten das ganze nicht nur zu fotografieren, sondern auch gleich zu publizieren.

Das ist sicherlich eine Entwicklung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Die beschränkt sich aber auf den Bereich der Augenzeugenberichterstattung und der ganz schnellen Weitergabe von Nachrichten. Das was Journalismus im Kern ausmacht, die Überprüfung, die sorgfältige Nachbereitung, die Interpretation, die Kontextualisierung, die Kommentierung wichtiger Fragen, das findet da in keiner Weise statt.

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