Exklusives “Internet-Tagebuch des Familienmörders”

Von Thomas Mrazek am 25. Februar 2009

abendblatt_tagebuch
Vier Menschen sind tot. Wer sucht, stößt im Internet schnell auf Seiten, auf denen sie über sich und ihr Leben berichten, private Fotos zu sehen sind. Wie gehen Medien damit um? Das Beispiel “Hamburger Abendblatt”.

Am 21. Februar meldete [update 23.03.09: die entsprechende Seite wurde inzwischen kommentarlos entfernt.] das Hamburger “Abendblatt”: “Polizisten haben in Bad Bramstedt vier Leichen entdeckt. Der 38 Jahre alte Rüdiger W., seine Ehefrau Jennifer (33) und die beiden Kinder (elf und zwölf Jahre) lagen tot in ihrer Wohnung.” Vermutlich hat Rüdiger W. sich und seine Familie getötet. Am 25. Februar erscheint beim “Abendblatt” ein Artikel mit der Überschrift “Internet-Tagebuch des Familienmörders”, [update 23.03.09: die entsprechende Seite wurde inzwischen kommentarlos entfernt.] darin heißt es unter anderem:

“Es bleiben viele Fragen nach dem Familiendrama in Bad Bramstedt, das die Menschen in Norddeutschland erschüttert hat. Doch es gibt auch einige Antworten. Dem Abendblatt liegt exklusiv das Internet-Tagebuch (Blog) des Familienvaters vor - mit Einblicken in die Seele eines Verzweifelten.”

Abgesehen davon, dass das Blog mit einer Google-Suchanfrage derzeit noch für jedermann zugänglich ist und somit nicht “exklusiv” dem “Abendblatt” vorliegt, wie dies seinen Lesern weismachen möchte, halte ich diese Berichterstattung zumindest teilweise für journalistisch und ethisch zweifelhaft.

Einen ähnlichen Fall dokumentierten wir in dem Beitrag “Deckname Moser”, hier wurden die persönlichen Einträge einer ermordeten Studentin aus StudiVZ auf üble Art und Weise von Journalisten interpretiert und publiziert. Im vorliegenden Fall muss sich auch der Anbieter des Blog-Services, Google, fragen lassen, warum die Daten weiterhin öffentlich zugänglich sind. Eine entsprechende Anfrage haben wir am Morgen des 26.02.2009 an Google Deutschland gerichtet.

Nachtrag, 14 Uhr
Den Redaktionen von “Bild” (22.02.09) und “Mopo” (23.02.09) lag das “exklusive” Tagebuch schon etwas früher vor.

Nachtrag, 19/21 Uhr
Die in den beiden vorgenannten “Abendblatt”-Artikel verwendeten Familienbilder stammen von einer weiteren Homepage Rüdiger W.s. Unter beiden Bildern wird als Fotograf einer der beiden “Abendblatt”-Autoren, Florian Büh, angegeben. Auf unsere Anfrage, woher ein konkretes Foto (offenbar ein Urlaubsmotiv) stamme, möchte Herr Büh nur noch so zitiert werden: “Ich kann zu diesem speziellen Fall nur an das Hamburger Abendblatt verweisen!!!”. Zuvor hatte er noch gesagt, dass er dieses Bild dem “Abendblatt” zugeliefert habe.

Beim “Abendblatt” ist man aber eher reserviert: Zapp durfte dort jedenfalls nicht drehen, teilte die NDR-Redaktion onlinejournalismus.de mit.

Im “Bild”-Bericht gibt es ebenfalls Fotos der Familie, die bei privaten Gelegenheiten entstanden zu sein scheinen.

Nachtrag 27.02.2009, 15.30 Uhr
Weder Google noch das Hamburger “Abendblatt” (wir schrieben eine E-Mail an vier verschiedene “Abendblatt”-Adressen, unter anderem die von Chefredakteur Claus Strunz) haben bislang auf unsere Anfragen geantwortet.

Weitere Links


Nachtrag 23.03.2009

Wir warten nach wie vor auf die Antworten von “Abendblatt”-Chefredakteur Claus Strunz und Google-Pressesprecher Stefan Keuchel.

Nachtrag 26.03.2009
Stefan Keuchel hat inzwischen geantwortet:

“Der fragliche Blog wurde von der Google Inc. mittlerweile nochmals auf Richtlinienverstöße geprüft. Zum jetzigen Zeitpunkt liegen der Google Inc. keine Hinweise zu einem Verstoß gegen die Blogger-Richtlinien oder zu einer etwaigen Rechtsverletzung durch die in dem Blog eingestellten Beiträge vor. Sollte Google diesbezüglich zukünftig weitere Hinweise erhalten, werden diese selbstverständlich geprüft. Für diesen Fall behält sich Google eine Sperrung des Blogs ausdrücklich vor.”

Das NDR-Magazin Panorama beschäftigt sich in seiner Sendung vom 26.03.09 unter anderem mit dem Thema “Raubzug im Internet - wie Medien Privatfotos stehlen”.

10 Antworten zu “Exklusives “Internet-Tagebuch des Familienmörders””

  1. ChrisK sagt:

    Wahrscheinlich veröffentlicht news.at demnächst auch noch das Tagebuch von Herrn Fritzl - so geschmacklos waren ja bislang nicht einmal die privaten TV-Sender…

  2. stk sagt:

    Digitale Vermaechtnisse…

    Alles ist vergaenglich, und jedes Leben kommt an ein Ende. Auch der eine oder andere Blogger wird irgendwann einmal das zeitliche segnen, und es stellt sich die Frage, was danach mit den von ihm veroeffentlichten Inhalten passiert.
    Ganz besonders aufme…

  3. Fiete Stegers sagt:

    Vielleicht bedeutet “liegt exklusiv vor” ja auch, dass die Abendblatt-Redaktion als einzige einen Komplettausdruck des Internet-Tagebuchs (Blogs) besaß. ;-)

  4. Jan Schmidt sagt:

    Die Verweise auf Bild und Mopo linken beide auf bild.de…
    Danke, korrigiert. T.M.

  5. Fiete Stegers sagt:

    Der Begriff der Exklusivität wird vom Abendblatt offenbar noch exklusiver ausgelegt als bisher gedacht: Jan Schmidt verlinkt auf einen Artikel, in dem das Abendblatt selbst bereits am 23.02. auf das Blog verweist.

  6. Thomas Sochart sagt:

    Der Blog im Internet wurde gekürzt und verrät nichts über die Motive. Vermutlich hat jemand versucht, die Spuren zu verwischen.

    Das wäre nicht der erste Vater, der vom Familiengericht in die Verzweiflung oder sogar in den Tod getrieben woden ist.

    Anmerkung der Redaktion:

    Egal wie verzweifelt jemand sein mag, rechtfertigt das nicht, seine Familie zu töten.

    Widmen wir uns ab jetzt aber hier bitte wieder den medienrelevanten Aspekten des Themas.

  7. stk sagt:

    Oehm, mal die Frage: Welche Reaktion erwartet ihr von Google? Gibt es irgendeine Pflicht von Seiten eines Hosters, Inhalte nach dem Ableben des Verfassers zurueckzuziehen?

  8. Thomas Mrazek sagt:

    @stk: Ich erwarte da schlichtweg freiwilliges Handeln von Google; spätestens seit Mittwoch sollte diese Sache ja dort bekannt sein. Es wäre ein Leichtes für Google, dieses Blog aus medienethischen Gründen abzustellen. Es ist beispielsweise in diesem Blog ein noch lebendes Familienmitglied abgebildet, allein das wäre ein Argument, die Seite sofort vom Netz zu nehmen. Daraus ergibt sich für mich die menschliche Pflicht, dieses Angebot nicht mehr öffentlich zugänglich zu machen.

    Obendrein besteht ja auch noch die Gefahr, dass in dem Blog oder im Gästebuch der Freenet-Seite (für die m. E. übrigens das Gleiche wie für Google gilt) Kommentierende auf irgendeine Art und Weise von Außenstehenden belästigt werden.

    Ich halte das Nicht-Reagieren von Google, ebenso wie die vom “Abendblatt”-Chefredakteur Claus Strunz, für sehr enttäuschend. Wir werden aber dran bleiben.

  9. stk sagt:

    @Thomas Mrazek, so einfach finde ich die Sachlage nicht. Siehe Trackback — wir hatten zwar bislang keinen Moerder bei uns, aber dennoch ist es schwierig, pauschal zu sagen, was man denn in so einem Fall machen soll.

    Vor allem ist angesichts der schieren Flut registrierter Nutzer nicht immer so ohne weiteres von sich aus festzustellen, dass man da das Blog jemandes hostet, der gerade auf die Art und Weise in den Schlagzeilen steht. Zumal auch beachtet werden sollte, dass eigentlich nicht der Bloghoster, sondern der Blogger der Herausgeber des Blogs ist.

    PS, Fleissaufgabe fuer die Juristen: Angenommen, der Blogservice kostet und wurde fuer das laufende Jahr im Voraus bezahlt; die Inhalte widersprechen zudem nicht gegen die AGB des Hosters. Handelt der Hoster rechtmaessig, wenn er das Angebot unaufgefordert aus dem Netz nimmt?

  10. Thomas Mrazek sagt:

    @stk: Ich wäre zunächst mal froh, wenn - wir beschränken uns ja jetzt nur auf das eine Thema - sich Google melden würde und mir sagen würde: so und so handhaben wir das.

    Wir vertrauen ja mitunter Google nolens volens auch vertrauliche Daten an, da möchte ich auch irgendwie die Gewähr haben, dass dieses Unternehmen in jeglicher Hinsicht verantwortungsvoll mit diesen Daten umgeht und diese Datenmengen vor allem auch technisch im Griff hat. Ich hoffe, dass sich das bald klärt.

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