Exklusives „Internet-Tagebuch des Familienmörders“

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Vier Menschen sind tot. Wer sucht, stößt im Internet schnell auf Seiten, auf denen sie über sich und ihr Leben berichten, private Fotos zu sehen sind. Wie gehen Medien damit um? Das Beispiel „Hamburger Abendblatt“.

Am 21. Februar meldete [update 23.03.09: die entsprechende Seite wurde inzwischen kommentarlos entfernt.] das Hamburger „Abendblatt“: „Polizisten haben in Bad Bramstedt vier Leichen entdeckt. Der 38 Jahre alte Rüdiger W., seine Ehefrau Jennifer (33) und die beiden Kinder (elf und zwölf Jahre) lagen tot in ihrer Wohnung.“ Vermutlich hat Rüdiger W. sich und seine Familie getötet. Am 25. Februar erscheint beim „Abendblatt“ ein Artikel mit der Überschrift „Internet-Tagebuch des Familienmörders“, [update 23.03.09: die entsprechende Seite wurde inzwischen kommentarlos entfernt.] darin heißt es unter anderem:

„Es bleiben viele Fragen nach dem Familiendrama in Bad Bramstedt, das die Menschen in Norddeutschland erschüttert hat. Doch es gibt auch einige Antworten. Dem Abendblatt liegt exklusiv das Internet-Tagebuch (Blog) des Familienvaters vor – mit Einblicken in die Seele eines Verzweifelten.“

Abgesehen davon, dass das Blog mit einer Google-Suchanfrage derzeit noch für jedermann zugänglich ist und somit nicht „exklusiv“ dem „Abendblatt“ vorliegt, wie dies seinen Lesern weismachen möchte, halte ich diese Berichterstattung zumindest teilweise für journalistisch und ethisch zweifelhaft.

Einen ähnlichen Fall dokumentierten wir in dem Beitrag „Deckname Moser“, hier wurden die persönlichen Einträge einer ermordeten Studentin aus StudiVZ auf üble Art und Weise von Journalisten interpretiert und publiziert. Im vorliegenden Fall muss sich auch der Anbieter des Blog-Services, Google, fragen lassen, warum die Daten weiterhin öffentlich zugänglich sind. Eine entsprechende Anfrage haben wir am Morgen des 26.02.2009 an Google Deutschland gerichtet.

Nachtrag, 14 Uhr
Den Redaktionen von „Bild“ (22.02.09) und „Mopo“ (23.02.09) lag das „exklusive“ Tagebuch schon etwas früher vor.

Nachtrag, 19/21 Uhr
Die in den beiden vorgenannten „Abendblatt“-Artikel verwendeten Familienbilder stammen von einer weiteren Homepage Rüdiger W.s. Unter beiden Bildern wird als Fotograf einer der beiden „Abendblatt“-Autoren, Florian Büh, angegeben. Auf unsere Anfrage, woher ein konkretes Foto (offenbar ein Urlaubsmotiv) stamme, möchte Herr Büh nur noch so zitiert werden: „Ich kann zu diesem speziellen Fall nur an das Hamburger Abendblatt verweisen!!!“. Zuvor hatte er noch gesagt, dass er dieses Bild dem „Abendblatt“ zugeliefert habe.

Beim „Abendblatt“ ist man aber eher reserviert: Zapp durfte dort jedenfalls nicht drehen, teilte die NDR-Redaktion onlinejournalismus.de mit.

Im „Bild“-Bericht gibt es ebenfalls Fotos der Familie, die bei privaten Gelegenheiten entstanden zu sein scheinen.

Nachtrag 27.02.2009, 15.30 Uhr
Weder Google noch das Hamburger „Abendblatt“ (wir schrieben eine E-Mail an vier verschiedene „Abendblatt“-Adressen, unter anderem die von Chefredakteur Claus Strunz) haben bislang auf unsere Anfragen geantwortet.

Weitere Links


Nachtrag 23.03.2009

Wir warten nach wie vor auf die Antworten von „Abendblatt“-Chefredakteur Claus Strunz und Google-Pressesprecher Stefan Keuchel.

Nachtrag 26.03.2009
Stefan Keuchel hat inzwischen geantwortet:

„Der fragliche Blog wurde von der Google Inc. mittlerweile nochmals auf Richtlinienverstöße geprüft. Zum jetzigen Zeitpunkt liegen der Google Inc. keine Hinweise zu einem Verstoß gegen die Blogger-Richtlinien oder zu einer etwaigen Rechtsverletzung durch die in dem Blog eingestellten Beiträge vor. Sollte Google diesbezüglich zukünftig weitere Hinweise erhalten, werden diese selbstverständlich geprüft. Für diesen Fall behält sich Google eine Sperrung des Blogs ausdrücklich vor.“

Das NDR-Magazin Panorama beschäftigt sich in seiner Sendung vom 26.03.09 unter anderem mit dem Thema „Raubzug im Internet – wie Medien Privatfotos stehlen“.

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