VG Wort: “Bitte gestehen Sie uns eine Lernphase zu”

Screenshot VG Wort

Seit 2007 können auch Onlinejournalisten Geld für Texte bekommen, die sie bei der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) melden – wie es für Print-, Radio- und Fernsehjournalisten schon seit langem möglich ist. Doch das neue Online-Meldeverfahren ist vor allem eines: ungeheuer kompliziert. Warum nur? Annette Wagner von der VG Wort musste im Interview mit onlinejournalismus.de viele Fragen beantworten.

Das offizielle Meldeverfahren der VG Wort für Internet-Texte trägt den Namen Metis. Wer sich näher damit beschäftigt, muss noch viele weitere neue Begriffe lernen. Zum Meldeverfahren und dem entsprechenden Internet-Interface gab es zeitweise gleich mehrere mehrseitige PDF-Handbücher, die trotzdem nicht einfach zu verstehen waren.

Viele Onlinejournalisten hat das abgeschreckt, ihre Verwertungsrechte geltend zu machen. Noch entscheidender war die Tatsache, dass für die Teilnahme am Ausschüttungsverfahren die genauen Abrufe von Artikeln gewertet werden sollten. Dafür setzte die VG Wort voraus, dass individuelle Zählpixel in die entsprechenden Seiten eingebaut wurden – kaum ein Medium machte da mit mit. Zusätzlich konnten die Urheber selbst in ihre eigenen Websites Zählpixel (Oder waren das Vorpixel? Die Begrifflichkeiten waren diffus und wenig selbsterklärend) einbauen.

Offenbar weil ihr Verfahren nicht akzeptiert wurde, bot die VG Wort 2008 eine Sonderausschüttung an, für die auch Texte ohne Zählpixel gemeldet werden konnten. Allerdings war das Melde-Interface kaum einfacher. Wie ist nun der Stand der Dinge? Fragen an Annette Wagner.

Können Sie bereits eine Schätzung geben, wie viele Autoren sich mit wie viel Texten am Meldeverfahren für Online-Texte beteiligt haben?

Die Frage nach der Beteiligung lässt sich momentan noch nicht beantworten, da im Rahmen der regulären Tantieme (mit Zugriffszählung) Texte erst nach Erreichen des Mindestzugriffes gemeldet werden können. Der Mindestzugriff wird aber momentan erst im Nachgang festgelegt (Ende Mai 2009 für das Erhebungsjahr 2008). Erst nach der Festlegung kann gemeldet werden und ist eine Aussage zu den Beteiligten der regulären Tantieme möglich. Die Anzahl der gezählten Texte entspricht ja nicht der Anzahl der beteiligten Urheber. Für die Sonderausschüttung ohne Zählpixel haben ca. 1500 Urheber Meldungen eingereicht.

Entspricht dies Ihren Erwartungen?

Die Beteiligung in 2008 entsprach, nachdem was wir bisher beurteilen können, unseren Erwartungen.

Aus welchen Bereichen kommen diese Texte – sind es beispielsweise überwiegend online veröffentlichte Texte aus Zeitschriften oder aber Texte aus Weblogs?

Die Texte kommen aus allen Bereichen. Da keine Angabe notwendig ist, ob ein Text bereits in einem anderen Medium erschienen ist oder es sich um einen reinen Onlinetext handelt, ist dazu (auch für die Sonderausschüttung) leider keine Angabe möglich.

Welche Gesamtsumme wird voraussichtlich in etwa an diese ausgeschüttet werden? Wie ist das Verhältnis zwischen normaler und Sonderausschüttung für gemeldete Texte im Internet ohne Zählpixel?

Alle Informationen über Ausschüttungsbeträge werden jeweils in unseren Geschäftsberichten bzw. Ende Mai nach der Mitgliederversammlung veröffentlicht. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir vor den Entscheidungen der jeweiligen Gremien keine Zahlen veröffentlichen können.

Es ist richtig, dass es 2009 eine weitere Sonderausschüttung geben wird?

Eine Sonderausschüttung in 2009 läuft bereits seit 1.1.2009. Die entsprechenden Informationen sind nach wie vor abrufbar.

Ihr Meldesystem für Online-Texte ist ungeheuer kompliziert – das Web-Interface gar so sehr, dass Sie mehrere mehrseitige Handbücher im PDF-Format anbieten mussten, um die Abläufe und die besonderen Begriffe des Systems zu erklären. Dann wurde das System zwar teilweise vereinfacht – aber mitten in der heißen Phase der Meldungen zum Jahresende umgestellt. Wollen Sie Autoren abschrecken?


Die VG WORT ist weltweit die erste Verwertungsgesellschaft, die sich ernsthaft mit dem Internet auseinandersetzt. Bitte gestehen Sie uns in diesem Fall auch eine gewisse Lernphase zu. Unser Ziel ist es, Urhebern zu ihrem Geld zu verhelfen und dies auf eine Weise zu tun, die bei aller notwendigen Verallgemeinerung doch so gerecht wie möglich ist. Die “Kinderkrankheiten” der neuen Tantieme sollten nach der vollständigen Systemumstellung aber alle behoben sein.

Der Zeitpunkt für den Beginn der Systemumstellung war ungünstig. Das sehen wir genauso. Doch war die VG WORT in diesem Fall Opfer höherer Gewalt. Das etwas überstürzte Vorgehen wurde uns von außen aufgezwungen. Wir hätten sonst die Umstellung erst nach dem Meldeschluss für die Sonderausschüttung begonnen.

Trotzdem wurde die Umstellung sehr gut angenommen. Die Sonderausschüttung ist ja seit der Umstellung so einfach, dass im Dezember pro Stunde bis zu 1500 Meldungen abgegeben wurden. Zwei Drittel der Meldungen zur Sonderausschüttung wurden über die neue Maske abgegeben. Das spricht eigentlich dafür, dass der Umstieg zwar hart aber erfolgreich war.

Einige Detailfragen dazu: Warum wurde beispielsweise ohne vorherigen Hinweis im neuen Interface die Möglichkeit gestrichen, dass ich als Autor nachträglich sehen kann, welche Beiträge ich bereits gemeldet habe? So muss ich
mir jede Meldung einzeln auf meinem Rechner speichern, um den Überblick zu behalten.


Die Umstellung des Systems ist noch nicht vollständig. Auf einiges wird man später wieder Zugriff haben, allerdings werden korrekt erstellte und versandte Meldungen vermutlich nicht mehr angezeigt werden.

Warum ist die Unterscheidung nach der Art der Website im Meldeformular plötzlich weggefallen?

Es gibt bisher nur die Sonderausschüttung und da ist diese Angabe unerheblich. Es sind ja nur Meldungen auf fremden Seiten möglich. Texte auf der eigenen Homepage kann man in der Sonderausschüttung nicht melden. Im Rahmen der Meldung zur regulären Tantieme (mit Zugriffszählung) werden Sie diesen Punkt in vereinfachter Form wieder finden.

Wie melde ich einen bei einem Online-Medium veröffentlichten Artikel, der aber unter verschiedenen URL abrufbar ist. Zum Beispiel: http://www.tagesschau.de/inland/vorratsdatenspeicherung104.html und http://www.tagesthemen.de/inland/vorratsdatenspeicherung104.html oder http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,604880,00.html und http:// www.spiegel.de/panorama/0,1518,druck-604880,00.html?

Im Rahmen der Sonderausschüttung ist nur ein einzelner, vollständiger Textstandort anzugeben. Weitere Standorte verändern die Ausschüttungshöhe nicht und werden nicht berücksichtigt. Bei Spiegel Online machen Sie die Meldung nicht selbst, das erledigt der Verlag für Sie. Hier werden identische Texte an unterschiedlicher Stelle mit der gleichen Zählmarke versehen. Bei der Meldung werden dann alle URLs angegeben. Aber wie gesagt: Sie melden diese Texte ohnehin nicht, sondern kontrollieren nur die Verlagsmeldung in Ihrem Account im Online Meldesystem der VG WORT und geben diese frei. Selbst Meldungen erstellen müssen Sie im wesentlichen nur in zwei Fällen: für Texte auf eigenen Internetseiten und im Rahmen der Sonderausschüttung.

Wie lang braucht Ihrer Schätzung nach ein Autor durchschnittlich für das Melden eines Online-Artikels und wie viel Geld aus der Ausschüttung kann er oder sie dafür erwarten?

Nach der Systemumstellung haben Autoren für die Sonderausschüttung bis zu fünf Beiträge pro Minute gemeldet. Wie gesagt, momentan ist noch keine Aussage zu Geldbeträgen möglich. Möglich ist nur die Aussage, dass die Ausschüttung pro Beitrag im Rahmen der Sonderausschüttung geringer sein wird, als im Rahmen der regulären Tantieme.


Das System mit Zählpixeln für Online-Texte wird von den meisten Medienunternehmen nicht akzeptiert. Warum halten Sie daran fest, wo doch beispielsweise die Meldungen für das Presserepro der VG Wort auf viel groberen Angaben zur Auflage eines Mediums und geschätzter Gesamtzahl der von einem Autoren veröffentlichten Zeichen beruhen – und offenbar auch funktionieren?

Ungeduld bei der Einführung eines neuen Systems ist aus der Perspektive unserer Urheber natürlich verständlich. Aber es braucht immer eine gewisse Zeit, bis etwas Neues akzeptiert wird.

Spiegel Online hat das System ja Ende 2008 bereits übernommen, Stern und Burda (Focus etc.) werden in den nächsten Wochen folgen. Eigentlich kommen jeden Tag weitere Seiten hinzu. Selbst wissenschaftliche Bibliotheken arbeiten an der Umsetzung. Auch Seiten wie Wikipedia wollen das System übernehmen, müssen aber intern noch einiges klären.

Was Presse-Repro angeht muss ich Ihnen widersprechen. Auch hier akzeptieren wir keine Schätzungen. Ein Meldeverfahren für einzelne Texte ist hier allerdings nicht sinnvoll, weil alle Texte innerhalb einer gedruckten Zeitung die gleiche Reichweite haben. Dies ist bei Publikationen im Internet völlig anders.

Die Fragen wurden per E-Mail gestellt.

Weitere Links:
… im übrigen Internet

  • KoopTech: Wikipedia und die VG Wort Interview mit Mattthias Schindler
  • KoopTech: Fronarbeit für die VG Wort – Der Ärger mit dem Meldeverfahren
  • Facebook
  • Twitter
  • StumbleUpon
  • Diigo