Hans-Jürgen Jakobs’ „Stiftung Blasentest“

Im druckfrischen und empfehlenswerten Werk „Die Alpha-Journalisten 2.0“ porträtiert Medienjournalist Christian Meier den Sueddeutsche.de-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs. „Der Konvertit“ lautet der Titel seines Aufsatzes. Meier schreibt:
„Auch sueddeutsche.de hat freilich beim Wettlauf um die bizarrsten Klickmonster mitgemacht. Beispielsweise mit Durst-Strecke: Die 100 besten Bier der Welt oder einer umfänglichen Galerie mit Fotos von Luxusuhren. „Da frage ich mich heute schon, wie es dazu kommen konnte“, übt sich Jakobs in Selbstkritik. Solche Galerien seien eher Katalog- als Journalistenarbeit und würden nicht mehr produziert. Seit einiger Zeit gelte für Fotostrecken eine interne Grenze von 25 bis 30 Elementen.“
Jakobs’ Einsicht in allen Ehren. Was davon zu halten ist? In der letzten Woche präsentierte Sueddeutsche.de im Ressort Kultur unter der Überschrift „Stiftung Blasentest“ folgende 101-seitige Bilderstrecke:
„Zum Tag des deutschen Bieres am 23. April aktivieren wir für Sie, liebe Leser, einen unserer am besten gehüteten Schätze: die Bildergalerie „Die 100 besten Biere der Welt“.“
Wohlwissend, dass man sich dabei unter Journalistenkollegen lächerlich macht:
„Das ist keine beliebige Aneinanderreihung von Motiven und Dreipünktchen-Textumbrüchen, sondern der „Klassiker des Genres“ der Bildergalerien, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung befand. „Tolle Fotos, blumige Besprechungen [...] Ein wahrer Genuss, nicht nur für Biertrinker!“, jauchzte Don Farrago vor Freude in seinem Blog. Die Netzeitung.de verlieh uns für diese „sinnreduzierte Klickstrecke“ den „Hassbambi 2007“. Und auf Onlinejournalismus.de urteilte man ambivalent: „Wenn die Leute so blöd sind und viel anklicken – warum soll man das nicht anbieten, mag man vielleicht jetzt einwenden.““
Abgesehen davon, dass solche Beiträge den „Alpha-Journalisten“ Jakobs als Witzfigur erscheinen lassen, schädigt man mit dem trotzigen Verteidigen dieses Blödsinns die gute Marke der „Süddeutschen Zeitung“. Ärgerlich ist auch, dass man den Autor des Biertestes (die Kritiken stammen aus einem Buch), Michael Rudolf, zwar erwähnt („der einer der besten und sprachgewaltigsten Bierkenner war“) – auf sein tragisches Ableben 2007 (siehe „taz“-Nachruf „Das Leben ein Streich“) geht man freilich überhaupt nicht ein (das übersteigt wohl die Kompetenz der Katalogarbeiter und würde eher „abtörnend“ auf die Leser wirken).
Weitere Links zum Thema
- „Der neue Hype“: Wie die allzu starke Fixierung auf Klickquoten dem Journalismus schadet, erschienen in “Journalist” 12/2007.
- „Hans-Jürgen Jakobs und der “Journalismus in Gefahr” – ein Nachdenkstück zum Mitklicken“ bei Onlinejournalismus.de
- „Qualitätsjournalimus nach sueddeutsche.de-Art“, erschienen in „Berliner Journalisten“, Ausgabe 3/2007, Download als PDF, 3 Seiten, 456 kb.
- Stephan Weichert, Christian Zabel (Hrsg.): Die Alpha-Journalisten 2.0: Deutschlands neue Wortführer im Porträt. Herbert von Halem Verlag, 2009, 285 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3-938258-92-7




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