Heddesheimblog: Seinen Job lieben und die Leser ernst nehmen

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Der Journalist Hardy Prothmann betreibt seit April das Heddesheimblog. Hardy Prothmann ist überzeugt, dass diese Form des Regionaljournalismus eine Zukunft hat. Wir haben mit ihm gesprochen.

Es handelt sich um ein ausführliches Gesprächsprotokoll, das Gespräch wurde per E-Mail geführt. Hardy Prothmann arbeitet seit 1991 als freier Journalist. Seit April 2009 bloggt er. Er betreibt an seinem Wohnort das Heddesheimblog. „Heddesheim ist eine Gemeinde mit rund 11.500 Einwohnern. Sie liegt im Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg in der Nähe von Mannheim und ist Teil der Metropolregion Rhein-Neckar, einem Ballungsraum mit 2,4 Millionen Einwohnern“, heißt es bei der Wikipedia.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, das Heddesheimblog zu gründen?

Die Idee entstand, als ich zur geplanten Ansiedlung der Logistik-Unternehmensgruppe Pfenning [Link, T.M.] an meinem Wohnort Heddesheim recherchierte. Die lokale Monopolzeitung „Mannheimer Morgen“ berichtete vollkommen unkritisch und ohne erkennbare eigene Recherchen über diese mutmaßlich 100 Millionen Euro schwere Investition. Es gründete sich eine Interessengemeinschaft, die einen Flyer verteilt hat mit Horror-Zahlen zu Verkehr und Auswirkungen auf die Gemeinde. Sowohl die journalistische Berichterstattung wie die der Bürgerinitiative war nicht korrekt und ich wollte für mich selbst Informationen haben.

Wie ging es weiter?

Bei einer Bürgerinformation im April präsentierte sich der Bürgermeister seinen Bürgern, die wegen der Ansiedlung unter anderem eine noch höhere Verkehrsbelastung befürchten. Der Bürgermeister sagte dabei, Pfenning sei ein „bedeutendes Unternehmen“. Das war meine Einstiegsfrage in die Recherche: „Was heißt bedeutend?“. Im Archiv des „Mannheimer Morgen“ wurde ich nach wenigen Minuten fündig. Vor acht Jahren erschienen über zwei Dutzend Artikel zu Pfenning mit Überschriften wie „Betriebsratschef zusammengeschlagen“, „Politik appelliert an Unternehmen“ usw. Der „Mannheimer Morgen“ hatte wohl nicht ins eigene Archiv geschaut und titelte Jubeltexte: „Pfenning investiert“, „Bürgermeister glücklich“.

Danach verfasste ich zwei Texte, eine „Presseschau“ zu meiner Archivrecherche, einen zur Veranstaltung und platzierte beide bei blogger.de. Weitere Texte kamen hinzu. Nach zwei Wochen brach das Angebot immer wieder zusammen, weil es zu viele Zugriffe gab. Ich habe dann die Texte auf einen größeren Server gestellt. Ab der zweiten Woche habe ich lokale Themen eingeführt: Porträts, Veranstaltungen, Meldungen aus der Region, um zu testen, ob das auch funktioniert. Diese Beiträge werden häufig sogar besser angenommen als das trockene und schwierige Thema Politik. Da im Mai hier in Baden-Württemberg Wahlkampf war, liefen auch die politischen Texte sehr gut.

Wie sind die Leser auf das Angebot aufmerksam geworden?

Sicher durch Google, aber vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Der Ort ist nicht groß, die Leute erzählen sich auf der Straße von „Neuigkeiten“.

Na ja, in etwas mehr als zwei Monaten kann ja nicht so viel passiert sein?

Doch, bis heute sind rund 350 Artikel erschienen, davon etwa 320 redaktionelle, die anderen sind Gastbeiträge. Also vier bis fünf Stücke am Tag. An manchen Tagen auch nur ein oder zwei, an anderen entsprechend mehr. Und 950 Kommentare sind geschrieben worden, davon etwa ein Viertel von der Redaktion, weil es anfangs viele Schmähungen und unqualifizierte Kommentare gab. Wir mussten Kommentare löschen und meist anonyme Kommentatoren sperren. Mittlerweile sind die meisten Kommentare inhaltlich hochwertig.

Wie viel Besucher hat das Angebot?

Das Heddesheimblog ist am 28. April 2009 online gegangen. Der Server hat bis heute 40.000 unique users gezählt und 285.000 Seiten Mal wurden Seiten angeklickt. Wohl gemerkt, es gibt noch kaum Meldungen zu Sport, Vermischtes oder ähnlichem, was für hohe Klickraten sorgt. Wir haben keine Zählgrafiken im Einsatz, sondern nur die nackten Daten der Webstatistik.

Die Besucherzahlen liegen während der Woche bei 800 bis 1.300, im Mittel über 1.000 Besuchern pro Tag mit 4.000 bis 7.000 Seitenabrufen. An den Wochenenden sind es 400 bis 700 Besucher.

Wie viel Zeit investierst Du in das Blog?

Ich beginne meist zwischen 9 und 10 Uhr mit der Arbeit und höre gegen 1, 2 Uhr nachts auf. Das sind also 16-Stunden-Tage. Meine sonstigen Aufträge habe ich reduziert. Seit über zehn Jahren bin ich durch gutes Wirtschaften in der Lage, mindestens ein Jahr ohne Einkommen „überleben“ zu können. Dieses Polster nutze ich zur Zeit. Die hohe Arbeitsleistung ist aber nicht nur journalistisch bedingt, sondern ist auch viel der Technik geschuldet. Ich kenne mich zwar ganz gut mit Computern aus, hatte aber Anfang April noch keine Ahnung, wie man ein Blog macht, wie man WordPress bedient usw. Das habe ich mir nebenher beigebracht und lerne immer noch dazu. Über kurz oder lang werde ich aber einen Administrator und zumindest für anspruchsvolle Layouts einen Grafiker brauchen.

Helfen Dir schon jetzt andere Leute?

Ich habe vier Personen, die mir nebenbei helfen. Bei Fotos, bei der Verwaltung, bei der Werbung. Und seit neuestem eine Kolumnistin, die über Frauenthemen schreibt. Ihre ersten Beiträge wurden gleich sehr gut angenommen. Und ich bekomme enorm viel Unterstützung von Lesern, die mich mit Informationen versorgen und mir erklären, wer mit wem was zu tun hat. Wie gesagt, bis vor drei Monaten hatte ich nur eine mäßige Ahnung vom „gesellschaftlich-politischen“ Leben in meinem Ort. So, wie es wahrscheinlich vielen geht, die nicht da leben, wo sie aufgewachsen sind.

War es nicht ungeschickt von Dir, dass Du kürzlich in den Gemeinderat gewählt wurdest – damit ist ja die Berichterstattung über diese wichtige Gremium für Dich und Dein Blog praktisch nicht mehr möglich?

Das ist sehr wohl möglich. Zur Wahl: Ich wurde gefragt, auf der FDP-Liste zum Gemeinderat kandidieren würde. Ich habe mir das überlegt und unter der Bedingung zugesagt, dass ich kein Parteimitglied werden muss, weil sich das meiner Ansicht nach nicht mit meiner journalistischen Unabhängigkeit verträgt. Die Orts-FDP war einverstanden. Da ich mich nach der Wahl mit der FDP-Fraktion nicht einigen konnte, nehme ich allerdings ein freies Mandat wahr.

Nun zur Frage: Aus den öffentlichen Gemeinderatssitzungen kann ich als Gemeinderat genauso berichten, als würde ich im Publikum oder am Pressetisch sitzen. Es ist ja öffentlich. So wie jeder Bürger auch aus den Sitzungen ein Blog füllen könnte. Es gilt Artikel 5 unseres Grundgesetzes. Aus den nicht-öffentlichen Sitzungen werde ich nicht berichten können. Aber das könnte ich auch nicht, wenn ich nicht im Gemeinderat wäre, weil die Gemeinderäte dann zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Es gibt also nur diese Behinderung meiner Arbeit – ob Gemeinderat oder nicht. Trotzdem habe ich eine besondere Form gewählt, die der Kolumne. Als “gläserner Gemeinderat” schreibe ich aus der Perspektive des Gemeinderats sehr subjektiv über meine politischen Erfahrungen. Das wird sehr gut angenommen.

Das klingt trotzdem ein wenig schizophren …

Stimmt. Auch ich musste mich da erstmal einordnen und es ist harte Arbeit, dass nach „draußen“ verständlich zu machen. Dabei ist es das ganz normale Leben. Der nette Mensch von nebenan trifft als Chef harte Entscheidungen, der Mensch, der alten Omas über die Straße hilft,gibt im Wettkampf alles, um als erster anzukommen. So ungefähr ist die Situation.

Heddesheim hat knapp 12.000 Einwohner, Mannheim und Heidelberg sind nicht weit entfernt, in der Region gibt es ja zwei, drei Tageszeitungen – kann sich unter diesen Voraussetzungen ein lokales Weblog überhaupt irgendwann einmal rechnen, so viele Firmen und Geschäfte gibt es dort auch nicht …?

Es gibt einiges an Gewerbe hier in Heddesheim. Tatsächlich vermutlich zu wenig, um allein von deren Werbung leben zu können. Aber es gibt drumherum viele Betriebe und Geschäfte, die Heddesheimer als Kunden haben. Die müssen wir natürlich davon überzeugen, dass ihre Werbung auf dem Heddesheimblog gut platziert ist. Unsere erste große Anzeige beispielsweise kam aus Mannheim, der Kunde hatte den Tipp bekommen und findet unser Angebot gut.

Sind überhaupt genügend Heddesheimer im Netz?

Was die Online-Zugänge angeht, kann ich nur schätzen. Die Einwohnerzahl hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt, es gibt also viele „junge“ Menschen hier. Und ich stehe auch mit vielen Rentnern in persönlichem und in E-Mail-Kontakt. Ich wusste selbst nicht, wie viele „Ältere“ das Medium schon intensiv nutzen. Die sind eifrig dabei und lesen uns jeden Tag. Ich denke also, der Zugang ist ordentlich.

Irgendwoher müssen die vielen Zugriffe ja kommen. Und sie kommen nicht über Netzwerk-Marketing und Suchmaschinen-Optimierung. Für solche Aktivitäten haben wir erstens überhaupt keine Zeit und zweitens keine Ahnung, wie man das macht. Das ist auch nicht unser Ansatz. Wir wollen nicht künstlich Klickraten hochtreiben, sondern wollen echte Menschen auf der Seite haben, die sich echt für die Themen hier interessieren. Dementsprechend werden wir auch die Anzeigenplätze vermarkten.

Das heißt?

Wir lassen uns nicht auf Klickraten ein, sondern verkaufen die Werbung mit dem Hinweis, dass die Menschen, die das Heddesheimblog aufsuchen, auch wirklich daran interessiert sind, was hier los ist. Und das Interesse soll auch den Anzeigen dienen. Kontaktbörsen, Flirtangebote, Schnäppchen und so weiter interessiert uns nicht. Die Themen sind regional und real. Genauso soll die Werbung hier sein. Nicht irgendwas irgendwo auf der Welt, sondern der Handwerker, das Geschäft, die Dienstleistung vor Ort, in der Umgebung, in der Region. Die allgemeine Beliebigkeit ist nicht unser Ansatz. Es muss handfest sein.

Wir reden schon über das Internet?

Ja, klar. Wo ist der Unterschied zum Radio oder zur Zeitung? Das Internet kann man nicht haptisch greifen wie die Zeitung. Das ist schade. Aber im Gegensatz zum flüchtigen Radio oder Fernsehen, kann man in Zeitungspapier wenigstens noch einen Fisch einpacken. Diesen Zeitungsteil liest aber nach dem Fisch niemand mehr. Das Internet ist ein Riesenarchiv, es ist zu jeder Zeit an jedem Ort erreichbar. Und wenn ich dringend eine Apotheke suche, weil ich ein Medikament brauche, kann ich die Zeitung von gestern aus der Mülltonne heraus kramen oder schnell und komfortabel im weltweiten Netz nachschauen. Die Apotheke brauche ich aber lokal!

Das bieten andere auch schon.

Stimmt. Mit denen konkurrieren wir seit kurzem. Die Frage ist, wer ist den Menschen sympathischer? Angebot XYZ oder das Heddesheimblog.

Ich finde aber noch keine Apotheken-Öffnungszeiten bei Euch …

In Kürze schon. Es gibt uns noch nicht einmal drei Monate. Es gab einen Wahlkampf, es gibt eine heftige Diskussion im Ort und es gibt viel zu tun. Wir arbeiten dran.

Eine Kleinstadt und eine umstrittene Industrieansiedlung – irgendwann wird das Thema auch durch sein. Befürchtest Du nicht, dass das Heddesheimblog dann nicht mehr so häufig wie jetzt besucht wird?

Darüber haben wir natürlich nachgedacht. Aber erstens wird das Thema mindestens noch ein bis zwei Jahre „heiß“ sein, eventuell noch länger. Und zweitens dann gibt es immer wieder neue Themen, die ein hohes Interesse auf sich ziehen. Die Themen liegen überall auf der Straße. Man muss nur hinschauen und journalistisch geschickt Themen platzieren und Öffentlichkeit schaffen. Und mal ehrlich: Würde man eine Zeitung fragen, ob Sie jetzt nicht eingestampft werden muss, weil der Wahlkampf oder die Faschingszeit vorbei sind? Wohl kaum.

Mal ehrlich, „Heddesheimblog“ klingt für mich als journalistische Herausausforderung nicht wirklich aufregend.

Das stimmt. In Berlin, Hamburg, Frankfurt, München interessiert das keinen Menschen. Zu Recht. In Heddesheim und der Umgebung interessiert das aber viele Menschen, sonst hätten wir nicht die enorme Aufmerksamkeit, die wir haben. Die Fragen lauten: Nehmen Journalisten die Bürger ernst? Nehmen sie sich Zeit für sie? Greifen sie die Sorgen und Ängste und Interessen auf? Hier geht es nicht um die Rettung der Welt, den G8-Gipfel oder Teheran oder China, sondern neben Pfenning um Probleme aus dem Alltag. Die Heddesheimer schicken uns solche Themen: Kaputte Ampel, Raupenplage im Garten, vermüllte Spielplätze.

Das interessiert doch nur wenige.

Wir haben die Themen recherchiert, kurze Zeit später publiziert. Ein paar Tage später geht die Ampel wieder, bei den Raupen gab es kein Ergebnis, die Spielplätze werden interessanterweise besser gepflegt. Und die Leser sind dankbar, dass sie ernst genommen werden und ich bin sicher, das spricht sich rum. O-Ton eines Lesers: „Der „Mannheimer Morgen“ weiß schon seit zwei Wochen von der Ampel: Keine Reaktion bisher. Ihr hattet drei Stunden nach meiner E-Mail das Problem online, ein paar Tage später geht die Ampel. Das ist einfach klasse. Weiter so.“ Sicher werden Probleme nicht immer so schnell erfolgreich gelöst, aber die Leser registrieren, ob man sie ernst nimmt. Hier liegt ein großes Potenzial.

Was machst Du anders, als die herkömmlichen Medien?

Diese Frage muss ich persönlich beantworten, nicht abstrakt. Während meines Studiums war ich drei Jahre lang ein schlecht bezahlter freier Mitarbeiter beim „Mannheimer Morgen“. 1994 bin ich über einen ersten Text in der „Zeit“ in den überregionalen Journalismus eingestiegen. Im überregionalen Journalismus ist für einen Freien besseres Geld zu verdienen. Ich habe beim Hörfunk und Fernsehen hospitiert, mir mit der Unterstützung von vielen Kollegen Fähigkeiten erworben und danach einen Bauchladen bedient. Ich war zwölf Jahre als Fachredakteur, Reporter und Kolumnist im Bereich Medien aktiv. Dabei habe ich viel gelernt. Nämlich, dass viele Journalisten nur eine Mühle bedienen und nicht mehr wissen, für wen Sie arbeiten und was diese „wens“ von ihnen erwarten. Man ist halt da und macht, da es nichts Alternatives gibt, wird die Kröte auch geschluckt. So ist das halt. Es geht auch anders: Journalistisch erfolgreiche Produkte wissen immer ganz genau, für wen sie da sind. Daran orientiere ich mich bei der Idee, eine regionale Informationsplattform aufzubauen.

Ich will Regionaljournalismus machen. Weil ich glaube, dass das geht und eine Zukunft hat. Das globale Dorf ist global und doch ein Dorf. Das Internet verbindet beides. Allerdings kommt es auf den Standort an. Geeignet sind sicherlich eher Ballungsräume wie die Metropolregion Rhein-Neckar als das platte Land. In Flächengebieten wäre ein journalistisches Blog sicherlich eher eine Liebhaberei.

Und wie willst Du damit erfolgreich sein?

Ich glaube an die journalistische Qualität. Bei uns laufen keine Meldungen durch. Jedes Thema wird recherchiert und wir suchen abseits der Terminberichterstattung weitere Ansätze, weitere Themen, die zum Hauptthema passen. Wir sind sehr meinungsstark, wobei wir Meinungsbeiträge manchmal in den ersten Wochen bis „hart an die Grenze“ getrieben haben – auch eine justiziable. Schlicht und ergreifend um schnell Aufmerksamkeit und Bekanntheit zu erlangen.

Das haben wir wieder zurückgefahren, sind aber nach wie vor spitz in der Formulierung und scheuen uns nicht, jeden „hart“ ran zu nehmen, unabhängig der Person oder der Funktion und der vermeintlichen Macht. Wir sind systembedingt extrem schnell und können auch multimediale Elemente verwenden.

Beispielsweise wurde uns eine Tonaufnahme zugespielt, die beweist, dass Pfenning seine noch nicht gebauten, geschweige den genehmigten Hallen bereits vermarktet. Das hat die Leser empört, weil es einfach unanständig ist, so zu handeln. Das Unternehmen meinte, unsere Dokumentation sei eine strafbare Handlung. Auch diese Aussage haben wir veröffentlicht.

Und: Wir sind stark in der Dokumentation. Der Bürgermeister schreibt einen Brief. Der wird bei uns in voller Länge abgedruckt. Die Interessengemeinschaft schreibt einen Brief. Dito. Zwar haben auch der „Mannheimer Morgen“ und die „Rhein-Neckar-Zeitung“ einen Online-Auftritt, aber das ist gedruckte Zeitung, die nicht im (regionalen) Tagesverlauf aktualisiert wird und damit nicht das ist, was wir nach und nach aufbauen: eine journalistisch-getriebene regionale Informationsplattform, die keinem Druck- oder Ausstrahlungstermin folgt, sondern dann veröffentlicht, wenn die Information fertig ist.

Und das kommt, abgesehen von den genannten Nutzerzahlen, tatsächlich gut an?

Ganz klar bei den Lesern. Die sagen uns, dass sie noch nie so viele brauchbare Informationen in so kurzer Zeit erhalten haben. Bei den Verantwortlichen? Nein. Der Bürgermeister hat trotz mehrerer Interview-Anfragen dem Heddesheimblog bis heute kein Interview gegeben. Dafür aber dem „Mannheim Morgen“ immer wieder. Die Zeitung funktioniert ja auch so, wie der Bürgermeister sich das vorstellt. Das prangern wir gnadenlos an, weil es eine tatsächliche Missachtung der Pressefreiheit ist.

Damit macht man sich in einer kleinen Gemeinde keine Freunde.

Wenn sich Journalismus Freunde macht, hat er sich selbst erledigt. Journalismus ist meiner Auffassung nicht da, um sich Freunde oder Feinde zu machen, sondern nur, um zu berichten. Der Bürgermeister redet nur mit uns, wenn es absolut sein muss. Auch andere Funktionsträger verfahren so, trotzdem stehen ständig exklusive Informationen und starke Meinungsbeiträge im Heddesheimblog. Das ärgert die Verantwortlichen sehr und zeigt die Problematik in ihrer ganzen Traurigkeit: Die Monopolzeitung hat sich seit vielen Jahren mit diesen Leuten arrangiert. Diese wenigen Menschen bestimmen, was Thema ist und die Meinungs-Monopolisten transportieren das. Und die anderen Menschen, die Bürger, wissen das.

Und sie sind nach anfänglichen Unsicherheiten dankbar, dass es ein anderes Angebot gibt. Das geht auf der einen Seite soweit, dass mir Leser, die ich nicht kenne auf der Straße für meine Arbeit gratulieren und mir wünschen, dass ich Erfolg habe. Auf der anderen Seite wurde ich Anfang Juli verbal und körperlich von einem Vereinsvorsitzenden massiv bedrängt, der mich wohl einschüchtern wollte.

Wie wird es weitergehen mit Deinem Blog, besonders attraktiv und übersichtlich sieht es ja nicht unbedingt aus?

Ich würde am liebsten sofort relaunchen – hätte ich das Geld für Technik und Leute, wäre das schon ganz am Anfang ein anderer Auftritt gewesen. So muss ich nach und nach den Auftritt verbessern, was aber auch seinen Charme hat –es entwickelt sich was. Mit viel Geld irgendetwas hinknallen kann jeder. Wir prüfen zur Zeit ein anderes Layout und hoffen, es bald einsetzen zu können.

Eine Gemeinde in der Größe Heddesheims allein ist zu wenig, um ein Geschäft daraus zu machen. Im Herbst wird die Nachbargemeinde Ladenburg ebenfalls ein von uns betriebenes Blog bekommen und nach und nach weitere Gemeinden. Darin sehe ich eine vernünftige, geschäftliche Basis. Die Adressen sind schon reserviert.

Werden Medien wie der „Mannheimer Morgen“ nicht früher oder später auch zu der Einsicht kommen, dass sie bei ihrer Berichterstattung etwas ändern müssen, um zu überleben?

Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich stelle nur fest, dass die Berichterstattung mangelhaft ist. Die vergangenen Wochen haben wir den „Mannheimer Morgen“ vor uns hergetrieben, weil dort wirklich kein journalistischer Ehrgeiz zu erkennen war. Auch das „Wirtschaftsmagazin“ „econo“, das im selben Verlag erscheint und einen „Schwerpunkt zum Standort Heddesheim“ aktuell veröffentlicht hat, haben wir verrissen. In den zehn Seiten über Heddesheim ist vollkommen schamlos die Werbung der Gemeinde und von zitierten Unternehmen und Pfenning platziert. Ein klarer Verstoß gegen den Pressekodex. Und dazu ist der Artikel wirklich schlecht recherchiert und schlecht geschrieben. Interessant ist, dass einer der Anzeigenkunden das genauso sieht und einen Kommentar im heddesheimblog dazu geschrieben hat. Wo hast Du das zuletzt gelesen, dass ein Anzeigenkunde sich in einem anderen Medium über eine bezahlte Anzeige beschwert?

Würde etwa ein „besserer“ „Mannheimer Morgen“ Dir nicht das Wasser abgraben?

Ganz klar, wenn die plötzlich so arbeiten würden, wie wir das machen, wäre das eine ernst zu nehmende Konkurrenz. Tatsächlich halte ich es für wenig wahrscheinlich, dass sich die Arbeitshaltung und die Ideen in einem so großen Laden von heute auf morgen verändern können. Warum auch? Sie sind ja Monopolisten. Und falls doch ein Umdenken einsetzt, sehe ich das sportlich: Konkurrenz belebt das Geschäft.

Wo siehst die größten Schwierigkeiten für einen geschäftlichen Erfolg?

Geld ist natürlich das Thema. Hätte ich viel davon, wäre vieles einfacher. Das nächste Thema sind Mitarbeiter. Die müssen sich für Menschen interessieren und unerschrocken sein. Und damit bin ich bei der Werbung. Viele Firmen, die wir auf Werbung angesprochen haben, haben uns glaubhaft versichert, dass sie unser Angebot absolut spannend finden und gerne werben würden. Gleichzeitig haben sie aber die Sorge, durch Werbung bei uns geschäftliche Nachteile zur riskieren. Das wird sich auflösen. Wir sind keine drei Monate am Markt und alle reden über uns. Wenn wir Monat für Monat noch da sind und immer noch alle reden, weichen auch die Zweifel.

Einige von Journalisten betriebene Blogs dümpeln vor sich hin. Woran liegt das?

An der Selbstreferenzialität. Wenn es nur um das Blog und seine Macher geht, ist das eine zeitlang interessant und dann vorbei – außer, jemand schafft es, durch was auch immer, interessant zu bleiben. Das gelingt sicher über Jahre einem Brad Pitt oder George Clooney oder ihren weiblichen Pendants. Ich habe da auch meine Erfahrungen machen müssen. Sobald ich zu sehr über journalistischen Ethos schwadroniert habe, sanken die Besucherzahlen und es kamen böse Kommentare. Sobald ich Journalismus geboten habe, stiegen die Zahlen und die Kommentare wurden inhaltlich gut. Außerdem: Wer wahr genommen werden will, muss aktuell sein. Ich habe kürzlich am Samstag und Sonntag Pause gemacht. Am Montag riefen mich mir bis dato unbekannte Menschen an oder schrieben E-Mails, ob wir aufgegeben hätten und das Heddesheimblog eingestellt wäre. Hallo? Die meisten Zeitungen erscheinen sonntags nicht. Da ruft keiner an. Die Menschen wissen das. Von uns werden also tatsächlich täglich Informationen gefordert. Das hat uns überrascht, aber auch sehr gefreut. Auch diese Lektion haben wir gelernt.

Gibt es noch weitere Themenbereiche, die Potential für journalistische Blogs haben?

Absolut. Meine Idee ist nichts Besonderes. Qualität findet immer Abnehmer, zumal, wenn sie kostenlos ist. Ich denke, dass, ähnlich wie in Amerika, auch politische Blogs oder andere thematische Angebote gut funktionieren können. Entscheidend ist die Qualität der Inhalte und die Haltung der Macher: Sie müssen ihren Job lieben und ihre Leser ernst nehmen. Die merken das nämlich.

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