Massenbeschäftigung für moderne Mediennutzer

Screenshots [M]: NPR, Guardian, ORF

Journalisten setzen zu selten auf ihren Publikumsjoker: Ein Plädoyer für mehr Crowdsourcing und gegen Sockelgehabe.

Der Spruch von der Weisheit der Massen ist einer, der manchen Herausgebern und Edelfedern alter Schule Kopfschmerzen bereitet. Hier die hart recherchierenden und präzise analysierenden Journalisten – dort das Publikum, das dieser professionellen Erläuterung und Richtungsweisung dringend bedarf. Dieser Gegensatz war und ist ein Teil des bequemen Eigen- und Weltbildes, in dem sich die Old Media Buffs eingerichtet hatten.

Normalsterbliche schrieben in dieser alten Welt allenfalls “einen Leserbrief an die F.A.Z. und dort wurde er dann weggeworfen“, stellte der Journalist und Blogger Konstantin Klein schon vor Internet-Urzeiten (2005) fest. Heute kann das gemeine Publikum im Internet ungehemmt der Selbstverwirklichung und Journalistenbeschimpfung frönen. In Blogs, natürlich, aber auch direkt auf den Seiten professioneller Internetmedien, die Nutzerkommentare unter ihren Artikel veröffentlichen.

Publikumsjoker statt Papierkorb

Diese Veröffentlichung ist allerdings nicht gleich bedeutend mit einer Wahrnehmung. Häufig bekommt man Eindruck, die Bereiche für Leserkommentare seien bei manchen Medien nur eine moderne Form von Kleins FAZ-Papierkorb für ungelesen abgelegte User-Ergüsse. Peinlich ist das, wenn Nutzer auf Recherchefehler oder Logiklücken im Bericht hinweisen oder Klarstellungen fordern, und die Journalisten dies ignorieren, statt zu reagieren.

Die Masse der Leser (oder zumindest einige von ihnen) wissen tendenziell mehr als die Journalisten. Obwohl Medienexperten wie Jeff Jarvis dies seit Jahren predigen, gibt es noch viel zu wenige Journalisten, die es anerkennen. Und noch viel weniger, die sich tatsächlich trauen, ihr Publikum zu befragen, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Dabei beweist ‘Wer wird Millionär?’ seit Jahren, wie nützlich so ein Publikumsjoker sein.


Wenn User nach Lobbyisten fahnden und Politiker-Spesen kontrollieren

Die Fachzeitschrift Message widmet sich dem Prinzip Crowdsourcing im Journalismus in ihrer aktuellen Ausgabe. Der Artikel analysiert Chancen und gescheiterte Versuche des Crowdsourcing. Leider bleibt er zu akademisch. Dabei gibt es derzeit spannendere Beispiele: National Public Radio hat bei einer US-Kongressanhörung zur Gesundheitspolitik nicht die Abgeordneten, sondern den Zuhörerraum fotografiert. Jetzt versucht NPR mit Hilfe seiner User die dort sitzenden Gesundheitslobbyisten zu identifizieren.

Das deutsche Bundesarchiv hat Wikipedia gut 100.000 Fotos zu kostenlosen Nutzung zur Verfügung gestellt. Und hofft im Gegenzug, dass die Wikipedianer seinen Archivaren bei der Mammutaufgabe helfen, die Bildbeschreibungen zu kontrollieren und zu ergänzen. Der Guardian und seine Nutzer haben im britischen Spendenskandal sogar innerhalb kürzester Zeit gemeinsam gut 200.000 Dokumentseiten zu Politiker-Ausgaben unter die Lupe genommen.

Hochmut kommt vor dem Fall

Das zeigt, dass Crowdsourcing im Journalismus nicht nur eine Verkörperung des zynischen AAL-Prinzips (“Andere arbeiten lassen“) sein muss. Sondern dass es beiden Seiten Nutzen – und Spaß – bringen kann, wenn die Leser an der Recherche beteiligt werden. Daran sollten Journalisten denken und Experimente wagen.

Und vielleicht auch ein klein bisschen daran, wie ein ganz Großer des US-Journalismus tief gefallen ist: Dan Rather stürzte, als ihm via Crowdsourcing Recherchelücken nachgewiesen wurden. Dann lieber doch schnell den Publikumsjoker ziehen. Wer ihn sich bis zur Millionenfrage aufsparen will, scheitert in der Regel vorher – auch im Journalismus.

Dieser Text erschien zuerst in der wöchentlichen Kolumne Meta.Media bei Dnews.de.

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