Problemverbindung: News-Sites und externe Links
Von Fiete Stegers am 15. August 2009
Jeff Jarvis mag es noch so predigen: Externe Links auf deutschen Nachrichtensites sind eine Seltenheit. Strukturen und Skepsis verhindern, was selbstverständlich sein sollte.
Sie sind der Kitt, der das Internet zusammenhält: Links auf fremde Websites. Sie verbinden die Informationsinseln miteinander und sind für Google ein Faktor für die Bewertung der jeweils angebotenen Informationen.
Auch in Bezug auf den Journalismus im Netz wird immer wieder betont, welche Vorteile die Vernetzung bringt: Journalistische Inhalte werden durch Links auf externe Quellen bereichert. Die Journalisten fungieren für ihr Publikum als Lotsen durch die unübersichtliche Welt des Netzes.
Warum sind externe Links bei den klassischen Medien-Sites auch 15 Jahre nach Beginn der WWW-Ära dann immer noch Ausnahmen? Abgesehen von Artikeln einzelner Netz-Rubriken oder automatisierten Links zu anderen Medien-Websites, wie sie Die Welt, das Handelsblatt oder die BBC bieten, sind die großen deutschen journalistischen Websites weitgehend fremdlinkfreie Zone. Obwohl Nutzer dieser Sites immer wieder per Leser-Mail oder -Kommentar “bitte verlinken!“ einfordern, ändert sich daran wenig. Das ruft Unverständnis bei den internetaffinen Usern hervor und hat mehrere strukturelle Gründe.
Der Link kommt als letztes
Der wichtigste: In der Nachrichtenberichterstattung fallen Links schlicht aus Mangel an Ressourcen hinten rüber. Erst müssen der Text, das Bild, die Zwischenüberschrift und der Teaser stehen. Wenn dann noch Zeit ist, kommt noch ein Link dazu. Bei aktuellen Ereignissen steht dann aber womöglich noch keine relevante externe Website zur Verfügung, auf die verlinkt werden könnte. Gerichtsurteile oder Pressemitteilungen von Behörden sind zwar schneller als früher, aber mitnichten sofort online verfügbar. Bis dahin ist der für den Beitrag verantwortliche Redakteur vielleicht schon längst mit einem neuen, ganz anderen Thema beschäftigt.
Hinzu kommt hinzu: Wo im Unterschied zu Heise.de keine Fachredakteure, sondern Generalisten tätig sind, kostet auch die Recherche nach relevanten Links Zeit.
Mehr als nur eine URL
Außerdem dauert das Setzen eines Links in Redaktionssystemen gerne einmal länger als in einer schlanken Blog-Software: Es wird nicht einfach nur eine URL in den Code des Artikeltextes geschmissen. Das Redaktionssystem fordert zum Beispiel eine ordentliche Benennnung des Links, einen Erläuterungstext, Einordnung in die interne Ordnerstruktur, Kennzeichnung als externer Link und womöglich noch mehr.
Das soll dazu dienen, dem User mehr als einen Hyperlink in Unbekannte zu bieten, und dem Redakteur ermöglichen, Links später wiederzufinden und anderswo weiterzuverwenden. In der Praxis macht es das Anlegen eines Links deutlich aufwändiger. Jede Sekunde, die das Erstellen eines einzelnen Links längert dauert, summiert sich.
Die Angst vor dem Kontrollverlust
Ebenso entscheidend wie diese technisch-organisatorischen Handicaps für linkwillige Journalisten sind die inhaltlichen Fragen und Vorbehalte, die eine Reserviertheit gegenüber externen Links bewirken: Die Angst, redaktionelle Kontrolle einzubüßen, möglicherweise juristisch für Verlinktes in Anspruch genommen zu werden. Die Frage, ob und wann Links auf kommerzielle Angebote oder Äußerungen von Parteien eine Grenze zu Werbung und Parteinahme überschreiten.
Und vor allem die weiter vorherrschende Furcht, durch Links nach draußen User der eigenen Website zu “verlieren“. Womöglich noch an die Konkurrenz, weil man einen Exklusivbericht des Spiegels nicht nur ausführlich zitiert, sondern zudem auf ihn verlinkt. Absurd sind darum derzeit nicht gesetzte Links besonders, wenn noch explizit auf “die Online-Ausgabe der SZ“ oder ein bestimmtes YouTube-Video verwiesen wird (wobei gerade YouTube-Videos häufig auch von sonst linkfaulen Sites ohne rechtliche Bedenken komplett in ihre Seiten eingebunden werden).
In letzter Zeit ist erfreulicherweise ein zartes Umdenken zu beobachten, sogar die Nachrichtenagenturen liefern dann und wann ergänzende WWW-Adressen zu Berichten. Hubert Burdas Unverständnis des Verlinkungsprinzips lässt allerdings vermuten, dass dieser Prozess erheblich länger dauern könnte, als es sich Jeff Jarvis wünscht.
Dieser Text erschien in ähnlicher Form zuerst in der wöchentlichen Kolumne Meta.Media bei Dnews.de.
Weitere Links:
… bei onlinejournalismus.de:
- Es könnt’ alles so einfach sein Welt.de bietet statt eines Links auf eine interaktive Karte eine Bilderstrecke und einen Screenshot an. (13.08.2009)
- “Ein Link! Ein Link! Ein Königreich für einen Link!” (20.06.2008)
… im übrigen Internet:
- Buzzmachine “New Rule: Cover what you do best. Link to the rest” empfahl Jeff Jarvis bereits 2007
- Kühlschranknotizen von Falk Lüke: “Journalismus im Internet #1: Intelligenter veröffentlichen”
- Carta Das Netz besteht aus Verbindungen, nicht aus abgeschotteten Inseln
- Nieman Journalism Lab Die Content-Politik von AP.
- Paid Content The Fallacy of the Link Economy + Replik von Jeff Jarvis
15. August 2009 um 15:08
Diese beiden Passagen treffen das Grundproblem sehr deutlich. Es fehlt aber noch ein gewichtiger Grund: die Unkenntnis. Denn selbst heute gibt es Journalisten, die Google aufrufen und fertig. Die Wikipedia entweder nicht nutzen oder nicht korrekt ansehen. Was sehr schade ist, denn Online bietet sehr viele Möglichkeiten für Recherche.
Außerdem erleichtert ein Link durchaus auch das Schreiben - man kann besser formulieren.
Das allerdings ist ein weiteres Problem: Noch immer stellen die meisten Medien Print-Texte 1:1 ins Netz und sparen am Personal, so dass sie nicht aufbereitet werden können (selbst wenn die Links weitergegeben würden). Da man fürs Blatt anders formulieren muss (siehe oben) und aufwändig Links setzen muss, bleibt es bei einer digitalen Kopie und verschenkten Möglichkeiten.
16. August 2009 um 07:53
Chris Ahearn, Präsident Media bei Thomson Reuters hat zum Thema Link und der aktuellen Diskussion ein Bekenntnis abgelegt:
Why I believe in the link economy
(until today 169 comments)
http://blogs.reuters.com/media.....k-economy/
18. August 2009 um 20:44
Einige öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten dürfen meines Wissen auf ihren Websites nicht auf Werbung verlinken. Das heißt: auch nicht auf Seiten, die Werbung enthalten. Damit eigentlich auf fast nichts. Auch das ein Grund, warum dort nur im eigenen Saft geschmort wird.
20. August 2009 um 12:48
Sehr schöne Analyse. Ich versuche seit zehn Jahren in meinen Seminaren, Journalisten zum externen Verlinken zu animieren. Aber ein Problem (das gar nicht angesprochen wurde) ist nicht die Technik, sondern dass viele erst gar nicht verstehen, warum sie das tun sollten.
26. Juli 2010 um 16:34
Hier gebe ich meinem “Vorschreiber” absolut recht. Es ist wirklich die Unwissenheit mancher Journalisten , den Grund und vor allem den Vorteil einer Verlinkung nicht zu kennen.