„Warum sollte ausgerechnet Spiegel Online Vorreiter sein?“

ruediger_ditz_spiegel_onlineSpiegel Online-Chefredakteur Rüdiger Ditz spricht in unserem Interview über das angeblich nahe Ende der Gratiskultur im Internet.

Von Michael Soukup

Onlinezeitungen waren einmal die Sorgenkinder der Medienbranche. Heute sind sie die Hoffnungsträger. Während Print langsam, aber sicher an Lesern und Anzeigen verliert, boomt der Onlinejournalismus. Dennoch leiden die digitalen Medien an einem Geburtsfehler aus dem letzten Jahrzehnt. Mitte der 1990er Jahre kam das Web auf. Weltweit waren die Zeitungsmacher der Ansicht, dass sie kein Geld für Onlineinhalte verlangen konnten. Zumindest solange ein überwältigendes Informationsangebot von anderen frei zugänglichen Websites lockte. Seither wird in regelmässigen Abständen das Ende der Gratiskultur angekündigt.

Rüdiger Ditz ist Chefredakteur von Spiegel Online, der führenden Nachrichtensite im deutschsprachigen Raum. Ihn lässt die Diskussion um den angeblich bevorstehenden Kurswechsel kalt. Der Platzhirsch im Netz setzt weiterhin auf Gratis.

Herr Ditz, sind Onlinejournalisten immer noch zweitklassig?

Zumindest was uns betrifft, habe ich diesen Eindruck längst nicht mehr. Spiegel Online ist in Deutschland ein Leitmedium geworden, und das hat natürlich seine Zugkraft. Wir merken, dass viele gute Journalisten für uns arbeiten möchten. Dies hängt auch mit der Krise im Print zusammen, welche gerade in diesen Monaten den Paradigmawechsel hin zu Online beschleunigt.

Dann ist ein Reporter vom Print-„Spiegel“ gleich viel wert, obwohl er deutlich mehr verdient?

Wir haben viele erfahrene Kollegen beim „Spiegel“, die schon lange dabei sind. Viele von ihnen wurden eingestellt, als „Der Spiegel“ seine glänzendsten, goldensten Zeiten erlebte. Heute sind die Unterschiede zwischen Print und Online bei den Einstiegslöhnen sehr viel geringer.

Für welches Produkt würde sich wohl in diesen Tagen der Absolvent einer Top-Journalistenschule entscheiden?

Natürlich ist „Der Spiegel“ nach wie vor ein enorm attraktiver Arbeitgeber. In den vergangenen Jahren war das noch eine völlig klare Entscheidung, mittlerweile gibt es vor allem junge Kollegen, die sehr gern zu uns wollen.

Ein anderer Paradigmawechsel macht momentan die Runde. Der Boss aller Medienbosse, Rupert Murdoch, erklärte kürzlich: „Die Tage des Internet, wie wir es kennen, sind gezählt.“

Es wird erstmals seit zehn Jahren auch ausserhalb der Medienbranche wieder ernsthaft über die Möglichkeit diskutiert, für Onlineinhalte Geld zu verlangen. Allerdings bin ich überzeugt, dass es weiterhin verschiedene Finanzierungsmodelle geben wird.

Über 7.000 Zeitungen weltweit zitierten Murdochs Aussage zum Ende der Gratiskultur. Lässt Sie das völlig kalt?

Wir sind das Erfolgsmodell im deutschsprachigen Raum. Für Spiegel Online hat sich das reine Werbefinanzierungsmodell bisher ausgezahlt, wir können uns ohne Gebührenpflicht sehr gut refinanzieren. Warum sollten ausgerechnet wir in der Hinsicht Vorreiter sein?

Seit 2005 schreibt Spon als einer der wenigen deutschsprachigen Onlinetitel Gewinn. Wird Ihnen dies im Krisenjahr 2009 ebenfalls gelingen?

Wir werden auf jeden Fall positiv herauskommen und über dem Vorjahr liegen.

Wie nachhaltig ist denn dieses Geschäftsmodell? Es ist ja bekannt, dass die Onlineausgabe der „New York Times“ höchstens ein Zehntel der 1.000-köpfigen Print-Redaktion finanzieren könnte. Umgekehrt würden ohne Print auch Spon, FAZ.net oder die Sueddeutsche.de kaum überleben.

Spiegel Online kann sich inzwischen gut aus eigener Kraft finanzieren. „Spiegel“-Print natürlich auch – zwei Zukunftsmodelle.

Aber der Imagetransfer ist nach wie vor gewaltig.

Natürlich, ich mag mir gar nicht ausmalen, dass es unsere Print-Ausgabe nicht mehr gäbe.

Dann ist Paid Content Selbstmord aus Angst vorm Tod, wie es Ihre „Spiegel“-Kollegen schrieben?

Die Aussage beziehe ich insbesondere auf den angelsächsischen Markt. Dort sind die Onlineredaktionen viel grösser. Dazu kommt Druck der börsenkotierten Aktiengesellschaften, Quartal für Quartal gute Zahlen zu präsentieren. Das gibt es in Deutschland in dem Ausmaß zum Glück nicht.

Sind nicht schlussendlich die Gratisangebote – in Deutschland die News-Portale und in der Schweiz die Pendlerzeitungen – die Totengräber des Journalismus?

Sie meinen die These: Was nichts kostet, ist nicht viel wert. Wir haben nicht den Eindruck, dass unsere Inhalte nicht geschätzt werden, nur weil sie für den Leser kostenlos sind.

Wer mit der Gratiskultur aufgewachsen ist, wird wohl niemals auf den Geschmack des Bezahlwebs kommen.

Die E-Paper-Ausgabe des „Spiegels“ kostet doch etwas. Qualität hat ihren Preis. Wenn wir wollen, können wir eine Gebühr für unsere Onlineinhalte verlangen. Es hängt auch davon ab, wann benutzerfreundliche Micropayment-Lösungen auf den Markt kommen. Der App Store auf dem Iphone ist schon ein interessanter Ansatz.

Werden Sie als Chefredaktor von Spiegel Online die Gebührenpflicht noch erleben?

Für den gesamten Auftritt? Nein, das glaube ich nicht.

Ihre Konkurrenten wohl eher. Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner verkündete vor einigen Wochen, wenigstens eine teilweise Gebührenpflicht für Bild.de oder Welt.de einführen zu wollen.

Da hat er sehr werbewirksam einen Pflock eingeschlagen. Bei Springer geht es wohl nicht um die nackte Not, man will im Vertriebskanal Mobiltelefon nur nicht den gleichen Fehler wie im Internet machen. Ob es richtig ist, sich auf das Iphone festzulegen, weiss ich nicht. Wir werden das jedenfalls nicht machen.

Spiegel Online verdankt seine Vormachtstellung unter anderem der intelligenten Kombination von Boulevard- und Nachrichten-Journalismus. Doch Bild.de ist Ihnen dicht auf den Fersen.

Was die Reichweite betrifft, werden wir in absehbarer Zeit wohl überholt werden. Das war zu erwarten. Bild.de fischt jedoch in einem vollkommen anderen Gewässer.

Wie reagieren Sie auf die Aufholjagd? Mit mehr seichter Berichterstattung?

Nein, unser Fach ist der seriöse Journalismus, da sind wir die Nummer eins, sowohl im Print als auch online.

Dann gilt der Grundsatz umso mehr, den Ihr Politikchef gegenüber der „SonntagsZeitung“ mal äusserte: „Es ist mir scheissegal, ob ein Bericht über den Nahostkonflikt nur wenige Leute erreicht. Er kommt ganz oben auf die Homepage.“

Wenn es das Top-Thema ist: richtig – ohne „scheiss“.

Michael Soukup leitet das Ressort Multimedia bei der in Zürich erscheinenden “SonntagsZeitung”. Dieser Beitrag ist am 30.08.2009 in dieser Zeitung erschienen.

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