Heikle Twitter-Debatte um die “Rhein-Zeitung”
Bei der Koblenzer “Rhein-Zeitung” scheint der Haussegen schief zu hängen. Scheint, denn die Quelle, die einige Ungereimheiten bei der Regionalzeitung anprangert, bedient sich eines anonymen Twitteraccounts.
Unter anderem werden auf twitter.com/RZwatch etwa solche Dinge behauptet: “@RZChefredakteur versuchte, alle 160 RZ-Redakteure zu erpressen: 30 Prozent weniger Gehalt oder Rausschmiss!” oder “Langjähriger RZ-Redakteur fristlos entlassen. Soll eine (Rhein-)Zeitung gestohlen haben.” Letztgenanntes Thema streifte auch ein Artikel in der September-Ausgabe der Zeitschrift “Journalist”. Der oder die Verfasser von RZwatch arbeiten selbst bei der “RZ”, wie sie in zwei Tweets behaupten: “Twittern mitten aus dem Käfig des Löwen” und “Wär‘ nicht gut für uns, wenn‘s rauskäm”.
Seitenwechsel. Der Chefredakteur der “Rhein-Zeitung”, Christian Lindner, gilt in der Branche wenn es sich um das Thema Web 2.0 und Zeitung handelt als Vorzeigebeispiel. Lindner und zahlreiche seiner Kollegen twittern und bloggen rege. Das “Medium Magazin” widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe (liegt mir leider noch nicht vor!) mit einer Titelgeschichte der “Rhein-Zeitung”: “Schreiben, bloggen, twittern! Ist das die Zukunft der Zeitung? Auch der neue Alltag für Journalisten? Antworten gibt es im Redaktionslabor der “Rhein-Zeitung”. Warum bei der “Rhein-Zeitung” kein Stein auf dem anderen bleibt und an allen Ecken relauncht und modernisiert wird, steht im neuen “medium magazin”.”
Chefredakteur Lindner, der seit Anfang des Jahres rund 3.000 Tweets über seinen Redaktionsalltag veröffentlichte und von mehr als 2.000 Followern gelesen wird, schweigt zu den anonymen Anschuldigungen. Er schildert unter twitter.com/RZChefredakteur vornehmlich Angenehmes aus seiner Arbeit. Freilich hat Lindner die Vorwürfe bislang auch nicht dementiert. Vielleicht mag er ja hier Stellung nehmen.
Das anonyme Twitter-Angebot “RZWatch” lesen nur 150 Follower. Zur Vorgeschichte sollte man wissen, dass 2007 ein RZ-kritisches Watchblog – das wohlgemerkt nicht anonym betrieben wurde – seinen Dienst quittierte. Im “Journalist” veröffentlichte ich hierzu den unten aufgeführten Artikel. Das RZblog ist zumindest teilweise noch über das Internet Archive abrufbar.
Watchblog ging vom Netz
Im November 2006 startete Peter Messner das RZblog, das „Anmerkungen zu einer mittelrheinischen Regionalzeitung“ liefert – gemeint ist die Koblenzer „Rhein-Zeitung“ („RZ“). “Bis zur ersten Kündigungswelle bei der ‚Rhein-Zeitung’ im Jahr 2002 arbeitete ich dort zwölfeinhalb Jahre lang als Redakteur”, erklärt Messner, der inzwischen einen Redakteursposten in Bonn hat. Mit seinem Blog wollte Messner auf das „Klima der Demütigung und Unterdrückung“ und den „ungeheueren Druck auf die Mitarbeiter der RZ-Unternehmensgruppe“ aufmerksam machen. Unter anderem berichtete er darin vom Suizid zweier Lokalredakteure und von “Redakteurskollegen, die bis auf den heutigen Tag Psychopharmaka einnehmen müssen, um ihren beruflichen Alltag zu bewältigen.” „Sympathisanten und gute Informanten“ aus der „RZ“ unterstützten ihn.
Das Blog traf offenbar den Nerv von Verleger Walterpeter Twer; seit Februar konnte es nicht mehr von Verlagsrechnern aufgerufen werden. „Die ‚RZ’-Führung ließ auf dem Verlagsserver unsere IP-Adresse blockieren“, berichtet Messner. Der Versuch, den Mitarbeitern unangenehme Meinungen über das eigene Unternehmen vorzuenthalten, war freilich wenig effizient. Messners Blogs ließ sich schließlich vom heimischen PC aus besuchen. Doch ein anderer Verleger bot Twer Mitte März letztlich Schützenhilfe: Lambert Lensing-Wolff („Münstersche Zeitung“) erwirkte beim Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung gegen den Herausgeber des Blogs. Grund war eine unwahre Tatsachenbehauptung über Lensing-Wolff im RZblog. Messner wurde ein Ordnungsgeld von 250.000 Euro oder Ordnungshaft von bis zu sechs Monaten angedroht. Messner nahm das Blog sofort vom Netz.
„Anscheinend will er uns mundtot machen und gegenüber allen Watchbloggern ein Exempel statuieren“, hieß es in einer Pressemitteilung des RZblogs. Anfang Juni teilte Messner mit, dass das Blog bald wieder erscheinen soll: „Wir haben einen Träger gefunden, der ein breiteres Kreuz hat als wir und der in der Lage ist, einen Rechtsstreit mit Herren wie Lensing-Wolff und Twer finanziell durchzustehen.“ Den Betreibern solcher (medien-)kritischer Weblogs empfiehlt Messner: „äußerste journalistische Sorgfalt“ walten zu lassen: „Jede Aussage, die dem Kritisierten missfallen könnte, sollte man sauber belegen können.“ Schließlich seien solche Angebote offenbar sehr notwendig: „Über die nicht selten schlimmen Zustände innerhalb von Presseunternehmen berichtet niemand. Die Verleger kennen sich, hacken sich gegenseitig kein Auge aus.“
T.M., “Journalist” 7/2007, Seite 18




Na, das finde ich doch mal eijnen guten Zug. Mit Twitter kann man eben schnell auf solche Misstände aufmerksam machen. Vielleicht sollte mal irgend jemand von höherer Stelle bei der RZ vorbeischauen.