Selbstmörderisch? Hamburger “Abendblatt” startet mit Paid Content

Von Thomas Mrazek am 15. Dezember 2009

abendblatt.de (Screenshot)

“Vielleicht ist es aussichtslos. Vielleicht ist es selbstmörderisch. Vielleicht ist es auch unverschämt. Doch vor allem ist es eins: Es ist alternativlos”, orakelt Matthias Iken auf Abendblatt.de, weiter heißt es: “Der Zugriff auf Lokal- und Regionalberichte sowie das Archiv ist nun für 7,95 Euro pro Monat im Abo zu haben. Für Zeitungs-Abonnenten bleibt das komplette Angebot von abendblatt.de kostenfrei.”

Nachtrag, 15.12.09, 18.50 Uhr
Herrje, ich habe nur wenig Zeit, hier etwas zum Thema zu schreiben, wer eine fundierte Analyse sucht, findet sie bei Stefan Niggemeier. Nur ein paar Notizen: “Eine neue Phase des Journalismus im Internet beginnt”, heißt es bei Abendblatt.de verheißungsvoll, das ist nicht ganz richtig.

Der Axel Springer Verlag startete unter dem Markennamen “Go On” schon im September 1996 (!) in Hamburg und Berlin lokale Angebote, die nur über T-Online erreichbar waren. “Bis Ende 1997 sollen 10.000 zahlende Mitglieder pro Stadt gewonnen werden”, schreibt Klemens Polatschek in einem Papier mit dem Titel “When Newspapers Go Electric - Bausteine zu einer Chronologie des Hypes” (PDF-Dokument). Springer soll in diese Projekte 30 Millionen Mark investiert haben. Das Projekt scheiterte. Lesenswert hierzu auch ein DPA-Artikel von Christoph Dernbach bei Heise Online aus dem Jahr 2001 mit dem bezeichnenden Titel “Bezahl-Web - Springer, geh du voran …”.

Übrigens gibt es solche Formen des Bezahljournalismus längst bei anderen Angeboten, wie etwa bei der Sächsischen Zeitung Online. Dort wurden die Bezahlschranke wohl auch nicht über Nacht eingeführt. Unter anderem an dieser meines Erachtens kundenunfreundichen Vorgehensweise wird das Experiment beim Hamburger “Abendblatt” und bei der Berliner “Morgenpost” wohl scheitern (apropos über Nacht, Chip Online weist schon auf eine “löchrige Content-Sperre” hin …, aber das wird sich ja wohl beheben lassen, ebenso wie die undeutsche Datumsanzeige “December”).
Obendrein gibt es noch eine “Hintertür” für die Leser, die via Suchmaschinen auf die kostenpflichtigen Artikel zugreifen können, wie unter anderem DWDL berichtet.

Wie könnte es weitergehen? Klar wird es signifikante Einbrüche bei der Reichweite geben, das ist freilich einkalkuliert, andererseits wird das starre Abo-Modell wie beim “Abendblatt” wohl nicht lange Bestand haben. Spätestens im Januar, Februar könnte ich mir vorstellen, dass lokale und regionale Inhalte zu einem geringen Teil wieder frei erhältlich sein werden und das es vielleicht flexiblere Preismodelle geben wird.

Dass die Kassenhäuschen wieder verschwinden, könnte ich mir hingegen frühestens im Sommer vorstellen, aber das ist eher unwahrscheinlich, weil es auch mit einem Gesichtsverlust verbunden wäre. Von Seiten des Axel Springer Verlags wird in den nächsten Wochen wohl eher gut kontrollierter PR-Sprech in dieser Sache zu hören sein: “Unser Paid Content-Angebot wird für uns selbst überraschend gut angenommen, kaum Reichweitenverluste”; Leserstimmen, Testimonials: “Das ist es mir wert!”.

Nachtrag, 16.12.09, 9.30 Uhr
Auf Abendblatt.de äußern sich prominente Befürworter des Paid Content-Angebots “Guter Online-Journalismus ist umsonst nicht zu haben” und weniger Prominente, die das Bezahlangebot eher ablehnen: “Das denken Leser und Internet-Community - “Das wird sich nicht durchsetzen”.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

15 Antworten zu “Selbstmörderisch? Hamburger “Abendblatt” startet mit Paid Content”

  1. Fiete Stegers sagt:

    Tatsächlich kenne ich einige, die das Abendblatt wegen des Lokals online lesen - glaube aber nicht, dass jemand dafür 7,95 monatlich zahlen würde.

  2. ☠ ring2 sagt:

    Paid Content: abendblatt.de als Abo – finde ich gut…

    Hamburg. Es ist aussichtslos, spotten Experten. Es ist selbstmörderisch, argwöhnt die Konkurrenz. Es ist unverschämt, denken die Nutzer. Und doch werden wir es tun: Wir wagen, Werthaltiges im Netz künftig nicht mehr zu verschenken, sondern zu verka…

  3. Andreas Bemeleit sagt:

    Recht hat Herr Iken, wer bezahlt bekommt auch etwas für sein Geld.
    Beispielsweise bietet der NDR bietet auf seinen Internetseiten Nachrichten aus Norddeutschland an.

    mehr dazu:
    http://zwischenzeit.de/blog/20.....n-tschuss/

  4. afsdf sagt:

    Naja gegen den NDR muss man dann erst mal klagen und die ÖR dürfen ihr Internetangebot ja nicht so ausbreiten. Ist doch klar :-)

  5. Dieter Hoogestraat sagt:

    Wie peinlich für das Abendblatt, immer noch glauben zu wollen, dass Menschen, die vom Netz begeistert genug sind, um eine Zeitung digital zu lesen, tatsächlich bereit wären, Nachrichten für teures Geld in Bausch und Bogen zu kaufen. Da wäre ein Blick auf iTunes aufschlussreich gewesen.

  6. dogfood sagt:

    Wobei es mich interessieren würde, warum ausgerechnet nur das Lokale hinter der Paywall verschwindet. Ohne konkrete Zahlen zu kennen, würde ich tippen dass auch der Sportbereich sehr populär ist und mit dem HSV-Blog von Dieter Matz durchaus “Killer-Content” hätte.

    Nur das Lokale hinter der Paywall verschwinden zu lassen … hmmm … irgendwie muss die Springer-Paywall-Strategie noch einen weiteren Kniff haben.

  7. Thomas Mrazek sagt:

    @dogfood: Schaust Du denn keinen Fußball im TV? ((-; Dann wüsstest Du, wie aggressiv die Fußballfans mitunter reagieren - zur Strafe solltest Du Dir mal den Münchner qualitätsjournalistischen Report-Beitrag vom Montag anschauen: “Die Hassattacken aufgeputschter Fußballfans”; u.a. mit dem “Experten” Professor Pilz … Grrrrr.

    Spaß beiseite: Irgendwas gedacht haben sie sich beim “Abendblatt” schon, es gerade mit dem Lokalteil zu probieren. Dein Gedanke mit Sportteil ist nicht ganz von der Hand zu weisen, aber unterm Strich macht der Sport anteilsmäßig wohl doch zu wenig her, selbst mit dem HSV-Blog. Aber gerade wenn man letzteres mit einer Pay Wall versehen hätte, hätte man sich erst recht Sympathien verscherzt, treue und aktive Nutzer vergrätzt.

  8. Oliver Bechmann sagt:

    Hm, ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber bei der Frankfurter Rundschau macht der Sportteil bei der Zugriffsmessung mehr als den halben Laden aus. Und dabei wiederum kommt zuerst die Eintracht, dann die Eintracht, noch mehr Eintracht und dann die Eintracht (dazu gehört auch das rasend gut laufende Blog-G). Und dann FSV Frankfurt, Bundesliga, FC Bayern und Champions League. Danach eigentlich nichts mehr.

    Und natürlich sind die Sportvereine wie Eintracht und FSV eben auch lokale Themen. Da könnte schon jemand in den entsprechenden Etagen auf die Idee einer Paywall kommen. Persönlich hoffe ich allerdings darauf, dass d Reichweite und Markenbindung als wichtiger eingeschätzt werden.

  9. Thomas Mrazek sagt:

    @Oliver Bechmann: Hui! Mich wunderte schon bei der “Abendzeitung”, dass der einzige Münchner Verein dort fast täglich unter den meistgelesenen Artikel ist, aber das ist eine Straßenverkaufszeitung.

    Dass das bei Euch sooo brummt … Ein Anreißer-Text für ein Interview mit dem Frankfurter im Blog-G vom 16.12. hat derzeit rund 770 Kommentare!.

    Hm, so wie ich uns Fans kenne, würden wir auch ziemlich ungehalten reagieren, wenn eine Pay Wall errichtet würde, aber die Berichtererstattung der “AZ” hat bei uns nicht sooo eine große Wirkung und es gibt ja auch noch ein wenig Konkurrenz in München (”tz”, “SZ”, “Merkur”, “Bild”).

  10. Oliver Bechmann sagt:

    Blog-G ist der absolute Irrsinn, belegt aber vor allem, dass ein Blog dann läuft/laufen kann, wenn es jemand mit Herzblut macht. Blog-G wird nämlich nicht von einem zwangsabgeordneten Redakteur gemacht, sondern vom FR- Webmaster mit viel Witz und dem Sinn fürs Kuriose. Und absoluter Eintracht-Fan obendrein.

    FNP und FAZ kümmern sich auch um die Eintracht, aber die FR tut es eben noch umfassender und intensiver. Die Eintracht-Berichterstattung ist eben eines der wenigen “assets” der FR im Jahr 2009.

    Würden die Zugriffe auf die Eintracht-Berichterstattung wegbrechen, so würde die FR in jedem Fall im Ranking der Newssites um ein gehöriges Stück nach hinten abrutschen. Und Wünsche, nach vorne aufzuschließen, könnte man dann gleich an den Weihnachtsmann richten. ;-)

  11. Dieter Hoogestraat sagt:

    @Oliver Bechmann, @Thomas Mrazek: Ob nun Eintracht & St. Pauli oder Lokales: Mit der langweiligen Digitalkopie einer Papierzeitung, deren Inhalt für Leser dazu kaum einzuschätzen ist, dürfte auch Springer in Sachen bezahlte Netzinhalte wenig Erfolg haben.

    Da muss mehr kommen, was bsp. so aussehen könnte: eine satte Textzusammenfassung, darüber – großformatig – im Videozusammenschnitt die besten Spielszenen. Die spannendsten Passkombinationen kann ich mir als Animationen zeigen lassen. Zudem werden Mannschaft, Tabelle sowie das beste Zitat geliefert.

    Welchen Beitrag ich sehen möchte, suche ich mir anhand einer Leiste aus, wie sie ARTE+7 verwendet. Und bezahlen werde ich natürlich nur das, was ich mir tatsächlich angesehen habe. So wird ´n Schuh draus.

  12. Oliver Bechmann sagt:

    Hm, ich bin nicht in Springers Kopf, aber Hoogestraats Wünsche bedeuten m.E.: Das wird personaltechnisch so teuer, dass es sich selbst Springer nicht leisten kann - oder der Kunde wird sich dererlei umfassenden Paid Content nicht leisten können. Zumindest wenn der Anbieter mit diesem Angebot noch Geld verdienen will.

  13. Dieter Hoogestraat sagt:

    @Oliver Bechmann: Ja, hätte ich Wunschfreiheit, würde der einzelne Beitrag deutlich teurer werden. Dafür müsste ich jedoch den ganzen Kladderadatsch, der mich ohnehin nicht interessiert, nicht mehr mitbezahlen und würde außerdem erwarten das bsp. eingesparte Druck- und Distributionskosten in einen guten Online-Journalismus fließen würde. (Ich weiß, ein frommer Wunsch!)

    Zurzeit machen die Springer-Leute ein unattraktives, weil gemessen an den Netzmöglichkeiten schlecht aufgemachtes und nur mit eHilfsmitteln lesbares Produkt noch unattraktiver: Es wird zur kostenpflichtigen Katze im Sack.

    Das geschieht bestimmt nicht ohne Grund, und das dahinter stehende Kalkül dürfte „Abschreckung“ heißen. Mögen unsere Leser, scheinen die Abendblättler zu hoffen, doch die Finger von der für uns so unergiebigen Digitalausgabe lassen und dafür (wieder) zum Printprodukt greifen.

    auch @dogfood: Das würde auch erklären, warum ausgerechnet der Lokalteil kostenpflichtig wird. Auf gleichwertigem Niveau dürfte das Abendblatt hier die geringste Konkurrenz im Netz zu fürchten haben, während für die Leser in den Lokalregionen die flächendeckende Versorgung mit dem Hamburger PapierAbendblatt gesichert ist.

    Das ist zwar tricky und stützt vorübergehend das alte Geschäftsmodell. Ein neues, auf Inhalten beruhendes dürfte aber zukunftsträchtiger sein.

  14. Nicole Haase sagt:

    Dazu übrigens eine kurze Linksammlung, die das Thema zusätzlich aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet:
    http://bit.ly/4FJxbg

  15. Ralf sagt:

    Ich denke Paid Content kann schon laufen aber es kommt immer auf die Themenbereiche an. Wenn man sich jetzt z.B. den Printbereich anschaut zahlt man ja auch für eine Zeitschrift. Ok da sagen jetzt manche der Druck einer Zeitschrift oder Zeitung kostet ja auch aber im Internet müssen die Server ja auch bezahlt werden.

Kommentar schreiben

Bitte lesen Sie die Regeln für Kommentare.


Zeigen Sie, dass Sie kein Spambot sind und lösen Sie die Aufgabe (ohne Taschenrechner).