Selbstmörderisch? Hamburger „Abendblatt“ startet mit Paid Content

abendblatt.de (Screenshot)

„Vielleicht ist es aussichtslos. Vielleicht ist es selbstmörderisch. Vielleicht ist es auch unverschämt. Doch vor allem ist es eins: Es ist alternativlos“, orakelt Matthias Iken auf Abendblatt.de, weiter heißt es: „Der Zugriff auf Lokal- und Regionalberichte sowie das Archiv ist nun für 7,95 Euro pro Monat im Abo zu haben. Für Zeitungs-Abonnenten bleibt das komplette Angebot von abendblatt.de kostenfrei.“

Nachtrag, 15.12.09, 18.50 Uhr
Herrje, ich habe nur wenig Zeit, hier etwas zum Thema zu schreiben, wer eine fundierte Analyse sucht, findet sie bei Stefan Niggemeier. Nur ein paar Notizen: „Eine neue Phase des Journalismus im Internet beginnt“, heißt es bei Abendblatt.de verheißungsvoll, das ist nicht ganz richtig.

Der Axel Springer Verlag startete unter dem Markennamen „Go On“ schon im September 1996 (!) in Hamburg und Berlin lokale Angebote, die nur über T-Online erreichbar waren. „Bis Ende 1997 sollen 10.000 zahlende Mitglieder pro Stadt gewonnen werden“, schreibt Klemens Polatschek in einem Papier mit dem Titel „When Newspapers Go Electric – Bausteine zu einer Chronologie des Hypes“ (PDF-Dokument). Springer soll in diese Projekte 30 Millionen Mark investiert haben. Das Projekt scheiterte. Lesenswert hierzu auch ein DPA-Artikel von Christoph Dernbach bei Heise Online aus dem Jahr 2001 mit dem bezeichnenden Titel „Bezahl-Web – Springer, geh du voran …“.

Übrigens gibt es solche Formen des Bezahljournalismus längst bei anderen Angeboten, wie etwa bei der Sächsischen Zeitung Online. Dort wurden die Bezahlschranke wohl auch nicht über Nacht eingeführt. Unter anderem an dieser meines Erachtens kundenunfreundichen Vorgehensweise wird das Experiment beim Hamburger „Abendblatt“ und bei der Berliner „Morgenpost“ wohl scheitern (apropos über Nacht, Chip Online weist schon auf eine „löchrige Content-Sperre“ hin …, aber das wird sich ja wohl beheben lassen, ebenso wie die undeutsche Datumsanzeige „December“).
Obendrein gibt es noch eine „Hintertür“ für die Leser, die via Suchmaschinen auf die kostenpflichtigen Artikel zugreifen können, wie unter anderem DWDL berichtet.

Wie könnte es weitergehen? Klar wird es signifikante Einbrüche bei der Reichweite geben, das ist freilich einkalkuliert, andererseits wird das starre Abo-Modell wie beim „Abendblatt“ wohl nicht lange Bestand haben. Spätestens im Januar, Februar könnte ich mir vorstellen, dass lokale und regionale Inhalte zu einem geringen Teil wieder frei erhältlich sein werden und das es vielleicht flexiblere Preismodelle geben wird.

Dass die Kassenhäuschen wieder verschwinden, könnte ich mir hingegen frühestens im Sommer vorstellen, aber das ist eher unwahrscheinlich, weil es auch mit einem Gesichtsverlust verbunden wäre. Von Seiten des Axel Springer Verlags wird in den nächsten Wochen wohl eher gut kontrollierter PR-Sprech in dieser Sache zu hören sein: „Unser Paid Content-Angebot wird für uns selbst überraschend gut angenommen, kaum Reichweitenverluste“; Leserstimmen, Testimonials: „Das ist es mir wert!“.

Nachtrag, 16.12.09, 9.30 Uhr
Auf Abendblatt.de äußern sich prominente Befürworter des Paid Content-Angebots „Guter Online-Journalismus ist umsonst nicht zu haben“ und weniger Prominente, die das Bezahlangebot eher ablehnen: „Das denken Leser und Internet-Community – „Das wird sich nicht durchsetzen“.

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