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Fotostrecken von der Hinrichtung

Im US-Bundestaat Utah ist ein als Mörder verurteilter Mann von einem Erschießungskommando hingerichtet worden. Auf unser aller Vorbild-Website news.bbc.co.uk ist die Geschichte der Aufmacher, der erste Subteaser verheißt: “In Pictures: Utah Execution”. Dahinter erwartete ich instinktiv eine minutiöse Dokumentation der Erschießung – Bild für Bild.

news.bbc.co.uk (Screenshot)

So sieht es dann doch nicht aus. Nur vier Bilder Nach anfangs nur vier Bildern sieben Motive, die vornehmlich den Hingerichteten, eine Hinrichtungszelle und Angehörige der Opfer zeigen – nicht die Hinrichtung selbst, wie es der Teaser vermuten ließ. Eines der Bilder, das die widersprüchlichen Emotionen der Angehörigen zeigt, ist starker Fotojournalismus.

Oder ist hier durch Aufmachung und Umfang insgesamt schon eine Grenze überschritten? Eine Frage, die sich beim Umgang mit Fotos, die Gewalt, Leid und Opfer zeigen, immer wieder stellt und die wahrscheinlich jedes Mal neu beantwortet werden muss. Denken wir an Fotostrecken, die das Ausmaß einer Naturkatastrophe verdeutlichen oder an die Diskussion um ethische Zurückhaltung versus Beschönigung bei Kriegsbildern.

Oder an die Frage, ob eine 17-teilige Bildergalerie über einen schweren Verkehrsunfall sein muss, auch wenn sie hauptsächlich Aufnahmen von Rettungsfahrzeugen zeigt. Im Blog der Journalistin Ulrike Langer melden sich dazu u. a. Diskutanten zu Wort, die den dokumentarischen Anspruch des Fotojournalismus hervorheben und süffisant auf hochgelobte Fotoblogs wie The Big Picture verweisen. Und ob die Online-Redakteure der Mitteldeutschen Zeitung froh darüber sind, dass ihnen hier Design als Standard-Funktion bei sämtlichen Bildern – also auch Unglücksfotos – anbietet, diese als E-Card zu versenden.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

… im sonstigen Internet

Fußball-WM: Zwei junge deutsche Multimedia-Projekte

Die WM scheint traditionell ein Innovationsmotor für den deutschen Multimediajournalismus zu sein: Ich erinnere mich noch, wie ich vor vier Jahren zur Fußball-WM für jetzt.de ein selbstentwickeltes Multimedia-Format ausprobiert habe (Hat leider nie so richtig funktioniert, für die meisten Leser war es zu ungewohnt). Jetzt haben wieder zwei Gruppen von Journalisten zur WM multimediale Experiment gewagt – nicht nur erzählerisch, sondern auch wirtschaftlich.

2470media

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2470media.com ist ein Zusammenschluss von einigen jungen Hannoveraner Foto-Journalisten. Anna Jockisch, Shooresh Fezoni, Michael Hauri und Daniel Nauck stammen alle aus der neuen Talentschmiede für Audio-Slideshows, der Fachhochschule Hannover mit ihrem speziellen Studiengang Fotojournalismus. Die vier haben sich gut vorbereitet, Experten befragt und sowohl Unterstützung durch den Gründercampus Niedersachsen als auch Kapital bei einer Bank beantragt.

Die GmbH erinnert sofort an die amerikanische Produktionsfirma Mediastorm und mein erster Gedanke, als die vier mich vor über einem Jahr in ihre Pläne einweihten war, wie bei Mediastorm: Und mit was wollen die Geld verdienen? Neben dem reglären Verkauf von ihren Produktionen an Verlage (mit vermutlich bescheidenen Honoraren, die ich ungern durch vier teilen wollen würde), sind Auftragsproduktionen etwa für Imagekampagnen von Konzernen sicher nicht unwahrscheinlich und sicher auch ganz lukrativ. Und dann fällt auf der Seite noch der kleine Kachingle-Button auf, ein Unternehmen und eine Idee, das durchaus die Vorstufe zu einem neuen Bezahlmodell für Journalismus sein könnte.

Bei ihrem WM-Projekt Soccer for Life steht dagegen der Charity-Gedanke im Vordergrund. Die hervorragenden Reportagen aus Afrika von Felix Seuffert (der mir bereits mit seiner Übungsreportage an der FH positiv aufgefallen war) werden mit Partnern wie “11 Freunde” und “taz” und einem Spendenaufruf präsentiert. Finanziert wird das Projekt vom Gründercampus und über Honorare von DFB-TV. Jedenfalls ist es eine Freude, diese mit Leidenschaft gemachten Reportagen aus Film und Fotos anzusehen, etwa über einen taxifahrenden Fußballtrainer, der alles macht, damit seine Kunden glücklich sind und seine Jungen Fußball spielen können.

Das Wintermärchen

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Begeisterung für Fußball und für Multimediajournalismus stand auch bei Christian Frey und Kai Schächtele im Vordergrund. Sie berichten in ihrem vor wenigen Tagen gestarteten Projekt wintermaerchen2010.com täglich aus Südafrika. Beide arbeiten als freie Journalisten und haben bereits einige Audio-Slideshows zusammen produziert. Und auch sie setzen auf freiwillige Unterstützung: Bereits 450 Euro kamen über einen einfachen Paypal-Link zusammen, das ist immerhin mehr, als die großen Verlage für einen Multimedia-Beitrag zahlen. Vielleicht ist es irgendwie ein schönes Gefühl für Rezipienten, einen Privat-Korrespondenten dort unten zu haben.

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Was mir auch hier gefällt: Das Geld interessiert die beiden gar nicht so sehr. Sie wollen in erster Linie dabei sein und schöne Geschichten erzählen. Aktuell zum Beispiel über den Ärger der Afrikaner, die in der Nacht auf Montag an den Ticketbuden umsonst gewartet haben.

Egal was aus den Projekten finanziell wird … journalistisch sind sie für mich jetzt schon eine Inspiration.

“Zeitung online” besser per Twitter verfolgen

Heute begann in Düsseldorf die Tagung “Zeitung Online”. Bei der vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und World Association of Newspapers and News Publishers (WAN-IFRA) veranstalteten Multimediakonferenz werden “die neusten Online-Trends, E-Publishing-Lösungen und innovativen Vertriebskonzepte für mobile Endgeräte diskutiert”. RP Online bietet eigens dazu ein Dossier “Special zum Kongress “Zeitung online 2010″ in Düsseldorf” an, das neben Eigen-PR auch Informatives – zumindest für den nicht aus der Medienbranche stammenden Leser – bietet.

Erhofft hatte ich mir eine Live-Berichterstattung, doch der RP Online-Bericht “Zeitung Online ist eröffnet” lässt einen leider regelrecht gruseln – Bratwurstjournalismus vom Feinsten, garniert mit unzähligen Fehlern; als Kostprobe der inzwischen korrigierte Teaser:

Der Fachkonferenz”Zeitung Online” hat begonnen. Die Resonanz ist groß. Im Tagungsraum sitzen rund 300 Experten, Chefredakteure, Marketingstrategen dicht gedrängt. Richard Rebmann, Vize-Präsident des Bundes deutscher Zeitungsverleger begrüßte die Gäste im Saal.

Da ist man mit den Häppchen-Informationen via Twitter zumindest im Groben besser informiert – Hashtag #zo10.

Gegen BP – für Gauck

Ein leicht knollennasiger älterer Herr aus dem Osten ist zum Liebling von Leuten geworden, die sich ansonsten eher für Mate oder Ipads interessieren – stark vereinfacht gesagt. Aber von vorn:

In der letzten Woche geisterten einige Links durchs Web, die sich mit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko beschäftigten. Nicht nur mein Favorit: “If it was my home” projiziert die Größe der Verseuchung dank Google Maps auf eine beliebige Erdregion. Warum ist auf so etwas keine Online-Redaktion gekommen?

Weitere interessante Links, die eher in Richtung Aktivismus als Journalismus gehen und sich gegen den Verursacher der Ölpest wenden, hat Netzpolitik gesammelt: “Remix BP“.

Positiv versuchen hingegen in den letzten Tagen Unterstützer der Bundespräsidenten-Kandidatur von Joachim Gauck, die nicht in den Redaktionen von “Spiegel” oder “Bild am Sonntag” sitzen, ihrem Kandidaten Rückenwind im deutschprachigen Netz zu verschaffen. Nicht nur in den Online-Umfragen großer Sites – egal ob Bild.de oder heute.de – dominiert Gauck klar vor Wulff: Websites wie “Wir für Gauck” oder “Mein Präsident” zeigen, was mit minimalem oder ein wenig mehr Aufwand in Windeseile mit frei zugänglichen Social-Media-Tools zusammengebastelt werden kann. Das Pottblog bietet eine “Gauck-Ecke” zum Einbau in die eigene Website an. Die Webevangelisten sammeln Pro-Gauck-Tweets und bauen daraus ein Mosaik von mehr als 2.500 Unterstützern. Und die etablierten Medien thematisieren die Pro-Gauck-Welle auch schon – zuerst anscheinend Der Westen (ausgerechnet!), spätestens morgen dann sicher auch Spiegel Online.

Schließlich bringt es unter den diversen Pro-Gauck-Bekundungen auf Facebook eine Gruppe bereits auf mehr als 10.000 Mitglieder. Interimspräsident Jens Böhrnsen kann hingegen auf Facebook – soweit ich das sehe – nur auf etwas über 300 Freunde zählen. Immerhin sind das schon deutlich mehr als seine 24 Kumpane am Montag letzter Woche.
Jens Böhrnsen bei Facebook, Screenshot vom 31.05.2010

Update, 08.06.2010

q.e.d. – ein SpOn-Artikel

Weitere Links
… im Internet:

  • Das Altpapier fragt “What about the Gauck-Euphorie? Spannend an der Horst-Köhler-Nachfolge-Frage bleibt aus medialer Sicht, ob und wie es den Medien gelingt, die Gegenkandidat-Trunkenheit vom Wochenende (Altpapier von gestern) hochzuhalten.”

“Woran das Online-Portal der WAZ Mediengruppe scheiterte”

… wird ein Artikel auf dem Titel des aktuellen “Journalist” angekündigt. Im Heft (und online) heißt es dann ein wenig differenzierter: “DerWesten – oder: Woran regionaler Journalismus im Netz krankt”.

Die Autorin Svenja Siegert beschäftigt sich intensiv mit den Erwartungen und der Realität von DerWesten.de. Sie macht vor allem das Problem einer künstlichen “Web-Dachmarke” gegenüber den traditionellen Einzelmarken der Print-Titel und – trotz des jüngsten Relaunchs – die Mängel in der regionalen Ausrichtung der Website (auch bedingt durch die mangelnde Zusammenarbeit Print-Online) für Probleme des Westens verantwortlich. Interessant ist die Diskussion über die Rolle der überregionalen Inhalte – DerWesten-CvD Kathrin Scheib verteidigt sie, die es dann eben doch gibt. Denn sie ziehen – obwohl sie nicht nur Spiegel Online besser macht als DerWesten. Sollte die regionale Plattform konsequent darauf verzichten? Svenja Siegert meint: Ja, Scheib ist anderer Meinung. Auch darüber, ob es ein Gewinn oder ein Armutszeugnis ist, wenn 80 Prozent der Online-Nutzer keine Zeitung der WAZ-Gruppe lesen, gehen die Meinungen auseinander.

Dritter Streitpunkt: die Rolle von lokalen/regionalen Blogs. Pottblog und Ruhrbarone bekommen zumindest in der den Artikel begleitenden Grafik ganz schön Gewicht zu bekommen. Die Rolle des großen WDR wird hingegen gar nicht beleuchtet – dafür aber kurz auf die Relikte der historischen Sonderposition von rp-online eingegangen. Also auf alle Fälle lesenswert.


Weitere Links

Mehr über DerWesten bei onlinejournalismus.de

Für Hans J. Schiebener hat der Artikel seinen Finger nicht dahingelegt, wo es weh tut.

[Ich habe für WDR.de gearbeitet.]

Dirk von Gehlen bittet um vier Sätze für den Journalismus

Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter von Jetzt.de, bittet in seinem Privat-Blog Digitale Notizen, bloggende Journalisten um “Vier Sätze für Journalismus” basierend auf den folgenden Fragen, die ich sogleich beantwortete.

Das sollte jeder Journalist/jede Journalistin heute lernen:
Alle Ausspielmöglichkeiten des (Online-)Journalismus zumindest im Kopfkino immer mal wieder ausprobieren und ausloten.

Nutzerbeteiligung macht den Journalismus besser, wenn …
… sie ernst genommen und professionell begleitet wird.

In zehn Jahren werden wir uns darüber wundern, dass in der heutigen Debatte …
… noch so intensiv über die Vor- und Nachteile des Online-Journalismus diskutiert wurde, statt einfach mal zu machen!

So könnte ein Geschäftsmodell für den Journalismus von morgen aussehen:

Zahlende Nutzer, denen professioneller Journalismus doch noch so viel wert ist.



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