Leserkommentare: Sachlich bleiben


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Der mitunter rüde Umgangston auf Zeitungs-Websites erfordert zunehmend eine größere journalistische Sorgfalt und verständliche Kommentarregeln.

Eigentlich ist es für alle Beteiligten eine feine Sache, wenn sich Leser auf Zeitungs-Websites rasch und unkompliziert zu Wort melden können. Ob in Kommentaren unter den Artikeln, in Foren, auf Blogs oder in sozialen Netzwerken kommentieren und debattieren die Nutzer immer eifriger mit. „Der Grund, warum man Leserkommentare anbietet, ist die Stärkung der Leser-Blatt-Bindung – die scheint bei einem gemeinsamen Wohnort, also in der Lokalberichterstattung, leichter darstellbar zu sein als im überregionalen Raum“, sagt Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter von Jetzt.de, „dem jungen Magazin der Süddeutschen Zeitung“.

Im Lokalen seien die „verbindenden Themen oft konkreter“ und oftmals bestehe eine Verbindung, „die sogar im echten Leben eine Fortsetzung“ finde. Eine gute Chance also, um sich als Zeitung auch im Web zu etablieren, meint von Gehlen, wobei die Möglichkeiten für den Aufbau von Communities im regionalen und lokalem Rahmen „bei weitem noch nicht ausgeschöpft“ seien.

Erstmals Missbilligung durch den Presserat
Doch mit der wachsenden Beliebtheit der Leserbeteiligung im Netz nehmen naturgemäß auch die Probleme zu. Ella Wassink, Sprecherin des Deutschen Presserats, der seit 1.1.2009 auch für journalistisch-redaktionelle Inhalte im Online-Bereich zuständig ist, berichtet von immer mehr Beschwerden über Nutzerkommentare. Erstmals sprach der Presserat jetzt eine Missbilligung gegen eine Zeitung aus.

Dass der Presserat nicht schon öfter Redaktionen wegen Leserkommentaren im Netz rügen musste, liege daran, „dass sich nach anderthalb Jahren der Online-Zuständigkeit erst eine Spruchpraxis herauskristallisieren muss“, erklärt Wassink. Mittlerweile habe es sich bewährt, dass der Presserat Redaktionen auf Beschwerden zu Leserbeiträgen mitunter sofort nichtöffentlich hinweise, so das diese entsprechend schnell reagieren können.

Hetzerisch und diffamierend
Im folgenden Fall war dies allerdings nicht mehr möglich (der Presserat dokumentierte den Fall bislang nur in seinem Newsletter, hier der entsprechende Auszug als PDF: “Verdächtige von Lesern diffamiert”). Die Online-Ausgabe des „Münchner Merkur“ hatte über Ermittlungen wegen Betrugs gegen ein Unternehmerehepaar berichtet. Der Anwalt des Ehepaars sah die erschienenen Kommentare der Leser als „überwiegend anklagend, hetzerisch und diffamierend“ an, berichtet der Presserat in seinem Newsletter. Das Selbstkontrollorgan der Presse sprach nach Prüfung des Falles eine „Missbilligung“ (zum Begriff der Missbilligung siehe am besten Wikipedia-Artikel zum Deutschen Presserat und dort Pressekodex; der Deutsche Presserat äußert sich auf seiner Website leider nicht ausführlich und eindeutig dazu, was ich generell als Mangel betrachte! T.M.) aus. Die Ziffern 2 und 9 des Pressekodex (Journalistische Sorgfaltspflicht und Schutz der Ehre) seien verletzt worden:

„Die zum kritisierten Artikel eingegangenen Leserkommentare sind zum Teil geeignet, den im Beitrag namentlich genannten Unternehmer in seiner Ehre zu verletzen. Mehrfach ist die Grenze zwischen einer zulässigen Kritik und einer ehrverletzenden Darstellung überschritten worden. Die Redaktion hätte solche Beiträge sofort entfernen müssen. Der Beschwerdeausschuss stellt fest, dass mehrere ehrverletzende Kommentare bis zu vier Tage lang im Netz standen, ohne dass die Redaktion eingegriffen hätte.“

Zweifelhafter Quotenbringer
Beleidigende Kommentare zu der Online-Veröffentlichung seien allerdings laut der Redaktion sofort nach Eingang der Beanstandung entfernt worden. Die Kommentarfunktion des entsprechenden Artikels wurde nach dem Suizid des Unternehmers komplett ausgeschaltet. Gegenüber der Drehscheibe wollte sich der Chefredakteur Online Münchener Zeitungs-Verlags (MZV), Bernd Ernemann, nicht zu dem Vorgang und eventuell daraus gezogenen Konsequenzen äußern. Dass die oft unter Fantasienamen veröffentlichten Kommentare auf den Portalen des MZV häufig nicht zum positiven Ansehen der Zeitungen („Münchner Merkur“ und „tz“ ) beitragen, erzählt ein Redakteur, der mit Namen nicht genannt werden will. Vorrang hätten die hohen Klickraten, die durch die freizügige Leserbeteiligung erzielt würden.

Kurswechsel bei der „Badischen Zeitung“
Mit ähnlichen Problemen hatte man in Freiburg zu kämpfen: „Qualitätszeitungen stehen für Glaubwürdigkeit, Sachlichkeit, Fairness, Objektivität und Seriosität. Die Debatten auf badische-zeitung.de standen regelmäßig im Konflikt mit diesen Eigenschaften“, sagt Markus Hofmann, Redaktionsleiter Online bei der „Badischen Zeitung“. „Der Umgangston war rüde und beleidigend, viele User verzettelten sich in aggressiven Privatscharmützeln“, schildert Hofmann die Situation zum Jahresbeginn. „Wir haben daraus den Schluss gezogen: Das wollen wir so nicht. Die Diskussionen auf badische-zeitung.de schaden der Marke und dem Ansehen der Zeitung, wir müssen etwas ändern“.

Im Februar wurden die Kommentarregeln für badische-zeitung.de geändert, seither ist es nicht mehr möglich, dort unter Fantasienamen zu kommentieren. Die Nutzer müssen Echtnamen angeben. Diese Namen lassen sich zwar auch nicht zu hundert Prozent verifizieren, doch zumindest stellen sie eine gewisse Hemmschwelle etwa für diffamierende Wortbeiträge dar.

30 Prozent weniger Kommentare
Die Ankündigung der restriktiveren Handhabe bei Leserkommentaren wurde fast 500 Mal kommentiert. Viele Nutzer sehen in der Massnahme eine Einschränkung der Meinungsfreiheit oder argumentieren, dass der Datenschutz durch die Nennung von Echtnamen auf der Strecke bleibe. Redaktionsleiter Hofmann war dieses negative Echo von vornherein klar, er bilanziert: „Seit der Einführung der Echtnamen vor drei Monaten ist die Zahl der Kommentare um 30 Prozent zurückgegangen.

Was die Qualität betrifft: Wir müssen als Moderatoren inzwischen viel seltener intervenieren. Die Ausreißer nach unten sind signifikant zurückgegangen, der Umgangston ist weniger aggressiv und respektvoller geworden.“ Insgesamt habe man „einen Schritt nach vorne gemacht“: „Nach meiner Wahrnehmung kommentieren inzwischen auch Leute, die davor durch den vorherrschenden rüden Umgangston abgeschreckt wurden.“

Eigene Netiquette
In einer eigens formulierten Netiquette und in einem Artikel „Wir über uns: So moderieren wir die Artikel-Kommentare“ werden die Teilnahmebedingungen prägnant erläutert: „Bei der Konzeption der Netiquette waren uns zwei Dinge wichtig: Sprachlich ging es uns darum, dass wir unseren Nutzern nicht das Gefühl vermitteln wollten, hier verlautbart ein Roboter oder ein Verwaltungsjurist eine Reihe von technischen Verordnungen“, erklärt Hofmann. Die Nutzer sollten vielmehr erkennen: „Die Redaktion besteht aus Menschen. Inhaltlich war es uns wichtig, nicht nur Verbote zu kommunizieren, sondern positiv zu motivieren: Berichten Sie uns Ihre Eindrücke als Augenzeuge! Teilen Sie Ihr Expertenwissen! Weisen Sie uns auf Fehler hin!“.

Kommentar-Brechreiz minimieren

Bei badische-zeitung.de können grundsätzlich fast alle Themen kommentiert werden, Ausnahme sind Polizeimeldungen zu Unfällen, Jugendgewalt oder Kriminalität von Migranten: „Bei unserem jungen Tochterportal fudder haben wir gemerkt, dass uns auf diese Weise 80 Prozent der problematischen Kommentare erspart bleiben“, schildert Hofmann seine Erfahrungen und ergänzt: „Erspart bleibt uns dadurch übrigens auch eine ganz bestimmte Klientel an Kommentarautoren, die selten Substanzielles, dafür aber zuverlässig Brechreiz mit ihren Kommentaren produziert.“

Für besonders wichtig hält es Hofmann, dass sich die Redakteure aktiv an den Diskussionen beteiligt: „Die Nutzer sollen sehen, dass die Redaktion mitliest und sich an den Debatten beteiligt. Wenn Fragen gestellt werden, antwortet ein Kollege aus der Online-Redaktion entweder direkt oder leitet die Frage an den zuständigen Print-Redakteur weiter.“ Wünschenswert wäre es für Hofmann, „dass wir noch stärker in den Kommentaren präsent sind.“ Dies scheitere aber an den Ressourcen.

Lohnt es sich?
Lohnt sich denn der ganze Aufwand? Hofmann ist überzeugt: „In der Onlinewelt definiert sich journalistische Relevanz auch dadurch, inwiefern es Journalisten gelingt, mit ihren Inhalten Gesprächsthema zu sein. Auf diese Weise demonstriere ich meine Nachrichtenkompetenz. Auf diese Weise zeige ich, dass ich ein Meinungsführer sein kann. Auf diese Weise betreibe ich Agenda-Setting. Online-Journalismus ohne Interaktion mit dem Nutzer ist wie ein Farbfernseher ohne Ton.“

Auch Dirk von Gehlen ist überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt: „Den Nutzer einzubinden, aus der reinen Publikation tatsächlich Kommunikation zu machen, ist nichts, was abseits vom journalistischen Produkt stattfindet, sondern direkten und oft auch positiven Einfluss auf die Inhalte und die Glaubwürdigkeit von Medien hat.“

Dieser Artikel erschien im Sommer 2010 in ähnlicher Form in der „Drehscheibe“ Herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit dem Projektteam Lokaljournalisten (PLJ)

Nachtrag, 16.09.2010 Presserat nur für moderierte Foren zuständig

In einer Pressemitteilung des Deutschen Presserats vom 15.09.2010 heißt es:

“Zu den Aufgaben des Deutschen Presserats gehört die Prüfung und ethische Bewertung journalistisch-redaktioneller Publikationen. Zu diesen zählen auch moderierte Foren, deren Inhalte vorab geprüft werden. Inhalte unmoderierter Foren werden vom Presserat nicht geprüft und bewertet, weil es sich dabei um Äußerungen handelt, die vor der Veröffentlichung nicht der redaktionellen Kontrolle unterliegen. Beschwerden gegen Inhalte unmoderierter Foren werden vom Presserat nicht behandelt. Sie werden lediglich an die betroffenen Verlage weiter gegeben.”

Werden damit nicht letztlich Betreiber, die ein aufwändiges Foren-Management betreiben, einer schärferen Kontrolle unterzogen? Aus der Sicht des Deutschen Presserats ist es ja verständlich, denn der Presserat ist derzeit einfach nicht dafür eingerichtet, schnell und effizient auf solche Beschwerden zu reagieren. Mir erscheint diese Lösung nur halbherzig, der Deutsche Presserat sollte dringend über Reformen nachdenken.

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