Best Practice bei Zeit Online: Recherchefleiß meets Datenvisualisierung

Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland, Zeit OnlineEs ist noch keine zwei Monate her, dass die Veröffentlichung der Afghan War Diaries durch Wikileaks für großes Aufsehen sorgte. Dabei wurde auch die Frage aufgeworfen, wie gut die drei beteiligten Medien diese Datenflut aufbereitet hatten, wobei Spiegel Online nicht besonders gut abschnitt. Zeit Online hat nun mit der Veröffentlichung einer interaktiven Karte zu Todesopfern rechter Gewalt selbst Datenjournalismus betrieben und dabei Maßstäbe gesetzt.Im Gegensatz zu Wikileaks sickerten hier keine Daten durch, die freie Journalistin Heike Kleffner und “Tagesspiegel”-Redakteur Frank Jansen sowie Johannes Radke und Toralf Staud haben monatelang recherchiert, um alle mindestens 137 Fälle dokumentieren zu können, in denen Menschen aufgrund rechter Gewalt ums Leben gekommen sind.„Die Polizei dagegen führt lediglich 47 Tote in ihrer Statistik. Mit der Veröffentlichung dieser Liste soll versucht werden, den vielen kaum bekannten Opfern ein Gesicht zu geben“, heißt es in der Legende zur Karte. Insofern ist das zuallererst eine große investigative Leistung, die das wahre Ausmaß eines Missstandes offenlegt.Das Ergebnis ist auch glaubwürdig, da die vier Journalisten sehr umfassend recherchierten: „Wir haben uns Urteile angeschaut, haben mit Justiz-Pressesprechern, mit Staatsanwälten und mit Richtern gesprochen, mit den Vertretern der Nebenklage und vor Ort mit Szenekennern, mit Leuten aus dem Umfeld der Opfer“, erklärt Kleffner in einem Video zum Projekt. Frank Jansen ist für seine journalistische Arbeit, die Licht ins Dunkel des rechtsradikalen Treibens bringt, schon mehrfach ausgezeichnet worden.Symbiose von Transparenz und PartizipationVeredelt wird die monatelange Recherche-Leistung des Quartetts nun durch die Grafik-Redaktion von Zeit Online, die all diese Fälle in einer interaktiven Deutschland-Karte aufbereitet hat, und das in nicht weniger als zwölf Kategorien: Von Alter über Tatort bis zum Strafmaß. Dazu gibt es noch einen Zeitstrahl, der die Opfer von 1990 bis 2010 anzeigt.Einziges Manko hier: man kann nicht ein einzelnes Jahr für sich betrachtet anklicken, die Todesfälle werden von Jahr zu Jahr addiert. (Die Auflistung der Opfer Jahr für Jahr gibt es in dem Dossier-Artikel “137 Schicksale“.) Wer noch tiefer einsteigen will, kann den Reiter „Vergleich“ anklicken und dann zum Beispiel vergleichen, ob es mehr Gruppentaten in Großstädten oder in Kleinstädten gab. Auch eine Vergleich mehrerer Kriterien ist möglich.Weitere Pluspunkte gibt es zum einen für die Transparenz der Daten, die Zeit Online zum Download anbietet, zum anderen für den Aufruf an die Leser, sich bei Verdachtsfällen oder bei einem bislang unbekannten Tötungsdelikt, an die Redaktion zu wenden. Hier gehen Transparenz und Partizipation eine Symbiose ein, die man sich im onlinejournalistischen Geschäft viel öfter wünschen würde.So gelungen diese Aufbereitung der selbst recherchierten Daten ist, sie bleibt nicht Selbstzweck, sondern ist in ein umfangreiches Dossier, das alle Hintergründe rechter Gewalt in Deutschland beleuchtet, eingebettet. „Todesopfer rechter Gewalt“ ist eine der besten journalistischen Leistungen in Deutschland 2010.

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