Online vs. Print reloaded

Dass der Kampf zwischen Online und Print anscheinend immer noch nicht beigelegt ist, zeigen verschiedene Veröffentlichungen aus den vergangenen Tagen: Stefan Niggemeier  und netzpolitik.org haben innerhalb von zwei Tagen mehrere Anzeichen dafür gesammelt.

Kern aller Aussagen ist dabei: Print wirkt, online ist immer noch nicht als eigenes Medium oder gar journalistisches Umfeld anerkannt. Markus Beckedahl berichtet über die zweite Jahrestagung der “Nationalen Initiative Printmedien” und zitiert aus deren Thesenpapier. Interessant ist am Rande, dass die Tagung im Kanzleramt stattfand und sowohl Gewerkschaften als auch Verlegerverbände sowie der Kulturstaatsminister Mitglied sind.

Das Thesenpapier fasst die Kernaussagen zusammen, die alle natürlich sagen: Nur Print bietet hochwertigen Journalismus, und den bieten nur die Verlage (die, nebenbei ein wenig polemisch gesagt, Online zum Großteil noch heute verschlafen haben).

Die dritte der Thesen aus dem Papier betont, dass das Internet böse sei und keine Qualität biete:

Junge Menschen lesen heute immer weniger Zeitungen und Zeitschriften. Im Zentrum ihrer Mediennutzung stehen elektronische Angebote. Mit dieser bereits seit langem zu beobachtenden Entwicklung geht ein signifikanter Rückgang des Interesses von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an politischen und gesellschaftlichen Fragen einher. Das ist der Demokratie langfristig abträglich.

Folglich ist es

deshalb ein Gebot der Stunde, junge Menschen wieder für das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften zu begeistern und ihnen den besonderen Wert des gedruckten Wortes und professioneller journalistischer Leistungen zu vermitteln. In einer immer komplexer und unübersichtlicher werdenden Medien- und Alltagswelt sind Eltern und Schulen mit dieser Aufgabe aber ohne Unterstützung von außen zunehmend überfordert. Staat, Medienschaffende, Medienunternehmen und verschiedene gesellschaftliche Einrichtungen müssen Eltern und Schulen daher tatkräftig unterstützen.

In ein ähnliches Horn haben Neumann und der Noch-SZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz gestoßen, wie Niggemeier berichtet. Bei einer Jubiläumsveranstaltung (40 Jahre) der Hamburger Akademie für Publizistik haben sie nach seiner Auffassung eindeutig gesagt, dass Journalismus, zumal qualitativ hochwertiger und seriöser, nur in Print stattfinde.

Was freilich nichts anderem dient, als den Verlagen ihre althergebrachte, andere sagen antiquierte, Geschäftsidee zu sichern.

Warum? Weil hier Äpfel nicht nur mit Birnen, sondern gar mit Erdbeeren verglichen werden. Die Debatte, die wir eigentlich schon als erledigt angesehen haben und die in die Geschichtsbücher gehört, dreht sich um Vertriebswege, nicht aber um Journalismus als solchem.

Niggemeier schreibt das ebenfalls, und man selbst möchte es herausschreien, wenn man solche Aussagen liest:

Ich habe nicht Print-Journalismus gelernt, sondern Journalismus. Was soll das überhaupt sein, „Print-Journalismus”? Und was würde eine Ausbildung zum „Onlinejournalisten”, falls es das gibt, minderwertig machen? Dass die Texte nicht auf Papier gedruckt werden? Dass der Autor in viel stärkerem Maße erfährt, welche Resonanz seine Texte haben? Oder doch nur, dass seine Artikel nicht von Kulturstaatsministern gelesen werden, weil für die, natürlich, nur zählt, was in der Zeitung steht?

Und da steckt die Wahrheit drin. Denn Journalismus ist eine Methode, Informationen zu finden und aufzubereiten. In welcher Form auch immer. Strukturell und technisch bedingt haben die Printmedien eben “nur” Papier und sind auf Text und allenfalls Bild angewiesen, sofern sie nicht vernünftige Portale im Netz oder mobil anbieten. Wie das geht, kann man bei der hochgelobten FR-Ipad-App besichtigen. Radio und TV, die in der Debatte gerne mal ganz fehlen, setzen eben auf Ton und Bewegtbild, haben folglich andere Erzählmethoden für die Geschichten, die sie auf die gleiche Art und Weise recherchieren wie die Kollegen von den sogenannten Holzmedien. Onliner schlussendlich nutzen alle Formate – sie haben halt die technische Möglichkeit, das zu wählen, was zur Geschichte passt. Was übrigens auch Journalismus ist: Die Erzählform wählen, die notwendig ist und nicht durch das Ausgabemedium bestimmt wird.

Das schließt natürlich nicht nur Verlagsauftritte ein. Blogs können ebenso ein Instrument sein – schließlich definiert sich der Inhalt durch die Recherchemethode. Hier zeigt sich das Problem, dass in Politik und auch Verlagen wohl immer noch nicht verstanden wurde, welches Potenzial Web-2.0-Angebote haben können. Das wird natürlich schön “kommuniziert”, und deshalb schaffen es die Printmedien, den Gelegenheitsnutzer entsprechend an den Gedanken zu gewöhnen, dass nur “Print wirkt”. Richtig ist, dass die erfolgreichsten Angebote einer starken Zeitungsmarke folgen. Auch wenn sie inzwischen an vielen Stellen ein eigenes Profil entwickelt haben. Denn so geht es, auch wenn Kilz es seiner Rede nach durchaus anders sieht.

Was also bleibt, ist eine neue Debatte Online versus Print, Journalismus versus Vertriebswegsdenken und Lobbyarbeit der Verleger, damit sie Leistungsschutzrechte und ähnliche Forderungen durchsetzen können, um die verpassten Geschäftsmodelle im Medium Internet irgendwie aufzuholen.

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