Die Irak-Protokolle von WikiLeaks

Todesopfer in Bagdad (Screenshot von Guardian.co.uk)
Mit einem Twitter-Gewitter macht sich die parallele Veröffentlichung der Iraq War Logs bemerkbar. Diesmal hat Wikileaks für die Auswertung und Aufbereitung seiner geleakten Dokumente zum Irak-Krieg eine ganze Armada großer Redaktionen ins Boot geholt.

In zufälliger Reihenfolge des Auffindens:

Der Guardian könnte um ein paar Minuten der Erste in dieser konzertierten Aktion gewesen sein – Wikileaks.org ist selbst gerade down (oder tatsächlich vorsorglich “undergoing scheduled maintenance”).

Netzpolitik spricht von einem “Momentum für den Datenjournalismus”. Schön zu wissen wäre es, wie da die Abstimmung hinter den Kulissen gelaufen ist. Konnte Wikileaks tatsächlich den Medienunternehmen das Datum der Veröffentlichung diktieren oder hat man sich vernünftigerweise geeinigt? Wolfgang Blau zitiert Guardian-Chef Alan Rusbridger: “Wir hatten die Daten seit vielen Wochen. Die einzige Bedingung war die gleichzeitige Veröffentlichung.”

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung – an einem späten Freitagabend, zu spät fürs Fernsehen – ist ungewöhnlich, wird aber (nach Hinweis in den Kommentaren und Nachdenken gestrichen) wird dafür sorgen, dass das Thema nicht nur am ansonsten ereignisarmen Samstag die Nachrichten beherrschen wird (unabhängig von den genauen Inhalten) und die teilnehmenden Medien einen Vorsprung gegenüber den erst am Montag erscheinenden Tageszeitungen haben.

Ein “Making-of” dieses gut vorbereiteten Medienknalleffekts habe ich noch nicht gesichtet, eine Pressekonferenz von Wikileaks ist angekündigt.

Update:
Jetzt ist auch Wikileaks.org selbst draußen.

Auch das ZDF war offenbar informiert. Ich vermute mal, es gab neben den Hauptpartnern so etwas wie eine “zweite Reihe” von Medien. Der BBC-Experte hatte offenbar “einige Stunden” Zeit, das Material zu inspizieren – nicht einige Wochen.

Beim “Spiegel” hat man gelernt und überlässt nicht dem “Guardian” die interaktive Aufbereitung: Spiegel Online hat eine interaktive Karte mit Zeitleiste, die die von der US-Armee protokollierten “Ereignisse” des Krieges von 2004 bis 2009 darstellt. Das Datablog des Guardian zeigt alle protokollierten “Ereignisse” mit Todesopfern auf einer Google Map – und schlägt damit wiederum den “Spiegel” an Eindrücklichkeit (Bild oben). Das Datablog stellte die ausgewerteten Daten auch zum Download zur Verfügung.

Nachtrag, 24.10.2010
Hier der Auslöser-Tweet von Wikileaks vom 22.10.10; 23:47 dt. Zeit, der die vereinbarte Sperrfrist aufhob:

Al Jazeera have broken our embargo by 30 minutes. We release everyone from their Iraq War Logs embargoes.

Wortfeld beschäftigt sich im Beitrag “Zu viel” mit der Darstellungsweise und Aussagekraft der Infografiken.

Das neue Open-Data-Blog von Zeit Online vergleicht ebenfalls die Darstellungsweisen.

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