Serendipität bei Sueddeutsche.de

Es sind nach meinen Erfahrungen zumeist auch Kleinigkeiten, die ein gutes Online-Angebot ausmachen. Eben ärgerte ich mich wieder über Sueddeutsche.de: In einem heute in der Print-Ausgabe erschienenen Artikel geht es um die Nachfolge des im Herbst ausscheidenden Präsidenten der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). Ein spannender Beitrag, welcher Missstände in der hiesigen Medienpolitik deutlich macht, zugleich aber auch ein Beitrag, der Probleme beim Internet-Angebot der “Süddeutschen Zeitung” verdeutlicht.

Online erscheint der vorgenannte Artikel auch: “CSU: Medienaufsicht Verkorkste Nachfolgesuche”. Was als erstes dort zu bemängeln ist, ist die automatisierte Verlinkung innerhalb des Fließtextes, verlinkt werden die Begriffe: CSU, Landshut, Siegfried Schneider, FDP, Frau. Diese Links führen wiederum auf alle aktuell bei Sueddeutsche.de zu diesen Begriffen vorhandenen Artikeln, nur selten mag dies in diesem Kontext wirklich sinnvoll sein. Allein mit “Frau” landet manauf einer Übersichtsseite bei Edith Piaf oder Frau Sarrazin und so weiter und sofort. Wer viel Zeit hat, wird sich über diese Serendipität ja wirklich freuen. Leser von Nachrichtenangeboten im Internet haben in der Regel andere Nutzungsmotive.

Der geneigte Sueddeutsche.de-Leser kennt diese Kniffe freilich. Unter dem Artikel finden sich sechs Textlinks, die sich hauptsächlich mit der CSU-Klausur in Wildbad Kreuth beschäftigen, die sehen dann etwa so aus: “Steuerkonzept der CSU Erst rechnen, dann reden”. Informativ, aber leider ohne Datumsangabe, der Artikel stammt vom 07.01.2011.

Noch weiter unten gibt es wiederum “weitere Artikel”, immerhin zehn Stück, hier nur einer: “Streit um Strauß – Hamm-Brücher lobt Haderthauer”. Dieser Artikel stammt vom April 2009 und hat – ebenso wie die anderen hier aufgelisteten Artikel nur noch wenig mit dem ursprünglichen Artikel zu tun. Es fällt auch die uneinheitliche Formatierung (vorher mit Aufzählungszeichen, jetzt ohne, dafür mit Gedankenstrichen auf) auf.

Aber das Wirrwarr geht weiter: Jetzt werden auch noch 16 Links mit “Themen” angeboten: “Demokratie Die Grünen” usw. Unter diesem Themenblock erscheint schließlich die Kommentarspalte. Unter der Kommentarspalte ist immer noch nicht Schluß, man möchte die Leser schließlich bei der Stange, sprich: auf den eigenen Seiten halten; hier gibt es noch eine “INFOTHEK” mit sechs geistreichen Angeboten wie “Wildbach-Toni”, “Oktoberfest” oder “Rodeln” … Schließlich gibt es auch noch “SERVICE”-Links (ganz ähnlich wie bei vielen anderen Angeboten auch) und eine Art Sitemap. Das ein oder andere davon mag ja durchaus auch sinnvoll und dem Leser beim Orientieren hilfreich sein.

Was aber an dieser exemplarischen Geschichte weiterhin auffällt: Die Vorgeschichte rund um die Nachfolge des BLM-Präsidenten hat sich kurz vor Weihnachten entwickelt. Die “Süddeutsche Zeitung” und Sueddeutsche.de berichteten bereits darüber. In dem Linkverhau findet man dies allerdings nicht. Bemüht man die seiteninterne Suche von Sueddeutsche.de, finden sich zum Namen der Kandidatin Goderbauer-Marchner gerade mal zwei Artikel – das ist dann doch etwas wenig. Via Google sind es dann sogar sechs Artikel, die einem die doch umfangreiche Berichterstattung zu diesem Thema verdeutlichen.

Für den Normalleser verloren geht beim heutigen Artikel (“CSU: Medienaufsicht Verkorkste Nachfolgesuche”) auch der Hinweis auf einen Kommentar zum Thema in der heutigen “SZ”: “KommentarTaktieren [sic!] reicht nicht”. Der ist zwar auch online, allerdings automatisiert und fehlerhaft (fehlende Leerstelle in der Überschrift und keine Autorennennung!); dementsprechend wird der Artikel auch nur in der Rumpelkammer Rubrik “Service” abgestellt. Vom Luxus externer Links (igitt, da gehen uns ja die Leser verloren!), etwa auf Debatten in Blogs zu diesem Thema (ich verweise hier auf Beiträge der geschätzten Kollegen Christian Jakubetz und Ulf J. Froitzheim) oder erläuternde Deeplinks, etwa auf den Medienrat der BLM, fange ich ja erst gar nicht an, das wäre ja dann Online-Journalismus (ich weiß sehr wohl, dass den Kollegen bei Sueddeutsche.de einfach die Zeit fehlt, Artikel auf diese Weise vielleicht ein wenig anzureichern).

Das Argument, dass man solche – zweifelsohne gehaltvollen – Artikel nicht verschenken wolle, würde ich hier und auch sonst nicht gelten lassen. Mit dem geschilderten Linkwirrwarr, dem “Verstecken” von Artikeln und schlampigen Automatisierungen schadet das Online-Angebot sich und der Zeitung.

Neuer Chefredakteur ab 1. März

Man darf gespannt sein, ob sich unter dem neuen Chefredakteur, Stefan Plöchinger, 34, bisher geschäftsführender Redakteur und Chef vom Dienst bei Spiegel Online, etwas ändert. Plöchinger tritt sein Amt am 1.3. an. Der bisherige Sueddeutsche.de-Chefredakteur, Hans-Jürgen Jakobs, wechselte zum 1. Januar in das Wirtschaftsressort der “Süddeutschen Zeitung”, welches er gemeinsam mit Marc Beise leitet. Als Interimschef agiert derzeit Vize-Chefredakteur Bernd Graff.

Weiterer Artikel zum Thema bei Onlinejournalismus.de:

Sueddeutsche.de linkt sich selber, vom 26. Mai 2010

Nachtrag, 12.01.2011
Die hier monierten Fehler bei dem o.g. Kommentar sind nicht beseitigt worden. Heute gibt es einen neuen Artikel zum Thema in Zeitung und auch im Online-Angebot: “Streit um BLM-Präsidenten: Mehr Gehalt als der Ministerpräsident”. Darin heißt es: “Auch aus dem Kreis des Medienrates, der mit Vertretern großer gesellschaftlicher Gruppen und Politikern besetzt ist, wächst der Druck auf den Verwaltungsrat [der BLM, T.M.], das Gehalt zurückzufahren. Der Verwaltungsrat entscheidet über das Gehalt.”

In einem Leserkommentar heißt es: “Wer sitzt denn im Verwaltungsrat? Wäre doch schön gewesen, diese Leute beim Namen zu nennen, die sich offenbar gegenseitig unglaubliche Gehälter zuerkennen. (…)” Auch hier hätte man vorab dem durchaus berechtigten Leserinteresse nachkommen können und einen Link auf die – durchaus aufschlussreiche – Liste der Verwaltungsräte der BLM legen können; stattdessen findet man im Text wieder einige automatisch erzeugte Links, die vielleicht einer Maschine relevant erscheinen, aber dem Leser kaum weiterhelfen. Die konsequente Anreicherung von Artikeln aus der Print-Ausgabe mit solchen Zusatzinformationen, das intelligente Verlinken auf archivierte Artikel würde auch für den Print-Leser einen zusätzlichen Anreiz darstellen, das Online-Angebot zu besuchen.

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