Die PR-Büttel von Abendzeitung.de

Dieser Tage hat die Münchner „Abendzeitung“ ihren Web-Auftritt relauncht. Optisch und vom Aufbau her gefällt mir das neue Angebot auf den ersten Blick gut. Inhaltlich sind mir allerdings zwei Artikel aufgefallen, die das Prädikat „Leserverarschung“ verdienen.
Zum einen der – am gestrigen Tag zeitweise sogar zweitmeistgelesene – Beitrag „1860-Fans prügeln sich mit Fortuna-Anhängern“. Der findet sich nämlich in gleicher Form auch als Pressemitteilung des Polizeipräsidiums München. Obendrein verwendete die Redaktion bei der Bebilderung noch ein Bild aus dem falschen Stadion, dieser Fehler wurde wenigstens korrigiert. Eine Quellenangabe über den Ursprung des Textes erfolgte nicht.

Heute findet sich bei Abendzeitung.de ein Artikel „O-WELL Consult stattet die Löwen aus“, veröffentlicht um 12.22 Uhr. Den gleichen Text mit der gleichen Überschrift gab es um 11.10 Uhr schon auf der Website des TSV 1860 München. Eine Quellenangabe erfolgte wiederum nicht.

Natürlich ist es schön für Fans des TSV 1860 München, wenn sie alle News an einer Stelle erhalten. Aber was bitteschön ist der Wert solcher PR-News, die von der Redaktion in Minutenschnelle in ein vermeintlich redaktionelles Umfeld befördert werden? Dass zumindest die Mitteilung der Polizei sprachlich auch noch etwas holprig wirkt, ist nur eine Petitesse. Es gibt Schlimmeres.

So etwa dass in München seit Jahren ein nicht unerheblicher Konflikt zwischen Fußballfans und Polizei besteht, dies bekommt der Abendzeitung.de-Leser nicht mit. Gerade das in der Pressemitteilung erwähnte USK (Unterstützungskommando) der Münchner Polizei ist dabei sehr in die Kritik geraten. Um darüber etwas zu erfahren muss man freilich auf journalistische – und nicht PR-getriebene – Websites wie etwa die des „Münchner Merkur“ („Löwen- und Bayern-Fans vereinen sich zum Kampf gegen Polizeigewalt“, 25.01.2011) oder Sueddeutsche.de („Amnesty kritisiert Polizeigewalt“, , 26.02.2010) schauen. Im Münchner Polizeipräsidium dürfte man sich angesichts solcher Imageprobleme wohl sehr über die kostenlose Veröffentlichung dieser vielgelesenen Pressemitteilung bei Abendzeitung.de gefreut haben.

Egal, wie man zu diesem Thema steht, es kann einfach nicht sein, dass ein journalistisches Medium so leichtfertig und willfährig ungekennzeichnetes PR-Material nur um der Klickzahlen willen veröffentlicht. Abendzeitung.de erweist sich, der Branche, den Lesern und einer um Aufklärung bemühten Öffentlichkeit damit einen Bärendienst. Eigentlich ist dies ein Fall für den Deutschen Presserat.

Nachtrag, 16.50 Uhr
Auch nicht wesentlich besser agiert der Mitbewerber tz-online: Die Meldung von der Website des TSV 1860 („Neue Therapiegeräte für die Löwen-Profis“) wurde bearbeitet und um eine Bilderstrecke „So sieht ein Medizin-Check beim TSV 1860 aus“ erweitert, eine Quellenangabe fehlt. Die Pressemitteilung des Polizeipräsidiums wurde minimal bearbeitet: „Schlägerei zwischen Löwen- und Fortuna-Fans“, wiederum fehlt eine Quellenangabe. Vermutlich publizierte die „tz“ jeweils fünf Minuten später und musste wegen ihrer Sorgfalt (hust) im Klickrennen erhebliche Einbußen hinnehmen.

Auch das eben noch gelobte journalistische Portal des „Münchner Merkurs“ veröffentlichte diese beiden PR-Depeschen. Zum Beitrag des Münchner Polizeipräsidiums findet sich – man mag fast sagen selbstverständlich – kein Link zu kritischen Berichten auf dem eigenen Portal, Quellenangaben erfolgten ebensowenig. „Münchner Merkur“ und „tz“ kommen aus dem gleichen Verlagshaus.

Nachtrag, 25.02.2011
André Vatter weist in seinem Blog auf eine interessante neue Plattform in Großbritannien hin:

„Die englische Stiftung Media Standards Trust hat ein neues Tool ins Netz gestellt, das es jedem Nutzer erlaubt, den Redaktionen in Großbritannien auf die Finger zu schauen: Wer betreibt unbekümmertes News-Recycling aus dem, was die PR-Schleuder den Journalisten jeden Tag vorsetzt? Der Name der Plattform lautet Churnalism.com, was soviel bedeutet, wie “Pressemitteilungen ungeprüft 1:1 kopieren und dann als eigene Meldung verkaufen” (siehe Wikipedia) (…) Es stellt sich nur noch eine Frage: Wann gibt es etwas Vergleichbares in Deutschland?“

Gesamter Beitrag mit visualisierten Beispielen unter: „PR-Recycling: Churnalism.com entlarvt faule Journalisten“


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