Mobiler Journalismus: Wenn die Community korrigiert

Als MoJane – die mobile, multi- und crossmediale Reporterin der Rhein-Zeitung – betritt Katrin Steinert neue journalistische Pfade – auch was den Workflow betrifft: Redigieren findet nicht mehr statt, Korrekturen und Tipps kommen in erster Linie aus ihrer Online-Community. Eine Zwischenbilanz nach eineinhalb Jahren.Wegen des Wiedererkennungswertes achtet Katrin Steinert, die mobile Reporterin der Rhein-Zeitung darauf, immer mal wieder selbst im Bild ihrer Videos zu sein.In meinen Seminaren zu crossmedialem Journalismus zeige ich als Beispiel unter anderem die Rhein-Zeitung. Hier funktioniert nicht nur Print-Online, sondern auch Online-Print. Darüber pflegt die Rhein-Zeitung ein umfangreiches Social Media-Angebot, vor allem auf Twitter. Zumindest unter den Regionalzeitungen ist das sehr vorbildlich. Der crossmediale Ansatz der Rhein-Zeitung lässt sich an einer Position bzw. an einer Person exemplarisch festmachen: an Katrin Steinert, alias MoJane. Ich habe sie daher angerufen, um mit ihr nach eineinhalb Jahren Tätigkeit als mobile Reporterin ein Zwischenfazit zu ziehen.Die 31-Jährige ist die mobile Reporterin der Rhein-Zeitung, die mit einem Firmenwagen durch Koblenz und Umgebung fährt und aktuelle Beiträge, meist Videos macht. Dazu schreibt, fotografiert und twittert sie. Auf Twitter wurde auch ihr Markenname “MoJane” geboren. Auf ihrem persönlichen Account @katrinsteinert stellte sie sich und ihr Projekt vom mobilen Journalismus (kurz: MoJo) vor. Da der Auftrag ihres Chefredakteurs Christian Lindner von vornherein war, Steinert solle sich als Marke positionieren, fragte die Journalistin ihr Publikum nach Vorschlägen für einen Markennamen. In Anlehnung an DJane oder VJane war dann schnell die “MoJane” geboren.

Keine eierlegende Wollmilchsau

Steinert wurde dann im August 2009 ziemlich ins kalte Wasser geworfen: Bis dahin war sie Printredakteurin in der Lokalausgabe Bad Kreuznach und hatte mit Online- und Videojournalismus nicht viel am Hut. Es folgte ein dreitägiger Crashkurs beim WAN IFRA-Institut in Darmstadt, eine Schnitt-Einweisung einer Grafik-Kollegin, die früher mal beim Fernsehen war, und dann hieß es: Learning by doing. Steinert merkte schnell, dass sie als 1-Frau-Unternehmen nicht Print, Foto, Video und Social Media auf einmal machen konnte und verabschiedete sich schnell von dem Gedanken, “die eierlegende Wollmichsau” sein zu wollen.
Für das Vier-Augen-Prinzip ist einfach keine Zeit, die Beiträge sollen ja so schnell wie möglich online gehen. (Katrin Steinert)
Inzwischen hat sie sich auf das Videodrehen spezialisiert. “Ich überlege mir morgens, welche Themen sich für ein Video lohnen”, sagt Steinert. Dann klärt sie mit der betreffenden Lokalredaktion der Rhein-Zeitung ab, ob Interesse besteht und fährt los: Ins Hochwasser-Gebiet, zum gekenterten Schiff “Waldhof” an die Loreley oder zur Werkstatt der verstorbenen Kult-Schrotthändlers Horst Günter Ludolf. Dort baut sie ihr Stativ auf, stellt sich vor die Kamera, moderiert kurz an und interviewt dann ihre Gesprächspartner. “Mir ist es wichtig, selbst als Identifikationspunkt im Bild zu sein”, sagt Steinert, diesen Tipp hat sie von Videojournalisten bekommen, die ihre Arbeit im Netz verfolgen. Online, speziell über ihren Twitter-Account, erhält Steinert am meisten Feedback, sowohl inhaltlich als auch handwerklich. Eine Abnahme ihrer Beiträge durch Redaktionskollegen findet nicht statt, “für das Vier-Augen-Prinzip ist einfach keine Zeit, die Beiträge sollen ja so schnell wie möglich online gehen”, erklärt Steinert. Zwar sieht sich Chefredakteur Christian Lindner, bei dem das Projekt angesiedelt ist, die Arbeit seiner MoJane genau an, er kann aber nicht jeden Beitrag abnehmen.

Ähnlich ist es bei der multimedialen Orchestrierung. Viele journalistische Lehrbücher fordern, die einzelnen Formate genau aufeinander abzustimmen und zu überlegen, welchen Aspekt einer Geschichte man am besten mit welchem Medium erzählt. “Das mag die Theorie sein”, findet Katrin Steinert: “Wenn man tagesaktuell arbeitet, haut das nicht hin. Einen anderen Ansatz für die Printgeschichte als für das Video zu wählen, nochmal andere Fotos zu machen, das sprengt einfach die Kapazitäten.” Das kann ich in ihrem Fall nachvollziehen, ein anspruchsvolles Multimedia-Paket erfordert viel Planung und (Produktions-)Kapazitäten und ist eher für Themen geeignet, die über den Tag hinausgehen. Nicht teilen kann ich Katrin Steinerts Einschätzung, die User, die eine Bildergalerie anklicken, würden nicht auch den zugehörigen Text lesen und ohnehin nicht merken, wenn es in Text und Bildergalerie inhaltliche Dopplungen gäbe.

MoJanes Blog: Vermarktung meets Experimentierfreude

Das MoJane-Projekt (seit ein paar Monaten gibt es auch ein männliches Pendant, den “Mo”) hat ganz klar experimentellen Charakter und das merkt man ihm auch an. Vor allem bei Katrin Steinerts Blog, in dem Vermarktung und Experimentierfreude aufeinander treffen. Anfangs dokumentierte Katrin Steinert darin den Wandel von der Print- zur Multimedia-Journalistin. Seitdem sie diese Phase als abgeschlossen betrachtet, hat sich das Spektrum ihrer Blog-Posts arg erweitert: Mal geht es allgemein um starke Themen in der vermeintlichen Saure-Gurken-Zeit, mal um die Notwendigkeit von Miss-Wahlen, dann wieder um ein sehr spezifisches netzpolitisches Thema, das Leistungsschutzrecht (wobei dieser Post zu Drei-Vierteln aus einem Zitat eines anderen Blog-Posts besteht). Viel zu selten geht es im MoJane-Blog um ihr eigentliches Markenzeichen: multimedialen Journalismus. Gerade wenn man sich als Marke aufbauen will, muss diese Marke erkennbar sein und eine Expertise dahinter stehen. Katrin Steinert hat bestimmt viele wertvolle Erfahrungen als mobile, multi- und crossmediale Journalistin gesammelt (sie ist auch als Interviewpartnerin gefragt). Was ihren Blog betrifft, kann ich nur empfehlen: back to the roots.

Aber auch wenn noch nicht alles Gold ist, was glänzt: Die Rhein-Zeitung und ihre MoJane Katrin Steinert haben Mut und probieren aus, “was bei einer regionalen Tageszeitung multimedial geht”. Diese Erfahrungen können in dem rasanten Medienwandel, der vor allem Lokal- und Regionalzeitungen mit einer überalterten Leserschaft vor große Herausforderungen stellt, noch Gold wert sein.

Dies ein Crosspost von www.journalisten-training.de

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