Guttenberg, Online-Votings und Repräsentativität: Die faxende Mehrheit?

Ein Artikel mit der etwas reißerischen Überschrift “Bild.de-Leser revoltieren gegen Guttenberg” (gestern gab es bei Bild.de nämlich auch noch viele Pro-Guttenberg-Leserkommentare) arbeitet sehr schön heraus, dass medienübergreifend bei User-Umfragen der deutschen Online-Medien eine (teilweise sehr große) Mehrheit der User der Meinung ist, der Verteidigungsminister solle zurücktreten. Auch im Online-Voting bei Bild.de – obwohl doch die parallele, ebenfalls auf Selbstrekrutierung basierende Telefon- und Fax-Umfrage* – der gedruckten Bild-Zeitung die Titelschlagzeile “87% für Guttenberg” bescherte.**

Graphik von Klaus Staeck (www.staeck.com)
Bild: Klaus Staeck (www.staeck.com)

Gleichzeitig ergab eine repräsentative Telefon-Umfrage Umfrage von infratest dimap im Auftrag der Sendung Hart aber fair, dass 72% der Befragten Guttenberg weiterhin stützen – auch eine Mehrheit der SPD-Anhänger. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen frühere Umfragen von infratest dimap für “Report Mainz” vom 21. Februar und den ARD-DeutschlandTrend vom 19. Februar.

Zeigt sich hier ein deutlicher Unterschied zwischen politikinteressierten und selbstrekrutierten Online-Nutzern und allgemeiner Bevölkerung? Leider gibt es bei Infratest-Dimap keine Aufschlüsselung der Befragten nach Alter oder Bildungsgrad.

An die These der manipulationsanfälligen Online-Voten, die nur das “Meinungsbild eines kleinen Kreises” zeigen (Michael Hanfeld in der FAZ) mag ich hier nicht glauben: Das Thema mobilisiert in der einen wie in der anderen Richtung, wie ja nicht zuletzt die Bild-Telefon-Umfrage und die Pro-Guttenberg-Facebook-Gruppe zeigen. Sämtliche Online-Votings zum Thema laufen wie Hulle, verzeichnen jeweils mehrere zehntausend Abstimmende. Ob das für Bild.de auch mit ein Anreiz war, das kostenpflichtige Anruf-Voting hinterzuschieben? Mit mehr als 260.000 Teilnehmern kam da kein Pappenstiel zusammen, könnte man meinen. Gegenüber sueddeutsche.de behauptet ein Springer-Sprecher allerdings, die Zeitung habe daran nichts verdient.

Löblich immerhin: Auch die Bild-Redaktion hat den Widerspruch inzwischen bemerkt und versucht ihn zu erklären.

Update, 25.02.2011:
ZDF-Politbarometer (1036 repräsentativ ausgewählte Befragte): “55 Prozent sehen Glaubwürdigkeit nicht dauerhaft beschädigt. Verteidigungsminister zu Guttenberg soll trotz der Plagiatsaffäre nicht zurücktreten, meinen 75 Prozent der Befragten. ”

Weitere Links zum Thema

* Auch per Brief durfte man gestern abstimmen, diese konnten aber wohl kaum von der Bild-Redaktion für die heutige Schlagzeile der Bild-Zeitung ausgewertet werden. Inzwischen räumt sie das auch selber ein.

** Laut URL des Online-Artikels: 86 Prozent.

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