Internetfernsehen für Digital Immigrants

Screenshot Spiegel.TV
“Neu fernsehen” – so sieht sich der Neustart Spiegel.TV selbst. Auf den ersten Blick wird das Versprechen nicht eingelöst: Die Website sieht es aus wie eine Mischung aus Zattoo und den bekannten Mediatheken größerer Fernsehsender. Vielleicht denkt Spiegel.TV aber auch schon weiter …

Im Mittelpunkt steht ein Livestream: Wer die Website aufruft, landet in einem laufenden Programm. Über Untermenüs lassen sich sich dann auch On-Demand-Video erschließen. Spiegel.TV ist Abspielstation für das mittlerweile umfangreiche Archiv der Marke Spiegel TV, das in mehrere Kanäle sortiert angeboten wird. Brav hat man dafür auch ordnungsgemäß eine TV-Lizenz beantragt.

Das Interface der Seite ist mit Flash realisiert, läuft aber flüssig. Twitter- und Facebook-Share-Buttons sind integriert, eine Embedding-Funktion gibt’s hingegen noch nicht, ist aber angekündigt. Die Redaktion ist selbst in den beiden großen Social Networks vertreten, die “Geburt” ihres Kanals und erste User- und Pressereaktionen hat sie sogar mit Storify dokumentiert.

Trotzdem gewinnt man den Eindruck, dass hier noch allzu linear gedacht wird. Markus Hündgen kritisiert das “Walled Garden”-Prinzip und die mangelnde Verknüpfung mit der Spiegel-Website und wundert sich: “Warum ausgerechnet im Internet ein neues durchlaufendes Programm geschaffen wurde, bleibt ein Rätsel.”

Die Website ist klar aufs Lean-Back-ausgerichtet. Anreize zum Stöbern gibt es wenig. Sympthomatisch ist die Metapher des “Aufnehmen”-Knopfes, mit dem Beiträge zum späteren Aufnehmen gespeichert werden können. Web-Video-Enthusiasten mögen Innovation vermissen, vielleicht könnte aber gerade dieses Interface helfen, weniger webaffine Nutzer zu erschließen.

Es bleibt aber die Frage, ob auch die Inhalte ziehen. Die Online-Mediatheken der Fernsehsender werden zu einem großen Teil von Zuschauern besucht, die ein Programm live verfolgen oder eine verpasste Sendung sehen wollen. Die Inhalte von Spiegel TV hier wirklich so sehr wie beispielsweise die fiktionalen Serien der Privatsender oder die Nachrichten der öffentlich-rechtlichen? Für mich ist Spiegel TV ein klassisches Zapping-Programm, bei dem ich manchmal hängenbleibe. Aber wer geht dafür extra auf eine eigene Website?

Wahrscheinlich ist die Zahl überschaubar. Aber Spiegel.TV plant mit seiner Inhalteverwertung möglicherweise schon weiter. Auf einem großen Fernseher als vorinstallierte On-Demand-Anwendung oder meinetwegen auch als Tablet-App (hallo Flash) ergibt das Interface erheblich mehr Sinn als auf einem Computerbildschirm. Das wäre dann also nicht “Fernsehen 1.0 für die Generation 2.0″, sondern Fernsehen 2.0 für die Generation 1.0.

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