Nachrichten im Internet: Wer soll das bezahlen?

Paid Content beim Hamburger Abendblatt [M]

Dröge Agenturtexte, uninspirierte Aufmachungen, langweilige Bilderstrecken: Wer bitte soll für Online-Nachrichten in Deutschland jemals Geld bezahlen? So wird Paid-Content jedenfalls nicht funktionieren …


Der Wandel

„Wir können nicht so tun, als sei das eine konjunkturelle Delle und als würde es diesen Strukturwandel nicht geben.” Das hat vor einigen Tagen der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe Christian Nienhaus gesagt. Der Strukturwandel, das sind einbrechende Auflagenzahlen, zurückgehende Anzeigenerlöse, wegsterbende Leserschichten, Leser-Abwanderung ins Internet. Print geht die Puste aus, wollte Nienhaus damit eigentlich sagen.

Sein Satz war aber keine mahnende Aufforderung an seine Verleger-Kollegen endlich wirtschaftlich funktionierende Nachrichten-Konzepte für das Internet zu entwickeln. Nienhaus hat den Zeigefinger in Richtung Redakteure erhoben. „Seid nicht so gierig – sonst habt ihr am Ende keinen Job mehr“, ist die Botschaft. Seit mehr als einem halben Jahr versuchen nämlich Verleger und Journalistengewerkschaften einen neuen Tarifvertrag auszuhandeln. Die Fronten sind verhärtet.

 Auch wenn die Betriebsräte sich über Nienhaus’ Aussage aufregen und die Gewerkschaften der Tarifabsenkung „eine Absage erteilen“: Der Mann hat Recht. Die Strukturen wandeln sich – das ist keine konjunkturelle Delle. Nienhaus’ Äußerung ist trotzdem unverschämt. Die Probleme und Herausforderungen, die mit diesem Wandel einhergehen, will er auf die eigenen Arbeitnehmer abwälzen. Nienhaus sagt, die Anzeigenerlöse seien rückläufig und für einen Ausgleich durch Gewinne im Internet gebe es noch kein Geschäftsmodell.

Da fragt man sich doch, was in den Verlagen eigentlich in den vergangenen 15 Jahren dagegen getan wurde? Nicht viel, wenn man sich zum Vergleich den Auftritt von Spiegel Online aus dem Jahr 1996 ansieht. Nachrichten im Internet sind immer noch weitgehend textlastig, oberflächlich – und gratis. Dabei bietet das Internet alles wovon Journalisten feucht träumen sollten: Platz, Archivanbindung, Darstellung von Originalquellen, audiovisuelle Umsetzung. Dazu die die Möglichkeit völlig neue Darstellungsformen zu entwickeln und komplexe Themen anschaulich und begreifbar zu machen.

Stattdessen gibt es im Jahr 2011 immer noch langweilige Bilderstrecken und Titten-Teaser. Alles für die Reichweite, für die Werbekunden. Der User wird’s schon klicken – und leider tut er es tatsächlich. Journalistische Geschäftsmodelle sehen anders aus. Auf der Strecke bleibt der Leser, der Onlineredakteur und früher oder später auch der Verlag. Dieser Ramsch wird sich nämlich womöglich nie rechnen. Ein funktionierendes Geschäftsmodell geht heute wohl davon aus, dass die User irgendwann bereit sein werden, für journalistische Inhalte Geld zu bezahlen. Doch für das was derzeit auf deutschen Nachrichten-Seiten passiert, will wahrscheinlich niemand jemals Geld ausgeben.

„Unglaublich große Scheiße“, hat mir neulich ein Kollege in Berlin geantwortet, als ich ihn nach seinem Job gefragt habe. Der Mann wurde gerade für ein paar Monate in die Onlineredaktion seiner Zeitung zwangsversetzt. Jetzt ist er frustriert: „Mit einer Handvoll Leute kloppen wir die Agenturen drauf und schneiden Fotos für die Bilderstrecken“, hat er gesagt. Ständig würde der Aktualität hinterhergehechelt, von eigener journalistischen Arbeit keine Spur. „Dafür bin ich nicht Journalist geworden“, hat er gesagt und sich das fünfte Bier des Abends eingestellt. Onlineredaktionen sind im digitalen Deutschland chronisch unterbesetzt und desillusioniert.

Der Leser ist wahrscheinlich genauso frustriert. Wer erwartet denn heutzutage schon hinter einem Teaser auf einer Nachrichten-Homepage ausführliche Nachrichten, echte Hintergrundinformationen oder einen überraschend spannenden Text? Bei der Mehrzahl der deutschen Nachrichtenangebote im Internet verbirgt sich hinter den meisten Teasern eine hastig zusammengestöpselte Agenturmeldung oder nackte Frauenkörper. Rühmliche Ausnahmen werden im Kollegenkreis via E-Mail herumgereicht wie antike Münzen, die während eines Strandurlaubs gefunden wurden: „Mensch, klick mal da. So müsste es sein, das Journalismus-Ding.“

Die meisten Leser dürften ihre Erwartungshaltung beim Nachrichtensurfen entsprechend justiert haben. Sollte es jemals funktionierende Micropayment-Systeme geben, mit denen sich ein Paid-Content-Geschäftsmodell für Nachrichten-Seiten vernünftig umsetzen ließe, die Leser müssten erst wieder lernen, dass sich im Internet auch journalistische Inhalte verbergen, die es wert sind bezahlt zu werden. Mit unterbezahlten und unterbesetzten Onlineredaktionen lässt sich das nur schwer umsetzen. Vielleicht müssen Nienhaus und seine Kollegen da bei ihrer Suche nach künftigen Einnahmequellen ansetzen.

 

 

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