Medien-Journalismus.de: Gehetze im Netz

Collage: onlinejournalismus.de
Die Mediendienste im Web liefern sich ein Wettrennen um Nachrichten aus der Branche. Analyse und Einordnung bleiben dadurch häufig auf der Strecke. Dennoch sind die Angebote ein Gewinn für den Medienjournalismus.


In den Anfangszeiten des Onlinepublizierens war der Medienjournalismus im Netz noch eine überschaubare Sache. Das Urgestein der Mediendienste, der 1966 gegründete Kress Report, bot 1996 als erster Anbieter eine „Tagesschau der Branche im Netz“ (obacht, dieser Link führt auf Archive.org und das Angebot „schnauft“ derzeit etwas) an. Die Nutzer wählten sich werktags um Punkt 17 Uhr ins Internet ein, um auf kress.de die neuesten Informationshäppchen aus der Medienwelt zu erhaschen.

Zumeist handelte es sich um kurze Personalien oder ein paar Zeilen zu den TV-Quoten des Vorabends; längere oder gar analytische Artikel erschienen nur alle 14 Tage in der zusammengetackerten Print-Ausgabe. Ohne es verklären zu wollen: So bescheiden das Angebot auch war, so sehr schätzte man als Medienschaffender damals den kostenlosen Service.

Medienjournalismus auf allen Kanälen
Heute gibt es derlei Fachinformationen im Netz rund um die Uhr aktualisiert, auf ganz unterschiedlichen Kanälen, in sozialen Netzwerken, optimiert für unterschiedliche Empfangsgeräte; mitunter in aller Tiefe oder nur als verlinkter Anreißertext, in interaktiven Datenbanken und mit Kommentiermöglichkeiten.

Bezahlinhalte mögen ein Thema der Berichterstattung sein – doch bislang liefern alle Nachrichtenproduzenten in diesem Bereich frei Haus. Die Angebotsvielfalt ist allein durch die in den letzten fünf, sechs Jahren hinzugekommenen – nicht zwingend professionell betriebenen – Medienblogs schier unüberschaubar geworden.

Sein fünfjähriges Jubiläum feiert im April das von Peter Turi betriebene Angebot Turi2. Turi, der einst den Kress Report ins Netz hievte und für diese Leistung den Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik erhielt, verschickt Montag bis Freitag jeweils zwei Newsletter an 25.000 Abonnenten mit kommentierten Links zu den wichtigsten Mediennachrichten. „Im Kern geht es um Aggregation – News finden, bewerten, verdichten und zeitnah präsentieren“, erklärt Turi sein durch Werbeschaltungen finanziertes Angebot.

Neben ihm arbeitet ein Redakteur in Vollzeit, drei weitere Journalisten unterstützen halbtags Turi2, eine weitere halbe Stelle gibt es für den Anzeigenverkauf. Inzwischen hat Turi damit aufgehört, eigens produzierte Videos und Artikel, in denen Branchenakteure interviewt wurden, auf seiner Plattform zu veröffentlichen: „Dies hat sicher mit der wachsenden Konkurrenz zu tun,“ sagt Turi, zudem sei der zusätzliche Aufwand nicht zu finanzieren.

Hoffnung auf schwarze Zahlen
Mehr Möglichkeiten hat da Georg Altrogge, Chefredakteur des im Juli 2008 gestarteten Angebots Meedia. Anschubfinanziert vom ehemaligen Milchstraße-Verleger Dirk Manthey, der als Herausgeber fungiert, hofft Altrogge, noch in diesem Jahr schwarze Zahlen mit Einnahmen aus Online-Werbung (Link führt zu den Leistungswerten von Meedia) zu schreiben: „Das ist im dritten Jahr nach dem Launch beachtlich“, lobt Altrogge sich selbst. Vier feste Autoren, zwei Volontäre und rund ein halbes Dutzend Freie arbeiten für Meedia, außerdem gibt es noch zwei Grafiker und zweieinhalb Stellen für die Verwaltung.

Und die Schlagzahl des im Hamburger Schanzenviertel ansässigen Dienstes ist hoch: „Unter der Woche publizieren wir im Durchschnitt täglich 14 Top-Stories, dazu kommen noch rund ein Dutzend Branchenmeldungen“, sagt Altrogge.

Das Kölner Medienmagazin DWDL veröffentlicht nach Angaben seines Chefredakteurs, Thomas Lückerath, täglich zwischen zehn und fünfzehn Artikel. Neben Lückerath arbeiten zwei Redakteure und jeweils ein Mitarbeiter für Marketing und Programmierung und Design für DWDL. Lückerath ist zudem Geschäftsführer und Hauptgesellschafter neben dem Politikberater Michael Spreng, der 20 Prozent der Anteile an dem Unternehmen hält.

Das 2001 gegründete DWDL konzentriert sich bei seiner Berichterstattung stark auf das Medium Fernsehen: „Damals gab es noch keinen Branchendienst mit Schwerpunkt TV, wir haben uns eine vielversprechende Nische gesucht“, erklärt Lückerath diese vergleichsweise spezielle Ausrichtung, „wobei eher die Leidenschaft fürs Fernsehen ausschlaggebend war“.

Neben klassischer Online-Werbung finanziere sich das Magazin durch seine Jobbörse, erklärt Lückerath. „Unser Magazin ist aus Prinzip kostenlos für alle Leser. Dieses Prinzip verteidigen wir mit voller Überzeugung, da sich nur so die Breitenwirkung entfalten kann.“

Näher dran als behäbige Medienressorts
Wirkung zeigen diese mittlerweile profilierten Online Medienmagazine auch auf dem Markt. Denn die gedruckten Magazine, ob „Journalist“, „Medium Magazin“ oder die eher auf die Marketing- und Werbebranche orientierten Magazine „Werben & Verkaufen“ und „Horizont“ haben alle ihre Online-Berichterstattung in den letzten Jahren erheblich erweitert und verbessert.

Neben ihrer hohen Aktualität und weiteren angewendeten Online-Spezifika wie der Linkverweise lobt der Kommunikationswissenschaftler Ralf Hohlfeld die Online-Dienste vor allem dafür, dass sie dem Medienjournalismus „einige neue Facetten“ hinzufügen: „Insgesamt sind diese Dienste deutlich näher an den Prozessen des Öffentlichkeitswandels dran als die behäbigen und trägen Medienseiten der Tagespresse“, sagt der am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft der Universität Passau lehrende Professor.

Hohlfeld ergänzt: „Der klassische Medienjournalismus erfasst die dramatische Umbruchphase nur bruchstückhaft, während etwa Meedia und Turi2 sehr nah dran sind am Social Web, den Netzwerken, den mobilen Devices und den wenigen relevanten Blogs.“ Sobald sich in dieser Öffentlichkeitssphäre Themen verdichteten, hätten diese gut verlinkten und vernetzten Dienste das „sofort auf dem Schirm“.

Positiv ist Hohlfeld auch aufgefallen, dass die Mediendienste „mitunter Experten aus der Wissenschaft zu Wort kommen lassen, die dann die fehlende Einordnung übernehmen. Der traditionelle Medienjournalismus straft dagegen seine wissenschaftliche Referenzdisziplin, die Kommunikationswissenschaft, seit Jahrzehnten mit Ignoranz“.

Inhaltliche Kontrapunkte
Auch Tobias Eberwein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund, lobt die Leistung der Online-Mediendienste: „Ich sehe diese neue Vielfalt vor allem positiv. Dem traditionellen Medienjournalismus wird zu Recht vorgeworfen, viele relevante Themen auszublenden. Angesichts dieser Schieflage können die neuen medienjournalistischen Stimmen im Netz für inhaltliche Kontrapunkte sorgen.“

Inhaltsanalytische Untersuchungen zeigten, dass Medienblogs und webbasierte Mediendienste das Themenspektrum der Printberichterstattung mehr als nur punktuell erweiterten, sagt Eberwein. „Natürlich ist die wachsende Angebotsvielfalt sehr erfreulich und macht für Medienexperten den Verlust an Medienjournalismus in den ‘alten’ Medien mehr als wett“, sagt der in Lugano lehrende Medienwissenschaftler Stephan Ruß-Mohl.

„Nur bleibt die Frage, wie man aus diesem Angebot auswählt und wer von solchen Angeboten erreicht wird – das breitere Publikum, das über Medien genauso Bescheid wissen sollte wie über Politik, Wirtschaft und Kultur, wohl eher nicht.“ Damit mangele es dem Publikum dann aber eben an Kenntnissen und damit auch auch an Qualitätsbewußtsein in punkto Journalismus, erklärt Ruß-Mohl, „in der Folge dürfte die Zahlungsbereitschaft für hochwertige Medienangebote sinken“.

Das breite Palette an medienjournalistischen Angeboten ist aber in anderen Punkten kritisch zu sehen. Hohlfeld sieht inflationäre Tendenzen: „Man könnte sagen, dass die Sensoren der Mediendienste hypersensibel eingestellt sind, und so wird automatisch jede Präsentation eines Gadgets oder jeder Minidiskurs über ein irrelevantes Insiderthema sofort zum Megaereignis hochgeschrieben. Das wirkt wie jede andere Inflation: Das gehypte Gut wertet sich selbst ab. Meist mangelt es an kritischer Distanz, oft lassen sich die Dienste von der Welle der eigenen Begeisterung forttragen. Die entfachte Euphorie fühlt sich schnell etwas selbstbesoffen an.“

Ähnlich äußert sich Eberwein: „Die erhöhte Geschwindigkeit des Medienjournalismus im Netz ist gleichzeitig auch sein größter Nachteil: Der Aktualitätsdruck forciert Nachlässigkeiten in der Recherche und führt zu inhaltlichen Ungenauigkeiten.“

Die Themensetzung wirke häufig wenig reflektiert. Einordnung komme zu kurz. Eberwein kritisiert das: „Wenn Kommentar und Analyse versucht werden, wirkt das häufig wie aus der Hüfte geschossen. Wenn es um hintergründige Medienberichterstattung geht, haben die traditionellen Dienste daher nach wie vor die Nase vorn.“

Meinungsstärke als Selbstzweck?
Gerne kommentieren die Autoren verschiedener Online-Mediendiensten Sachverhalte. „Stücke, bei denen wir uns positionieren, Meinung und Haltung zeigen, werden mit hoher Aufmerksamkeit honoriert“, berichtet Altrogge. Es zähle die „zeitnahe Deutung – wie kompetent und treffsicher ist man dabei? Schließlich hat das Web alles schneller gemacht.“

Sind die Online-Mediendienste kritischer, meinungsfreudiger, haben sie die – dem Medienjournalismus oft unterstellte – „Beißhemmung“abgelegt? „Definitiv“, antwortet Hohlfeld: „Die Dienste sind derart eng mit den Medien-Watchblogs und der korrespondierenden Blogosphäre verwoben, dass deren Beißwut hier oft abfärbt. Sie sind deshalb vollständiger in ihrem Themenmonitoring und oft auch meinungsfreudiger und meinungsbetonter als der traditionelle Medienjournalismus.“ Häufig allerdings verkomme diese Meinungsstärke zum Selbstzweck.

PR-Durchreiche?

Negativ fällt einem ständigen Betrachter der Mediendienste auf, dass sich PR-Mitteilungen etwa zu Personalien oft schon wenige Minuten nach der Veröffentlichung auf den einschlägigen Seiten wiederfinden, oft ohne deutliche Kennzeichnung der Quelle. Hohlfeld beobachtet ähnliche: „Die Fässer sind oft viel zu groß, so viel Wein kann gar nicht angebaut werden. Es wird dann eine ganze Menge Wasser zum Auffüllen dazu gegossen.“

Hohlfeld resümiert: „Bedenklich ist das nicht so sehr, eher nervig“. Eberwein hat diesen Mangel auch erkannt: „Für den geschulten Nutzer, den Medienprofi, mag das noch unproblematisch sein – er kann die notwendige Einordnung selber leisten und wichtige von unwichtigen Personalien unterscheiden. Für den Normalleser ist das jedoch äußerst bedenklich.

Die Orientierungsfunktion des Medienjournalismus kommt dabei in vielen Fällen deutlich zu kurz.“ Für Eberwein sei es „eminent wichtig“, dass nun nicht alle Medienjournalisten in einen Geschwindigkeitswahn verfallen, um sich gegenseitig zu überbieten: „Es braucht ebenso medienjournalistische Angebote, die angesichts aktueller Tendenzen auf Entschleunigung setzen.“

Peter Turi erscheint die Gefahr der PR-Infiltration der Mediendienste nicht allzu groß: „Sicher gibt es jetzt mehr Abnehmer für Nachrichten als früher, womöglich kann selbst eine banale PR-Botschaft jetzt vielleicht zwölf mal statt zwei mal veröffentlicht werden. Trotzdem heißt das ja nicht, dass keine kritische Berichterstattung mehr stattfindet oder dass sie untergeht im großen Medienrauschen.“

Und schließlich gäbe es ja auch noch die Nutzerbeteiligung: „Auf Facebook und Twitter ist zu beobachten, dass kritische, gegen den Trend geschriebene Stories in der Regel öfter empfohlen, retweetet und verlinkt werden als PR-Meldungen“, ergänzt Turi. Die DWDL-Redaktion hat sich unter anderem zum Verhindern solcher PR-Durchreichen zumindest eigene öffentlich publizierte Regeln auferlegt „Mache Fehler“: Die zehn Leitlinien der DWDL-Redaktion.

Auffällig auch, dass fast alle medienjournalistischen Online-Angebote häufig – auch wenn sie in einem Konkurrenzverhältnis stehen – untereinander verlinken und zitieren. Dass Meedia vom Medienjournalisten Stefan Niggemeier öfter schon als „Um- oder Abschreibedienst“ geziehen wurde, mag Chefredakteur Altrogge so nicht stehen lassen: „Ich halte Niggemeier für einen hervorragenden Schreiber, der aber – wie wir alle – bei einer Einschätzung auch schon mal daneben liegen kann.“

Dieser Artikel ist in ähnlicher Form im Juli 2011 in der Ausgabe Nr. 3/2011 der „Message – Internationale Zeitschrift für Journalismus“ erschienen.

Weiterführende Links
Eine aktualisierte Übersicht zum deutschsprachigen Medienjournalismus (inklusive Medienblogs natürlich) publiziere ich hier in den nächsten Tagen. Meine fast täglich aktualisierte und verschlagwortete Delicious-Bookmark-Sammlung zum Thema (Online-)Journalismus mit mittlerweile über 23.000 Einträgen finden Sie übrigens auch unter www.medien-journalismus.de.

Nachtrag, 5.8.2011: Ein aktuelles Beispiel

“Der ehrgeizige Relaunch von Vogue.de”, titelt Meedia am 5. August 2011 um 13.06 Uhr: Auf knapp 4.000 Zeichen schreibt Alexander Becker, kürzlich zum Redaktionsleiter von Meedia ernannt, zu diesem Thema.

Um 11.10 Uhr, also knapp zwei Stunden vorher, erschien beim Presseportal von News Aktuell eine Pressemitteilung der Condé Nast Verlag GmbH: “Die Stil-Ikone im Internet – Neuer Webauftritt für VOGUE”. Ebenfalls ausführlich weist “Vogue” auf seiner eigenen Website auf den Relaunch hin: “Die neue VOGUE Online”. Die Macher des Münchner Modemagazins haben sich tatsächlich viel Mühe gegeben.

Mühe gegeben hat sich sicherlich auch Alexander Becker, doch allein elf Rechtschreibfehler finden sich in seinem Artikel. Zahlreiche Textpassagen stammen natürlich entweder aus der Pressemitteilung oder dem Artikel auf der Vogue-Seite – mitunter leider PR-/Mode-Geschwurbel vom Feinsten. Einzig die Besucherzahlen von Konkurrenzangeboten und der Hinweis auf Springers demnächst wohl erscheinendes Modeportal Stylebook.de (leider gibt es hierzu im Artikel keine detaillierten Angaben oder gar Links) sind Zusatzinformationen für die Leser. Und dann ist da noch dieser Absatz:

“Mit der Optik unterstreicht das Magazin seine Ausnahmeposition in der Modefotografie. Bereits heute bedienen sich noch immer unzählige Blogs – ob legal oder illegal – bei den Fotos der Vogue.”

Vulgo heißt das auch, die klauen wie die Raben, die Blogger. Das mag ja vielleicht auch tatsächlich zutreffen, aber nur mal so dahingesagt, erhöht es den Informationsstand des Lesers nicht unbedingt.

Bereits um 11.53 Uhr veröffentlichte übrigens Kress.de unter der Überschrift “Mode-Magazin hat aufgeräumt: Vogue.de nach Relaunch viel übersichtlicher” einen Beitrag zum Thema. Wenigstens finden sich in diesem offenbar blitzschnell geschriebenen Beitrag nur ein Fehler: “Vouge”, immerhin wurden einige Anglizismen getilgt und es gibt auch eine eigene Wertung der Neugestaltung.

Wen juckt’s?
Natürlich sind diese beiden genannten Beispiele nicht dramatisch. Keine schlimmen Fehler – wie auch bei diesem PR-gesteuerten Thema! – wurden begangen. Natürlich haben beide Magazine nicht eins zu eins die Presseinformationen von “Vogue” übernommen und wenigstens wurde ansatzweise auch versucht, eine eigene Einordnung und Bewertung an die Leser weiterzugeben. Kress.de war in diesem Fall wohl etwas geschickter.

In den nächsten Minuten ergeben sich vielleicht schon wieder ganz andere Themenlagen und diese Artikel versenden sich dann ganz schnell. Aber tragen solche PR-Nummern zum Ansehen des Netzjournalimus oder des Medienjournalismus bei oder müssen sie einfach nur sein, um der Chronistenpflicht zu dienen und schnell zu informieren; um Reichweite zu erzielen, und damit vielleicht aufwändig recherchierte Geschichten zu refinanzieren? Wen schert’s?

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