Wikis im Journalismus: Redaktionsorganisation neu gedacht

Mann und Frau mit Schreibmaschinen

Auch zehn Jahre nach Gründung der Wikipedia stehen viele Journalisten dem Begriff “Wiki” noch ratlos gegenüber: Wikipedia, WikiLeaks, GuttenPlag Wiki? Viel wird geschrieben, und manchmal erschreckend wenig gewusst. Zum Beispiel: dass sich Wikis auch in der Redaktionsorganisation nutzen lassen. Unser Gastautor Florian Siebeck hat sich in seiner Diplomarbeit praxisnah mit dem Thema beschäftigt.

Analysten schätzen, dass der Anteil an Unternehmen, die interne Wikis betreiben, bei mehr als 50 Prozent liegt – Vorreiter sind hier vor allem Technologiefirmen wie IBM, Adobe oder Amazon, aber auch die amerikanischen Geheimdienste. In deutschen Medienunternehmen liegt der Anteil von Redaktionen mit Wiki bei knapp einem Viertel. Aber sind nicht gerade Journalisten prädestiniert, ihr Wissen in einem Wiki zu organisieren?

In der Diplomarbeit “Das Wiki-Prinzip. Kollaborative Wissenskonstruktion im journalistischen Umfeld” wurden die Redaktionen der 150 größten deutschen Tageszeitungen untersucht. 23 Prozent der befragten Redaktionen verfügen über ein innerredaktionelles Wiki, weitere acht Prozent gedenken, in naher oder ferner Zukunft ein solches aufzubauen.

Das Problem deutscher Redaktionen ist, dass sie chronisch unterbesetzt sind – weshalb viele Medienunternehmen sich vor der Arbeit scheuen, die die Pflege eines Wikis mit sich bringt. Doch gerade in Zeiten, in denen mehr und mehr Freie den Redaktionen zuarbeiten, bietet sich ein Wiki an, um die Einarbeitung neuer Mitarbeiter zu erleichtern und Statuten oder Pläne festzuhalten. Die meisten Redaktionswikis wurden von Redakteuren selbst installiert; eine Folge von Überlastung der hauseigenen IT vieler Häuser.

Redaktionswiki
Wie es gehen kann, zeigen Redaktionen wie die der “Financial Times Deutschland”. Hier existiert das Redaktionswiki seit mittlerweile zehn Jahren und wird in der Onlineredaktion und im Producing genutzt. Gerade wird es auf ein System umgesattelt, das eine leichtere Anbindung an Microsoft-Office-Dokumente und Dateistrukturen im Netzwerk ermöglicht. Mehr als 60 Prozent der Redaktionswikis werden ausschließlich von Onlineredaktionen genutzt, oft verweigern sich die Printkollegen den technischen Innovationen der Onliner.

Ganz anders bei der “Hannoverschen Allgemeinen”: Hier nutzt ausschließlich die Printredaktion ein Wiki. Auf mehr als 5.600 Seiten dient es der Themen- und Terminplanung, gleichsam als Ablage für Dienstpläne und Anleitungen. Das Wiki ist zudem für Partnerredaktionen geöffnet, die auf alle Inhalte zugreifen können.

Regiowikis
Einen anderen Ansatz verfolgen Verlagshäuser mit eigenen Regiowikis: Diese hyperlokalen Wissensportale dienen in erster Linie der Leser-Blatt-Bindung, stärken die regionale Kompetenz der Marke – erfordern aber auch viel Aufmerksamkeit. Zwar unterhalten erst fünf Prozent aller Titel ein Regiowiki, doch 20 Prozent gaben an, die Planung eines Regiowikis im Hinterkopf zu tragen.

Einige Regionalverlage betreiben äußerst erfolgreiche Regiowikis, beispielsweise die “Hessische/Niedersächsische Allgemeine” (regiowiki.hna.de), “Passauer Neue Presse” (regiowiki.pnp.de) oder die “Nürnberger Zeitung” (www.franken-wiki.de). Einige dieser Wikis haben bereits über 10.000 Seiten und wurden in den journalistischen Wertschöpfungsprozess der Zeitung integriert. Einzelne Redakteure kümmern sich um den Dialog mit den Nutzern und die Pflege des Wikis, eine Gewinnabsicht verfolgen die Verlage mit Regiowikis nicht.

Wikis fristen im Medienbetrieb auch 2011 noch ein Nischendasein. Das liegt nach wie vor auch an der Unwissenheit vieler Kollegen. Auf die Frage, ob in ihrer Redaktion ein eigenes Wiki existiere, erwiderte die Redakteurin eines großen überregionalen Verlags schnippisch: “WikiLeaks, Wikipedia … mit diesen Wiki-Sachen möchten wir bitte nicht in Verbindung gebracht werden.”

Download
Die gesamte Diplomarbeit finden Sie unter floriansiebeck.com/de/diplom/ – darin enthalten sind auch alle Erfahrungsberichte einzelner Redaktionen, gescheiterte journalistische Wiki-Experimente und außerdem wird beschrieben, wie GuttenPlag und Wikipedia den Journalismus nachhaltig verändert haben.

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