Zeitgemäße App: Schönheit und Selbstbeschränkung

Sie wird Bildergalerien enthalten! Bildergalerien! Es wird eine Suchfunktion geben! Eine Suchfunktion! Und obendrein hier und da Links zu Multimedia und weiterführenden Informationen – teilweise sogar ins wilde Internet außerhalb der eigenen Website. Nein, wahnsinnig innovativ klingt es nicht, was die aufgebotenen fünf Herren und eine Dame von der “Zeit” bei der Vorstellung der neuen App fürs iPad zu verkünden haben. Warum die App doch zeitgemäß ist.

Die Basisdaten: Die ab Mittwoch erhältliche App der Zeit ist ausschließlich für das iPad (Android-Version soll  folgen) gedacht. Jeweils Mittwochs – also vor dem Erscheinen der gedruckten Version am Kiosk – lässt sich die aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung inklusive Zeit Magazin herunterladen. Eine Ausgabe kostet im iTunes-Store 3,99 Euro (gedruckt: 4 Euro), außerdem gibt es verschiedene Abo-Varianten über iTunes oder das digitale Abo der Zeit.

Das Design: Die Optik orientiert sich stark an der gedruckten Version. Auffallend ist, dass Fotos in der Regel quadratisch sind. Die Seiten sind wohl im  Hoch- (Standard) als auch im Querformat (größere Schrift)  verfügbar. Auch gescrollt wird vertikal. Das Blättern verläuft flüssig und macht Spaß. “Die überwiegende Mehrheit der Nutzer liest im Hochformat”, schildert Geschäftsführer Christian Röpke Erfahrungen mit der bereits vorhandenen App “Zeit Online Plus”. Artikelseiten erinnern im Hochformat an edle Taschenbücher, zumal Platz für Marginalien bleibt. Dort werden Links auf weiterführende Inhalte platziert. Außerdem will sich die Zeit für die App zwei Kolumnisten leisten, die in den Marginalien ihre eigenen Anmerkungen zu den Zeitungsinhalten machen (das gab’s schon mal im gedruckten Magazin). Gebaut hat die App die Agentur artundweise in HTML 5.

Enrique Tarragona vor einer Wandtafel (Foto: Fiete Stegers)

Enrique Tarragona, Produktmanagement Zeit Online

Interaktion: Findet über die Anmerkungen der Edelfeder hinaus nicht statt. Die App-Ausgaben sind in sich geschlossene, abgeschlossene Gefäße für die gedruckte Ausgaben. Nutzer-Kommentare sind nicht vorgesehen, auch eine Anbindung ans Social Web nicht (es lässt sich auch schlecht ein Artikel empfehlen, der erst gekauft und auf eine Gerät heruntergeladen werden muss). Die Suchfunktion erfasst nur Artikel aus bereits gekauften Ausgaben, nicht das komplette Archiv von Zeit und/oder Zeit Online.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.


Mehr im Audio-Interview: Enrique Tarragona über den Produktionsprozess, animierte Werbung und die Frage, ob sich die App auch ausdrucken lässt [11'36]

Inhalt: Die Inhalte der gedruckten Zeit werden komplett übernommen und hier und da erweitert. Gleich mehrmals weisen die Zeit-Verantwortlichen bei der Vorstellung der App auf Bildergalerien hin, Audios werden erwähnt, Videos. Das allein klingt wenig innovativ – man wird auf die Umsetzung warten müssen – und soll auch nur sparsam eingesetzt werden. Ob das reicht? “Wir wollen die Leser mit Zusatzinformationen nicht überfordern”, sagt Iris Mainka, Chefin vom Dienst der Printausgabe.  Mehrfach ziehen die Zeit-Verantwortlichen auch die ihrer Meinung nach überfrachtete Wired-App als Vergleich heran. “Wir hören ja schon bei der Zeitung oft, das ist alles toll, aber es ist so viel”, sagt Christoph Siemes, redaktionell verantwortlich für die App. Aktualisierungen von Artikeln, bei denen zwischen Print-Redaktionsschluss (Dienstagnacht) und App-Update (Mittwochabend) noch etwas entscheidendes passiert ist, soll es nur in extremen Ausnahmefällen geben.

Werbung: In die App sind Seiten mit Werbeanzeigen integriert (die sich freilich überblättern lassen).

Fazit: Die App ist ein edler Reader für die gedruckte Zeit, der das Prinzip der Wochenzeitung in zeitgemäßer Optik einen Tablet-Computer überträgt. Ob Schönheit und Selbstbeschränkung – bei Zusatz-Inhalten und dem Verzicht auf Aktualisierungen – der Weg zum Erfolg sind und das Konzept auf eine ausreichend große Leserschaft stoßen wird, wird sich zeigen.

Weitere Links

… im Internet:

… bei onlinejournalismus.de:

Trotz Schleichwerbebedenkens und privaten Verbindungen zur Produktionsfirma Blinkenlichten – weil’s so schön ist: das von Enrique Tarragona im Interview angesprochene Alsmann-App-Werbevideo:


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