Wikipedia: „Wichtig ist einer, der anfängt“

Wikipedia zwischen Hausaufgabenhilfe, Sexipedia und Weltkulturerbe – unsere Gastautorin Gabriele Hooffacker berichtet von der WikiConvention.

„Gestern lief ich mit dem Wikipedia-Anhänger durch Nürnberg, da strahlte mich ein blondes Mädchen an. Sie dachte sicher: Süß! Das ist einer der Idioten, der auf Wikipedia meine Hausarbeiten schreibt!“ Der promovierte Historiker Ziko van Dijk arbeitet seit 2003 bei Wikipedia mit – im Ehrenamt und unbezahlt wie alle. Ist Wikipedia eine Enzyklopädie? Ziko van Dijk meint: ja. Bis er zu diesem Schluss kommt, hat sein Publikum auf der WikiConvention am 9.-11. September in Nürnberg viel über die Geschichte der Riesennachschlagewerke gelernt.

Wie man Wikipedia-Autor wird und bleibt
Wie entstehen Texte in der Wikipedia? „Da gibt es unterschiedliche Ansätze”, erklärt Magnus Gertkemper, langjähriger Wikipedianer und Administrator aus Fürth. „Manchmal ist es ein neuer Fußballspieler, mal ein neuer Film“. Oft sei es erst einmal ein Satz, ein so genannter Stub (engl. für „Stummel, Stumpf“). „Wer ein bisschen erfahrener ist, weiß, wie Artikel aussehen sollen und kümmert sich dann um Gliederung, Auszeichnung usw. Wichtig ist einer, der anfängt”.

Zusammen mit dem Bildungszentrum der Stadt Nürnberg hatten die Freiwilligen und der Verein Wikimedia zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion eingeladen. An die 300 Menschen hörten dabei Wikipedianern, Journalisten und Experten zu, moderiert von Peter Lokk. Der fragte das Podium: Was sollte einer beherzigen, der bei Wikipedia mitmachen möchte? „Er sollte neutral bleiben“, rät Magnus Gertkemper. „Manchmal kann man aber auch alles richtig machen, man bekommt trotzdem einen vor den Latz“.

Was alles schief gehen kann, wollte Ralf Bötsch („RaBoe“) am Samstag morgen aus der Perspektive des Wikipedia-Einsteigers aufzeigen. „Ich bin doch nicht blöd“ hatte er seinen Workshop provokativ genannt. Doch bevor es richtig los gehen konnte, erkämpfte sich eine österreichische Nutzerin das Wort: „Auch Österreichisch ist Deutsch! Darf man Jänner schreiben oder muss es Januar heißen? Hornung statt Februar?“

Und damit war die Runde mittendrin in einer Diskussion rund um das Selbstbewusstsein von Wikipedia-Autoren und der Community. Dank des geduldigen Referenten und eines hilfsbereiten Publikums gab es Vorschläge zur Problemlösung und Tipps, wo man bei Problemen Hilfe findet.

Eine solche Anlaufstelle ist das Support-Team, das seine Arbeit auf einem Workshop vorstellte. Vor allem Anfragen rund um Persönlichkeitsrechte, aber auch Hilfe für die Aktiven gibt es dort.

Wissenschaft, Plagiate und Journalismus
Wie stehen Wissenschaftler zur Wikipedia? „Die Wissenschaft ist skeptisch, weil hier jeder mitschreiben kann“, sagte Professor Klaus Meier, der kein aktiver Wikipedianer ist. Doch er wies auf der Podiumsdiskussion darauf hin, dass es an vielen Hochschulen und Universitäten Wikipedia-Studierendenprojekte gibt.

Meier, Lehrstuhlinhaber für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt, meint: Man könne an der Wikipedia lernen, was der Kern der Wissenschaft ist, nämlich Quellenkritik. Problematisch sei das Veröffentlichen bei Wikipedia für angehende Wissenschaftler: Mit einer solchen Publikation könnten sie im Wissenschaftsbetrieb nicht punkten, da dort die Autorenschaft nachgewiesen werden müsse.

„Eine Enzyklopädie ist ein Plagiat in alphabetischer Anordnung“, zitierte van Dijk in seinem Workshop zum allgemeinen Amusement. Aber was ist ein Plagiat? „If you copy from one author, it’s plagiarism. If you copy from two, it’s research“: Debora Weber-Wulff, im Hauptberuf Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, zeigte an diesem Zitat, wie man in 60 Minuten Plagiatsjäger wird. Bei Wikipedia ist sie „WiseWoman“, in ihren Kursen für Hochschullehrer, Lehrer und andere angehende Plagiatsjäger fordert sie das das klassische Handwerk des Peer review ein: Quellenkritik und das Einhalten ganz einfacher Regeln, nämlich 1. Direktes Zitat, 2. Indirektes Zitat, „also alles ganz einfach“, sagt Weber-Wulff: „Anfang, Ende, Beleg.“

Im Publikum saß stillvergnügt neben Nutzer „Avatar“ Martin Heidingsfelder, als „Goalgetter“ einer der Hauptakteure von Guttenplag, und beantwortete gemeinsam mit Debora Weber-Wulff Fragen: Wieviele Menschen waren an Guttenplag-Wiki beteiligt? Er meint: Bis zu 20.000, aktiv waren es etwa 1.000, intensiv waren es weniger als 50. Wer nach dem Kurs die Plagiatorenjagd selbst ausprobieren will, findet hier eine Menge Übungen samt Auflösungen von Debora Weber-Wulff: „Plagiate erkennen und auffinden“.

Wird Wikipedia als verlässliche Informationsquelle angesehen? Klaus Schrage, Journalist bei den „Nürnberger Nachrichten“, freigestellter Betriebsrat, Blogger „Hirndübel“, sagte auf der Podiumsdiskussion: „Um sich einen Überblick über ein Thema zu verschaffen eignet sich Wikipedia gut. Aber natürlich darf die Recherche bei Wikipedia nicht das Ende der Recherche sein.“

Was hält Klaus Schrage von der beliebten Methode, unter Zeitdruck „copy and paste“ aus der Wikipedia in die eigene Publikation zu betreiben? „Ein Verleger, der das verhindern will, muss seine freien Mitarbeiter gescheit bezahlen“.

Ziko van Dijk warf ein: „Viele im Raum haben kein Zeitungsabo. Wir leben ein wenig auf Kosten derer, die ein Zeitungsabonnement bezahlen.“ Klaus Meier bestätigte: Das Geschäftsmodell, Nachrichten zu verkaufen, sei in der Krise. Klaus Schrage ergänzte: „Tageszeitungen haben sinkende Auflagenzahlen, es gibt weniger Werbeanzeigen. Dafür werden die Abogebühren erhöht. Die offene Frage ist nach wie vor: Wie kann man als Verlag im Internet Geld verdienen?“

Die Community, Sexipedia und die Zukunft
Die WikiConvention war ein echtes Nerd-Treffen: kaum jemand der rund 200 Teilnehmenden ohne Notebook oder Smartphone, im ganzen Haus freies WLAN und eine rege genutzte Twitterwall unter dem Hashtag #wikicon belegen dies.

Plötzlich trafen sich viele Community-Mitglieder, die voneinander bislang bestenfalls das Pseudonym kannten. Daher war das Namensschildchen das meistgesuchte Tool: Wer ist mein Gegenüber? Wie möchte er genannt werden? Bin ich mit ihm schon mal auf VM (der Vandalismusmeldungsseite von Wikipedia) zusammengerumpelt? Offensichtlich war der persönliche Kontakt hilfreich – jedenfalls diskutierten die Teilnehmenden meist freundlich und entspannt.

Dafür sorgten auch Workshops wie „Aktion Benutzername = Klarname“, auf dem Jürgen Engel eine freiwillige Abkehr vom Prinzip der Pseudonyme vorschlug. Spät am Abend ging es dann bei „Sexipedia“ um grundlegende Fragen wie „Flirten in der Internetenzyklopädie: Geht das? Verspricht das Erfolg?“ Ergebnis: Die Seiten „Vandalismusmeldung“ und „Löschkandidaten“ gelten als schlechtes Flirtrevier.

Für die Zukunft hat sich Wikimedia Deutschland viel vorgenommen: Die gesamte Wikipedia soll als erstes digitales Monument internationales Kulturerbe werden. Derzeit läuft eine Petition an die UNESCO, die man unterzeichnen kann.

Dr. Gabriele Hooffacker leitet die Journalistenakademie in München. Sie hat zahlreiche Fachbücher zum Thema verfasst, ihr Werk „Online-Journalismus. Texten und Konzipieren für das Internet“ erschien 2010 in der 3. Auflage.

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