Protest aus dem Netz: völlig normal

Demonstranten in Frankfurt

Für einen richtigen Rant reicht es nicht. Schließlich bin ich als Journalist, der über Internet-Themen berichtet, zum Teil selbst mit schuld. Aber es ärgert mich schon, wie sehr anlässlich der Menschen, die heute als Teil der nach Deutschland schwappenden “Occupy Wall Street”-Bewegung auf die Straße gehen, in der Berichterstattung der allgemeinen Publikumsmedien ein Aspekt betont wird: dass die inhomogene Menschenmenge, die da mit mehr oder weniger inhomogenen Zielen und Forderungen zusammenfindet, sich über das Netz organisiert.

Ja, wie bitteschön, soll sie es denn sonst machen?

Wir schreiben das Jahr 2011, das Netz ist für viele Menschen ein Teil ihres Lebensraums. Handy-Fotos verschicken, Treffen über Doodle planen, Kontakte über Facebook pflegen und Nachrichten über Twitter verbreiten – das ist völlig normal, integraler Bestandteil des beruflichen wie privaten Alltags.

Wenn iranische oder ägyptische Demonstranten Handys und Internet zur Organisation ihrer Demos nutzen, dass die Staatsmacht mit Blockadeversuchen reagiert, wenn syrische Oppositionelle durch die systematische Dokumention ihrer Proteste mit Handy-Videos und ihrer Verbreitung über das Netz seit Monaten die Mediensperre der Regierung umgehen, wundert es dann wirklich noch jemand, dass unzufriedene Menschen im Westen genau die gleichen Werkzeuge einsetzen, zumal, wenn ihnen keine Parteizentralen oder Gewerkschaftsstrukturen zur Verfügung stehen?
Demonstration auf dem Rathausmarkt
Gewiss, die Details sind jedes Mal unterschiedlich, einzelne Tools neu und faszinierend. Aber, hey – “Im Netz ist Bewegung” wurde schon über die Organisation der deutschen Studentenproteste im Wintersemester 1997/98 getitelt, noch früher übermittelt das ZaMir-Netzwerk Nachrichten aus dem kriegszerrissenen Ex-Jugoslawien über eine Bielefelder Mailbox auch nach Deutschland. Danach gab es die Proteste der Grünen-Revolution im Iran, Augenzeugenberichte und Propaganda aus dem Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon, und, und, und … – bis hin zu den S21-Demonstrationen.
Demonstranten und Polizisten, im Hintergrund das Kanzleramt
Auch die Proteste gegen Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren und Staatstrojaner – durchaus markante Punkte in der innenpolitischen Diskussion der vergangenen Jahre – sind, wenn nicht im Internet geboren, so doch dort ausgewachsen. Vom Aufstieg der Piratenpartei ganz zu schweigen.

Die Affäre Guttenberg sollte es auch dem letzten gezeigt haben, wie sich Unbehagen im Netz organisiert (die Plagiatsjäger) und welche Reichweite Protest dort erreichen kann (die Pro-Guttenberg-Fraktion). Wenn die Occupy-Wall-Street nun anders als die Freiherren-Fans den Unmut im Netz in nennenswerter Weise auf der Straße in Erscheinung treten lassen kann, ist das angesichts der unterschiedlichen Klientel – der durchschnittliche Guttenberg-Anhänger ist sicherlich weniger demoaffin als ein Bankengegner – alles andere als überraschend.

Aber einige reden ja auch immer noch von den “Neuen Medien”.

Fotos: Peter Zschunke, Alexander Svensson; unter CC-BY Milena Glim

Weitere Links

… im übrigen Internet

  • Zapp: “Occupy Wall Street”: Protest der Netzwerker
  • Hyperland: “Wir sind die 99 Prozent”: Ist Occupy-Wall-Street eine Netzbewegung?

sueddeutsche.de: Occupy-Protest in Deutschland

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