Prothmanns Pläne

Hardy Prothmann

Seit April 2009 betreibt Hardy Prothmann (45) das lokale Heddesheimblog. Wir führten damals das erste Interview mit ihm. Inzwischen hat sich einiges getan, Prothmann betreibt sechs Lokal-Blogs im Mannheimer Raum, er gründete mit mehreren Kollegen eine Interessensgemeinschaft zur Förderung des unabhängigen Online-Lokaljournalismus, Istlokal – aber er eckte auch gründlich an. Wir sprachen mit Hardy Prothmann über seine künftigen Pläne, seine Perspektiven aber auch über die nicht wenigen Probleme bei seiner Arbeit.

Obacht, dieses Gespräch ist etwas länger (rund 29.000 Zeichen, das entspricht zirka sieben Magazinseiten) – wie schon unser erstes Interview mit Hardy Prothmann: „Seinen Job lieben und die Leser ernst nehmen“. Das war auch länglich aber dem Vernehmen nach nicht langweilig. Hardy Prothmann ist mir persönlich bekannt, wir duzen uns.

Sprechen wir gleich übers Geld. An Deine Leser schreibst Du: „Wir werden Sie in naher Zukunft bitten, unsere Arbeit zu honorieren. Freiwillig – so wie Sie können und möchten.“ Auf welchen Zahlungswegen können Deine Nutzer Deine Arbeit honorieren? Du hast bisher Flattr genutzt, kam dabei überhaupt etwas rüber?

Wir werden aktiv um Zahlung werben, per Überweisung, Bankeinzug oder paypal – uns haben mittlerweile so viele Leser angefragt, wie sie uns mit Geld unterstützen können, dass wir das jetzt umsetzen. Wir rechnen anfangs mit Einnahmen zwischen 150 und 300 Euro im Monat. Die zahlenden Kunden werden dafür eine Gegenleistung erhalten – persönliche Empfehlungen der Redaktion beispielsweise. Nicht nur zu unseren, sondern auch zu anderen Informationen. Und natürlich machen wir klar, dass diese finanzielle Unterstützung den zahlenden Lesern ganz egoistisch hilft. Sie haben Anteil daran, dass wir unsere Arbeit für sie machen können. Flattr funktioniert ganz schlecht. Pro Monat erhalten wir hier zwischen fünf und zehn Euro.

Wirst Du die Höhe der eingegangenen Beiträge ähnlich wie die „taz“ („taz zahl ich“) dokumentieren? Wenn nein, warum nicht?

Ich schätze die „taz“ sehr und mir gefällt die Kampagne. Aber die arbeiten unter anderen Voraussetzungen. Eine einzelne Veröffentlichung ist nicht geplant.

Die bisherige Finanzierung allein durch Werbeeinnahmen hat sich wohl nicht als ausreichend erwiesen – kannst Du hierzu nochmal die Zahlen nennen; es kursierte da mal eine Zahl von 1.500 Euro im Monat?

Falsch. Die Denkweise „wohl nicht als ausreichend” hängt dem Gedanken nach, mit Internet-Werbung seien nur „lausige Cent” zu verdienen. Aus Sicht der Zeitungen, die seit Jahren den Markt massiv beschädigen, weil sie Internet-Werbung als fast kostenfreie Beigabe verschenkt haben, mag da so sein. Tatsächlich sind die Einnahmen „ausreichend” – sie reichen aus, um die Ausgaben zu decken und die Leute und mich zu bezahlen. Aber sie sind noch nicht so hoch, dass sie nennenswerte Gewinne abwerfen. Wir bieten unseren Kunden sehr gute Produkte an: Wir verknüpfen die Werbung mit Informationen, Empfehlungen und Kommunikationsberatung. Das kommt sehr gut an und wird per Festpreis bezahlt. Dagegen steht bei den Zeitungen der einmalige Abdruck vollständig überteuerter Anzeigen mit fragwürdiger Wirkung und irgendwelche nervigen Adserver-Einblendungen mit ärgerlichen Pop-ups. Die Zeitungen tun alles, um das Internet zu beschädigen.

Was Zahlen angeht: Die von Dir genannte Umsatzahl wird deutlich übertroffen, trotz acht Wochen Betriebsferien im Jahr. Allerdings mit einem Mix von Einnahmen: Flattr gibt uns monatlich das Geld, das wir für Briefmarken brauchen. Google-Adsense bezahlt Server und Telekommunikation; Fotoverkäufe, Werbung, Medienproduktionen und Beratungen zusammen ergeben soviel, dass ich mittlerweile davon bescheiden leben kann. Unterm Strich sind die Zahlen schwarz. Freiwillige Zahlungen kommen dazu, Geld, das wir wieder investieren. Leider habe ich viele Fehler gemacht und würde heute ganz anders starten als damals. Es gab keine Planung, keine Kalkulation, keine Organisation, kein Vorbild, wenig unternehmerisches Denken. Wie die meisten freien Journalisten hatte ich davor ja keine echten Kunden, sondern „Abnehmer”. Das unternehmerische Denken beschränkte sich auf die Akquise von Aufträgen und Pauschalverträgen sowie die Entgegennahme von „Angeboten” – im Verhältnis 70:30. Das hat man durchgerechnet und sich Jahr für Jahr durchgebracht.

Respekt übrigens an Katja Kuhlmann, die aus einer sehr „erfolgreichen” Perspektive ehrlich beschreibt, wie es „einem wirklich ergehen kann”: „Ich hab wenig gegessen und Kontakte gepflegt”, in: „ZeitMagazin”, Nr. 25/2011. Als Unternehmerjournalist sind die Aufgaben und Verantwortungen vielfältiger. Das musste ich lernen und habe das mit viel Neugier auch geschafft. Das Produkt musste entwickelt werden. Ebenso die Bereitschaft, selbst Anzeigen zu verkaufen, technisches Wissen anzuhäufen, in eigener Sache Werbung zu machen.

Nicht zuletzt als Gewerkschafter (ich engagiere mich ehrenamtlich im Bereich Online-Journalismus beim Bayerischen Journalisten-Verband/Deutschen Journalisten-Verband) interessiert mich auch, ob Du nicht rund um die Uhr tätig bist?

Ich bin Kleinunternehmer und kein Gewerkschafter. Für mich gelten keine tariflichen Regeln – ich lehne diese starren Systeme sogar explizit ab, wie alles, was zu stark reglementiert ist. Ich arbeite ungefähr 50 bis 70 Stunden die Woche und das als mein eigener Chef mit viel Freude. Diesen Leistungswillen müssen alle Personen in leitenden Positionen erbringen. Ob das Bürgermeister oder Geschäftsführer sind. Ein Privatleben führe ich trotzdem.

Wie viele freie Mitarbeiter arbeiten derzeit für Dich und wie werden die entlohnt?

Bis vor kurzem waren es acht Mitarbeiter. Von drei Mitarbeitern musste ich mich aus Qualitätsgründen trennen. Zur Zeit habe ich also fünf freie Mitarbeiter, die im Schnitt zwischen 8,50 und 20 Euro die Stunde verdienen, wenn man die Honorare auf einen Stundensatz umrechnet. Das Honorar ist abhängig von der zu erbringenden Leistung und vom Status – Anfänger bekommen weniger Geld, aber viel Unterstützung, bewährte Mitarbeiter höhere Honorare. Alle bleiben bislang unter 400 Euro im Monat. Zusammengerechnet ergeben sich mit mir etwa zwei ganze Stellen. Und ich behandle meine Leute gut. Sie haben meine Wertschätzung.

Damit wir die Übersicht behalten: Derzeit betreibst Du neben dem Heddesheimblog, noch fünf weitere Blogs (Hirschbergblog, Ladenburgblog, Viernheimblog, Weinheimblog und das Rheinneckarblog) …

Das ist richtig und in den kommenden Monaten plane ich die Erweiterung auf zwölf Blogs. Also zehn für die Kommunen im Wahlkreis 39 Weinheim. Dann haben wir hier eine Vollabdeckung. Mannheim und Heidelberg stehen zusätzlich auf der Liste, sind aber nur mit deutlich mehr Mitarbeitern zu realisieren. Wer Interesse hat, dort eine Redaktion aufzubauen, kann sich gerne melden.

Und das geht mit zwei Stellen?

Nein, dafür brauche ich weitere Unterstützung. Was ich dazu plane, gebe ich noch nicht bekannt. Das größte Problem ist für mich, gute Leute zu finden, die nicht nur nach Tarifen schauen, sondern auch für die Arbeit und die Aufgabe brennen. Für den Bereich Anzeigen habe ich dieses Jahr insgesamt fünf Vorstellungen gehabt. Ergebnis: Null.

Im journalistischen Bereich läuft es besser. Die vier Schülerpraktikanten 2011 haben alle tolle Leistungen gezeigt, meine Fotografen sind top, eine neue Mitarbeiterin für die Redaktion erweist sich als Glücksgriff, dazu kommt die tolle Unterstützung durch die Menschen vor Ort. Meine beste Mitarbeiterin ist nach wie vor meine Frau, die halbtags als PR-Managerin arbeitet und im „Nebenjob” für mich Termine besetzt, die ich oder andere nicht wahrnehmen können. Christian Mühlbauer, ein Journalistik-Student von der Hochschule Ansbach, hat vergangenes Jahr ein Praktikum bei uns gemacht und dieses Jahr schon zwei Mal hier als freier Mitarbeiter ausgeholfen. Den hätte ich gerne als Redakteur, wenn er mit dem Studium fertig ist. Journalistisch neugierig, kritisch, fundierte Recherche, technisch auf der Höhe – das sind die Fähigkeiten, die man braucht.

Und nachwievor musst Dich als Anzeigenverkäufer, PR-Mann, Webmaster, Designer, Ideengeber, Personal-Chef, Community-Redakteur ach und natürlich auch als Journalist verdingen? Nebenbei bist Du ja auch noch Gemeinderat in Heddesheim …

Würde ich in dieser Reihenfolge arbeiten, hätten die Blogs keinen Erfolg. Weder journalistisch noch geschäftlich.

Das ist ja nicht als Rangfolge gemeint …

Ich verdinge mich nicht als Journalist, das ist meine hauptsächliche Arbeit, die ich eigenverantwortlich gestalte. Das Webmastern übernimmt in Kürze die Istlokal Medienservice UG [obacht, die Website wird wohl derzeit umgebaut, T.M.] – darüber bin ich sehr froh, denn das spart mir enorm viel Zeit und hätte es das Angebot schon früher gegeben, hätte ich gerne dafür gezahlt. Zur Arbeit gehört die Pflege der Communities – aber nicht so, wie viele das verstehen. Die Community ist klasse – sie gibt uns mindestens so viel Input, wie wir reingeben. Ohne soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und andere, wäre der Aufbau und die Reichweite des Produkts viel schwieriger. Mittlerweile chatten wir beispielsweise während unserer Live-Berichte aus den Gemeinderatssitzungen mit Lesern, die uns uns Tipps und Hinweise geben und kommentieren. Das ist sehr spannend und journalistisches Neuland. Live und ohne Inszenierung.

Und ich habe aus den oben genannten Erfahrungen etwas lernen müssen: Man ist selbst für den Erfolg verantwortlich, deswegen verkaufe ich mittlerweile gerne. Keine blöden Printanzeigen, sondern eine Kommunikationsdienstleistung, dazu gehören gewerbliche Anzeigen, Beratungen, PR, Medienproduktionen, technische Dienstleistungen und Schulungen. Dazu geben ich Aufträge an Partner ab, beispielsweise bei der Medienproduktion. Design kann ich handwerklich gar nicht, nur als Ideengeber, die Umsetzung machen zwei Grafiker für mich. Das Ehrenamt als Gemeinderat kommt obendrauf, spielt aber nur in Heddesheim eine Rolle.

Die juristische Arbeit nehmen Dir ja – gegen gutes Geld – Rechtsanwälte ab. Wie viel Streitfälle hat es denn in den gut zwei Jahren Heddesheimblog & Co. mittlerweile gegeben und welche Kosten sind dabei entstanden?

Aktuell verhandle ich Abmahnung Nummer zehn, nachdem ich 18 Jahre ohne jeden beruflich bedingten Rechtsstreit ausgekommen bin: Ein Journalist des Saarländischen Rundfunks hat meiner Meinung nach Mist gebaut, ich habe drüber in meinem Medienblog Pushthebutton geschrieben und jetzt hat er mir per Einstweiliger Verfügung verbieten lassen, seinen Namen zu nennen. Acht Abmahnungen wurden abgeschmettert oder nicht weiter verfolgt, gingen also zu meinen Gunsten und ohne Kosten aus – außer dem nervigen Ärger, den man damit hat. Ein Schulfreund und Rechtsanwalt hat mich dabei unterstützt.

Ich habe eine Einstweilige Verfügung (EV) kassiert, Kostenpunkt: 5.400 Euro. Im Moment prüfe ich, ob man das noch mal aufnehmen kann. Ich habe große Lust, das wirklich zu verhandeln. Denn tatsächlich hat das Landgericht Mannheim diese EV ohne Verhandlung gegen mich verhängt – aus Kostengründen habe ich nicht prozessiert. Falls ich verlieren sollte, kostet das nochmals 5.000 Euro. Die muss ich vorher zusammensparen. Den aktuellen Fall mit dem SR-Journalisten sehe ich gelassen. Da gehe ich in den Prozess und rechne damit, dass die Gegenseite alle Kosten tragen muss.

Ehrlich gesagt macht mir das Modell Heddesheimblog und die angeschlossenen Blogs bislang wenig Lust darauf, dieses Geschäftsmodell beispielsweise in meiner Heimatstadt (zirka 35.000 Einwohner) nachzuahmen, auch wenn ich aus journalistischer Sicht davon überzeugt bin, dass diesem Ort so ein lokales Angebot noch fehlt.

Als erstes würde ich mir an Deiner Stelle Fragen stellen. Beispielsweise: Macht mir Lokaljournalismus Spaß? Bedeutet mir Journalismus etwas? Liebe ich diesen Beruf? Weiß ich um dessen besondere Bedeutung für die Gesellschaft? Bin ich neugierig, flexibel, lernbegierig und fleißig? Weiter könntest Du Dich fragen: Kotzt mich die aktuelle Situation bei den „etablierten Medien” an? Bin ich eigentlich bescheuert, mich für einen Appel und ein Ei ausnutzen und wie ein Bittsteller behandeln zu lassen? Wieso werden gewisse Themen nie behandelt und andere unvollständig? Kann ich mich noch mit dem Medium identifizieren? Kann ich wirklich frei und kritisch arbeiten? Wenn Du dann weiter überlegst, dass nach einer DJV-Studie freie Journalisten rund 1.800 Euro und Pauschalisten rund 2.000 Euro brutto monatlich „verdienen” (was ich für schön gerechnet halte), dann musst Du nur noch die Frage stellen, ob man mindestens gleichziehen kann.Und die Antwort ist eindeutig: Ja. Das dauert ein bis zwei Jahre, um sich zu etablieren. Ich habe im ersten Jahr nur ganz wenig Kundenakquise betrieben, weil ich mich auf das Produkt konzentriert habe. Das war notwendig, weil mir ja Beispiele fehlten. Aber auch blöd, weil ich Geld verschenkt habe. Beides sollte aber besser zusammen entwickelt werden.

Wie willst Du andere Kollegen mit Istlokal zum Mitmachen in diesem Netzwerk motivieren bzw. sogar mit kostenpflichtigen Dienstleistungen überzeugen?

Die Istlokal Medienservice UG, die Peter Posztos [Betreiber des Lokal-Blogs Tegernseer Stimme, T.M.]und ich aktuell gegründet haben, bietet als Dienstleister die Unterstützung an, vor Ort ein erfolgreiches Angebot zu machen. Wir haben mittlerweile genug Erfahrung, um unseren Kunden zu helfen, schneller „in die Pötte” zu kommen. Wir übernehmen die technische Dienstleistung, also Hosting und Programmierung des Blogs, das individuell angepasst werden kann. Und da gehe ich als bestes Beispiel voran: Meine Blogs sind deutschlandweit mit am bekanntesten und ich wechsle bewusst auf das Layout der Tegernseer Stimme, weil ich nach intensiver Prüfung überzeugt bin, dass es meinem Auftritt überlegen ist und sowohl aus journalistischer Sicht als auch bei der Vermarktung viel bessere Möglichkeiten bietet.

Zusätzlich zur technischen Unterstützung wird es umfangreiche journalistische und geschäftliche Beratungen geben, also Todo-Listen, Verträge, Verkaufsargumente, Angebotsvorlagen, Themenangebote usw. Peter ist Diplom-Kaufmann und der betriebswirtschaftliche Geschäftsführer, ich bin für die journalistischen Angebote zuständig. Peter erreicht mit seinen lokalen Seiten schon fünfstellige Umsatzzahlen pro Monat, da er neben den Internet-Angeboten noch ein Magazin herausgibt, wozu ich ihn schon journalistisch beraten habe. Das Istlokal-Netzwerk betreiben wir weiter, denn wir sind davon überzeugt, dass alle besser fahren, wenn man sich austauscht und sich gegenseitig unterstützt.

Wird es Deine Blogs irgendwann auch auf Papier geben, beispielsweise in einer Monatsedition?

Für kommendes Jahr ist ein Printprodukt geplant – wir übernehmen das Layout des „Tegernseer Stimme“ Magazins [PDF der Print-Ausgabe vom April 2011, 36 S., 2,2 MB, T.M.]. Vermutlich werden wir mit zwei Ausgaben im Jahr starten. Aber nicht für Heddesheim alleine, sondern für die Region. Das Printmagazin ist übrigens Teil unseres Produkts, das wir über Istlokal anbieten – wer Kunde bei uns wird, kann das für sich nutzen.

Es ist schwierig, ein eigenes, professionell betriebenes Lokal-Blog auf die Beine zu stellen. Da möchte Istlokal mit seiner Erfahrung helfen. Warum dürfen Lokal-Blogs, die mit Medienhäusern kooperieren in diesem Netzwerk nicht mitmachen? (Mir ist da ein Kollege bekannt, der nicht bei Euch mitmachen durfte.)

Jedes Geschäft, das man beginnt, ist schwierig. Vor allem, wenn man dies in monopolistischen Märkten versucht und es keine Vorbilder für das Geschäft gibt. Und wenn man alles selbst machen muss, ist es eine unglaublich aufwändige Aufgabe, die sicherlich nur wenige ganz auf sich alleine gestellt leisten können. Mit einer professionellen Unterstützung reduzieren sich die Schwierigkeiten aber erheblich und die Aufgabe ist absolut lösbar. Man braucht aber den Willen, unternehmerisch tätig sein zu wollen. Ganz klar.

Grundsätzlich sind wir Kooperationen gegenüber sehr aufgeschlossen – allerdings nicht in einer Konkurrenzsituation vor Ort und schon gar nicht, wenn wir nicht den Eindruck haben, einen kompetenten Partner zu haben. Die meisten Verlagshäuser sind überhaupt nicht geeignet – ganz im Gegenteil beweisen sie seit langem eine schon fast stoisch „gepflegte” Inkompetenz in Sachen Internet und Journalismus. Die „Rhein-Zeitung“ ist da die einzige Ausnahme, die mir einigermaßen positiv auffällt.

Ein Beispiel: Der „Mannheimer Morgen“ hat vor einem Jahr auf meine Blogs reagiert und sein Buch „Rhein-Neckar” von drei auf sechs Seiten aufgebohrt. Seitdem gibt es noch mehr bratwurstfettige „Berichterstattung” – also jede Menge Blödsinn, jede Menge zugeschickte Artikel (zg), wenn Pressemeldungen umgeschrieben werden, sind die sich nicht zu schade, „von unserem Redaktionsmitglied” drüber zu schreiben und um die Seiten voll zu kriegen, gibts noch jede Menge „Eigenwerbung”. Traurig, aber wahr. Beim Zeitungsstreik hat irgendwer eine Facebook-Seite zum Thema aufgemacht [Streik Morgen, T.M.] – als ich dort kommentiert habe, wurden meine Beiträge gelöscht und ich blockiert. Das sagt alles.

Wenn Du auf ein Beispiel im süddeutschen Raum anspielst … Das ist definitiv keine „Kooperation”, sondern eine Verlagstochter. Und der Grund für die Unterstützung dürfte darin liegen, dass es einen Istlokal-Kollegen vor Ort gibt, der die Monopolzeitung gehörig unter Druck setzt.

Sprechen wir doch endlich mal über Journalismus: Wie hat es sich denn mit Deiner Tätigkeit als – mittlerweile fraktionsloser – Gemeinderat in Heddesheim und der Berichterstattung eingespielt?

Da ist alles beim Alten. Ich berichte als freier Journalist über alle Belange im Ort und nehme die ehrenamtliche Aufgabe als Gemeinderat weiterhin wahr. Die meisten Berichte über Gemeinderatssitzungen werden nachrichtlich verfasst – ich kommentiere später und mache transparent deutlich, dass ich verantwortlich für die Inhalte bin und nebenbei die Funktion eines ehrenamtlichen Gemeinderats ausübe.

Nach wie vor behindert mich das Ehrenamt beim Journalismus – ich bin bei vielen „Angelegenheiten der Gemeinde” zur Verschwiegenheit verpflichtet. Der Bürgermeister Michael Kessler nutzt das gezielt, um meine journalistische Freiheit zu beschränken – als ich mich in einer nicht-öffentlichen Sitzung für befangen erklärt habe, weil ich über das Thema berichten wollte, hat er mich angeschrien, mir eine Rüge erteilt und ein Ordnungsgeld angedroht, wenn ich den Raum verlassen sollte. Das Ordnungsgeld kann bis zu 1.000 Euro betragen und eine Mehrheit im Gemeinderat hat er dafür sicher. Die lauern nur darauf. Ich hätte mir gerne die 1.000 Euro geleistet, bin aber sitzengeblieben, weil ich das Geld sinnvoller investieren kann.

Im Ort mehren sich die Stimmen, die das Verhalten des Bürgermeisters und der Parteiköppe immer kritischer sehen – auch aus den „eigenen Lagern”. Da bin ich schon auf die nächste Wahl gespannt – ich prophezeie herbe Verlust für CDU, SPD und FDP, wenn die Grünen gute Kandidaten aufstellen oder es eine unabhängige Liste geben wird.

Deine Kritik an anderen Medien, insbesondere an der Lokalberichterstattung des „Mannheimer Morgen“, wird auch von Dir wohlwollenden Kollegen als völlig unangemessen und unkollegial, und – vielleicht viel schlimmer – an den Interessen des Lesers vorbei, beschrieben. Wirst Du weiterhin so intensive Medienschelte betreiben?

Dürfen Medien nicht kritisiert werden? Wer meine Kritik als „unangemessen” beurteilt, kritisiert mich doch auch? Ich lasse das zu und habe keine Probleme, kritisch betrachtet zu werden – ich fordere das sogar heraus. Darüber hinaus fühle ich mich mit vielen Journalisten in keinster Weise „kollegial” verbunden. Wer schlechte Arbeit macht, die Öffentlichkeit täuscht und betrügt sowie spezielle Interessen vertritt, der ist sicher nicht „mein Kollege”. Das beste Beispiel ist Stuttgart 21 – ohne die desinformative, interessengeleitete und vorgetäuschte „Berichterstattung” der entsprechenden Medien wäre dieser Skandal gar nicht möglich gewesen.

Viele Leserinnen und Leser haben leider wenig Medienkompetenz. Wie auch? Monopole wirken wie Diktaturen – es gibt keinen Wettbewerb um Meinungen und man kann sich keine anderen bilden und wenn doch, werden diese nie öffentlich. Viele Menschen glauben immer noch das, „was in der Zeitung” steht. Natürlich ist das unangenehm, wenn einem hier die Augen geöffnet werden. Persönlich sind mir rund 80 Leute im Ort bekannt, die aufgrund meiner Problematisierung den „MM“ gekündigt haben. Ganz klar sind auch darunter einige, die meine Berichte zu scharf finden und mich dafür kritisieren. Das kann ich nachvollziehen – aber ohne die Schärfe wären die Probleme nicht deutlich genug geworden.

Aus meiner Sicht betreibe ich keine Schelte – ich schreibe auf, was ist und habe dazu eine Haltung: Wenn etwas Dreck ist, dann nenne ich das auch Dreck. Ob beim „MM“ oder woanders, ist mir reichlich egal. Abgesehen davon: Wer meine Veröffentlichungen, ob als Artikel oder bei Facebook, Google+ usw. unvoreingenommen verfolgt, wird nicht nur die „Schelte” wahrnehmen. Ich lobe genauso exzessiv gerne gute und vorbildliche Arbeit, an der ich mich persönlich orientiere.

Ich lerne nämlich gerne dazu und es gibt auch für mich viel zu lernen. Beispielsweise von den Leuten von Fluegel.tv – alles keine Journalisten, die aber journalistisch gesehen eine so großartige Arbeit machen, dass der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann dem Internet-Sender vor kurzem ein Exklusiv-Interview angeboten und gegeben hat [siehe www.fluegel.tv/beitrag/2020, T.M.]. Chapeau!

Was den „Mannheimer Morgen angeht:“ Der Zeitungsstreik war doch insgesamt erbärmlich und 2013/14 „freue” ich mich schon auf das große Schlachten – manche werden vom Glauben abfallen, was passiert, wenn die Verlage aus den Tarifverträgen aussteigen und Redaktionen zum halben Geld auslagern werden.

Von meiner Seite her gibt es keine Solidaritätsgefühle oder Mitleid. Beispiel DJV: Man hat mich 2010 von einem Journalistentag ausgeladen, weil man über meine Kritik an einer „MM“-Redakteurin „empört” war. Eine ziemlich hochnäsige Reaktion. Man hätte mich auch in die Mangel nehmen können, aber dafür war man wohl zu feige oder zu ängstlich, ob ich dann nicht noch mehr sage, was man beim DJV lieber nicht hören will.

Welche erfreulichen journalistischen Aspekte und Erkenntnisse hat Dir Deine Arbeit mit den Blogs in den letzten Jahren geboten?

Du hast mich kurz nach dem Start vom Heddesheimblog als erster interviewt und damals habe ich gesagt: „Ich habe den Spaß meines Lebens.” Und: „Seinen Job lieben und die Leser ernst nehmen.” Beides gilt ohne Abstriche. Die Menschen diskutieren über unsere Arbeit, wir setzen Themen und werden mittlerweile als wichtiger Bestandteil der Gemeinden gesehen. Das ist ein toller Erfolg – nicht nur für uns, sondern auch für die Leserinnen und Leser. Die liefern uns exklusive Informationen und auch die Politik reagiert mittlerweile auf uns als Meinungsmedium.

In Weinheim sind wir zum Beispiel sehr intensiv mit der CDU im Austausch – großes Lob dafür, auch wenn es inhaltlich oft gegensätzlich läuft. Im Gegensatz dazu sind viele „Grüne” für uns enttäuschend, weil diese Zeitungen aus wertkonservativen Gründen bevorzugen und traditioneller als die CDU sind – die kapieren das aber auch zunehmend.

Wie sieht es denn mit den Zahlen aus , anfangs hast Du ja monatlich steigende Zugriffe vermeldet, seit einiger Zeit aber nicht mehr?

Das ist eine komplexe Frage. Wir kommunizieren 3.000 tägliche Leser über alle Blogs hinweg, weil wir diese Zahl garantieren können. Gerade im Lokalen kann man überhaupt nicht mit den riesigen Zahlen der großen Portale mithalten, das braucht man aber auch nicht. Denn es geht um relative Reichweite, oder Relevanz. Wenn ich am Beispiel Heddesheim von 3.000 potenziellen Lesern ausgehe (11.500 Einwohner), erreichen wir mit rund 1.000 Lesern rund ein Drittel der Haushalte. Das ist für viele Werbepartner langfristig ein wichtigeres Argument, als die schiere Anzahl an Page Impressions.

Tatsächlich haben wir immer wieder Artikel, die nach oben ausreißen. Auf dem Hirschbergblog erschien beispielsweise 2010 ein Artikel über Stuttgart 21, der in zwei Tagen 26.000 Mal aufgerufen worden ist [siehe Artikel „Stuttgart 21 Top-Thema auf dem Hirschbergblog”, T.M.] – wir wurden in der Community von den Nachdenkseiten und Fefes Blog verlinkt, dann ging es ab. Wir bekamen E-Mails und Kommentare sogar aus London, aus Moskau und der Türkei. Eine solch umwerfende Aufmerksamkeit ist schön, aber für das lokale Geschäft nicht wichtig.

Andere Texte, beispielsweise die Dokumentation, wie aus einem Altenheim mit Park ein Betonklotz mit drei Bäumen wurde, brauchte sechs Stunden zur Fertigstellung und fand am nächsten Tag 30 Leser. Zunächst enttäuschend. Ein Jahr später waren es 1.000, die sich dieses „journalistische Schwarzbrot” reingezogen haben.

Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit und die Nachhaltigkeit – im August beispielsweise sind die Zahlen um über ein Drittel eingebrochen, als wir Betriebsferien gemacht haben. Aber erstens brechen im Sommer überall die Zahlen ein, und zweitens heißt das, dass viele Leute im Archiv lesen, also Nachrichten über den Erscheinungstag hinaus interessant finden. Das kommunizieren wir auch gegenüber den Werbekunden – nicht die Masse ist entscheidend, sondern die Qualität und die Aufmerksamkeit. Das wird zunehmend verstanden. Die Zeitung ist ein tägliches Wegwerfprodukt – unser Angebot ist ein alltäglicher Begleiter.

Hast Du in der Zwischenzeit auch mal darüber nachgedacht, dieses Experiment zu beenden?

Ja, nicht nur einmal, vor allem zur Jahresmitte 2010, also nach einem sehr stressigen Jahr. Es war so anstrengend für mich und meine Familie, dass ich Sorge hatte, mir geht die Puste aus oder die Familie trägt einen Schaden davon. Auf unserer Hochzeitsreise 2010, die wir 2009 auf ein Jahr später verschoben hatten, habe ich sehr intensiv mit meiner Frau die Zukunft besprochen. Wir sind übereingekommen, dass 2011 die Entscheidung bringen muss: Die Einnahmen müssen steigen und die Belastung muss sinken. Beides ist eingetroffen. Es hat als Experiment angefangen und mittlerweile ist daraus eine großartige Aufgabe mit definierten Zielen geworden.

Und die Alternative wieder als freier Medienjournalist zu arbeiten?

Ich habe von 1994 bis 2006 sehr intensiv über Medienökonomie und -politik und Journalismus berichtet. Ich kenne also die gesamte Branche. Und ganz ehrlich? Ich könnte das Heulen kriegen, weil ich immer mehr Elend sehe. Wenn ich mir anschaue, wie wirklich fähige Journalisten wie ein Nikolaus Brender in eiskalter Kreml-Manier abgesägt werden können und andere mit Rückkehrgarantie mal den Regierungssprecher geben; wenn irgendwelche Hanseln den Reporter mimen, während andere für vollkommen überbewertete Talk-Shows den absoluten Reibach machen, wird mir einfach schlecht. Der klassische Journalismus ist eine ziemlich marode, verkommene Angelegenheit geworden. Reiner Medienjournalismus würde mir angesichts der vielen negativen Tendenzen überhaupt keinen Spaß mehr machen. Ich schreibe nämlich sehr gerne schöne Sachen und Erfolgsstories auf, vorbildliche Geschichten, an denen sich Menschen orientieren können.

Nach wie vor gibt es gute Redaktionen, für die ich gerne arbeiten könnte, aber ich wüsste nicht, ob mir die für ein Auskommen reichen würden. Im Lokaljournalismus schon gar nicht. Überregional findet man auch immer weniger Abnehmer, wenn man kritischen Journalismus machen will. Und ich bin aus Überzeugung freier Journalist und kein weisungsgebundener Arbeitnehmer. Journalismus und Anweisungen vertragen sich in meinen Augen nicht sonderlich gut, sondern führen zu dem, was heute viele umtreibt – der Erhalt der Stelle oder das Gieren nach einer ist wichtiger als der Inhalt der Arbeit. Das ist sehr erbärmlich.

Ausblick in den Mai 2014: Feiert das Heddesheimblog im Verbund mit Istlokal seinen fünften Geburtstag? Werden sich bis dahin lokale Blogs bundesweit etablieren? Und wie geht es bei den „Platzhirschen“, wie etwa dem „Mannheimer Morgen“ weiter?

Ich fange mit der letzten Frage an, damit hintenraus eine positive Aussicht steht. Der „MM“ hat seit Jahresanfang 2011 fast 3.000 Abonnenten verloren. Ganz sicher auch durch unsere Arbeit, aber noch viel sicherer, weil viele Leserinnen und Leser, die gar keines unserer Blogs kennen, ihre  persönliche Kritik am schlechten journalistischen Produkt mit der Abo-Kündigung quittieren. Aktuell kommt der „MM“ noch auf 71.000 Abos in einem Einzugsgebiet von über einer halben Million Einwohner – wenn die Zeitung so weitermacht, hat sie mit viel Glück 2014 noch 60.000 Abonnenten. Vermutlich aber noch weniger. Dann wird der MM ein Übernahmekandidat für die Montgomerys dieser Welt oder geht mit der „Rheinpfalz“ und/oder der „Rhein-Neckar-Zeitung „zusammen, weil der „MM“ und die anderen anders nicht überleben können. Die „Frankfurter Rundschau“, die „Süddeutsche Zeitung“ und andere lassen grüßen.

Für 2012 werden Peter Posztos und ich über die Istlokal Medienservice UG eine Volontärsstelle anbieten, die wir bald ausschreiben werden. Ziel ist die Ausbildung eines jungen Journalisten, der oder die dann in einer der beiden Redaktionen weiterbeschäftigt wird oder eigene Blogs im Verbund mit uns aufbaut oder übernimmt. Das wird ein sehr hartes Trainee-Programm werden und wer das durchsteht, wird sehr, sehr gut ausgebildet sein. Peter und ich rechnen bis 2014 mit einem Netzwerk von mehreren Dutzend Lokalblogs. Unsere Zielgröße sind 20 neue Netzwerkseiten pro Jahr, die das Produkt nutzen. Kunden, die die Vorteile des Netzwerks nutzen und die vor Ort selbständig und unabhängig journalistisch tätig sind. Das Heddesheimblog feiert seinen fünften Geburtstag und ist bis dahin auf ein Netzwerk von mehr als einem Dutzend Blogs gewachsen. Und wir werden – neben dem Alltagsgeschäft – kritisch, unabhängig und auch spitz erst über die dann stattfindenden Kommunalwahlen und im Herbst über die Bundestagswahl vor Ort berichten.

  • Facebook
  • Twitter
  • StumbleUpon
  • Diigo