Audio – das schwarze Schaf des Online-Journalismus

Schwarzes Schaf

Audio wird im Online-Journalismus noch stiefmütterlich behandelt. Das liegt auch daran, dass zu wenig Experten in die Entwicklung neuer Projekte einbezogen werden – oder sich überhaupt dafür interessieren, meint Martin Hoffmann.

Fast jeder kennt es wohl aus seiner eigenen Familie: Reist man zur groß angelegten Silberhochzeit von Tante Karla und Onkel Klaus, die für die Gäste zur Party des Jahres werden soll, ist dort auch immer dieser eine Typ. Dieser Typ, den alle nur mit abschätzigen Blicken betrachten. Mit dem sie eigentlich nichts zu tun haben wollen. Den sie aber trotzdem irgendwie in die Familie integrieren müssen.
Genau wie es dieses schwarze Schaf in den allermeisten Familien gibt, gibt es eine ähnliche Situation auch im Online-Journalismus. Nur dass das schwarze Schaf hier nicht seit 30 Jahren alkoholkrank ist und Jürgen, Günther oder Dieter heißt. Nein, das schwarze Schaf des Online-Journalismus heißt: Audio.

Gute Beispiele? Mangelware!

Denn es gibt kaum gute Beispiele, in denen Töne im Online-Journalismus wirklich sinnvoll eingesetzt werden. So kommt es, dass selbst einfachste Ideen, wie die Teenager-Tagebücher, die Spiegel Online im Dezember veröffentlicht hat, oder das “Olympic Musical” der New York Times, als herausragende Beispiele herhalten müssen, um zu zeigen, was im Online-Journalismus audiotechnisch möglich ist.

Woran liegt das? Zum einen glaube ich, dass es noch viel zu wenig Radio-Journalisten gibt, die sich wirklich mit den neuen Möglichkeiten des Internets auskennen. In vielen Teams, die multimediale Formate entwickeln und produzieren, gibt es häufig Experten für alle möglichen Bereiche: Bewegtbild, Flash, Datenjournalismus, Fotos, Programmierung usw. Aber ein Spezialist für Audio? Ich zumindest habe davon noch nie gehört (Hinweise darauf sind aber natürlich in den Kommentaren trotzdem gern gesehen!). Und das, obwohl doch eigentlich gerade Radio-Journalisten für solch einen Job prädestiniert sein sollten.

Letzte Hoffnung Audio-Slideshow?

Zum anderen denke ich, dass vielen Journalisten einfach noch nicht ganz klar ist, welche emotionale Wirkung man schon mit einfachsten tontechnischen Mitteln erreichen kann. Die alte Filmerweisheit, dass das Publikum eher ein schlechtes Bild verzeiht, aber keinesfalls schlechten Ton, sollte doch eigentlich jedem da draußen geläufig sein, oder? Wieso nur wird sie so selten auf den Journalismus im Netz übertragen?

Sicher, es gibt Mischformen wie die Audio-Slideshows, die mittlerweile auch die Websites einiger deutscher Nachrichten-Portale zieren (z.B. die “Berlin Folgen” bei taz.de oder die “Nahaufnahme Berlin” des Tagesspiegels). Doch auch dort stehen in vielen Fällen die Bilder im Vordergrund.

Es bleibt dabei: Töne werden – ganz im Gegensatz zu den visuellen Reizen – eher stiefmütterlich behandelt. Das ist der Grund dafür, dass ich immer wieder das Gefühl habe, das Ende der Fahnenstange von sinnvollem Audio-Einsatz im Online-Journalismus bis jetzt noch nicht wirklich zu Gesicht bekommen zu haben. Oder sehe ich das falsch?

Gastautor Martin Hoffmann studierte in Darmstadt Online-Journalismus und macht derzeit ein trimediales Volontariat beim MDR.de. Dieser Beitrag wurde zuerst in seinem Blog veröffentlicht.

Foto: Tony Roberts/ Pickersgill Reef | Creative Commons BY-NC-SA 2.0

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

… im übrigen Internet

  • Jan Eggers erklärt, warum er nicht mehr an Audio-Slideshows im Redaktionsalltag glaubt.
  • Der Schweizer TV-Sender SF2 experimentiert mit einer Verknüpfung zwischen Radio und Fernsehen.
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