Datenjournalismus als Geschäftsmodell

OpenDataCity Homepage mit Referenzprojekten

Der SZ-Zugmonitor hat den Datenjournalismus in Deutschland um ein Referenzprojekt bereichert und ist in der Szene oft und meist positiv besprochen worden. Weitaus weniger im Rampenlicht steht die Agentur, die hinter dem Zugmonitor steckt: OpenDataCity. Ein Porträt.

Am 9. März 2012 ging auf sz.de ein ambitioniertes datenjournalistisches Projekt online: der Zugmonitor ist als “Decoder für den Bahn-Stau” (Chefredakteur Stefan Plöchinger) gedacht, der Ausmaß und Ursachen der Verspätungen von Fernzügen bei der deutschen Bahn in einer interaktiven Grafik dokumentiert. Umgesetzt wurde das Projekt von der Datenjournalismus-Agentur OpenDataCity. Dahinter stecken die Journalisten Lorenz Matzat und Marco Maas, sowie der Software-Entwickler Michael Kreil. Ende 2010 haben Matzat und Maas Open Data City (ODC) gegründet (Kreil kam im Sommer 2011 dazu) und einige der bekanntesten datenjournalistischen Anwendungen in Deutschland auf die Beine gestellt: Zum Beispiel die Fluglärmkarte BBI für die taz, die verräterischen Handy-Daten von Malte Spitz für Zeit Online und nun eben den Zugmonitor für die SZ. Die drei Partner bzw. Gründer machen nicht alles alleine, sondern arbeiten zusammen mit einem Pool von Freiberuflern vor allem Programmierern und Designern, die auf Werkvertragsbasis für die Agentur tätig sind.

Datenjournalismus als “programmierte Artikel”

Im Vertrieb geht OpenDataCity wie ein Freier Journalist vor, der Redaktionen Artikel anbietet, ODC offeriert eben “programmierte Artikel”, wie Mitgründer Lorenz Matzat sagt. Um Aufträge an Land zu ziehen, gibt es verschiedene Wege: Zum einen das Modell: OpenDataCity sucht sich Kunden für seine Ideen: “Wir machen die Sachen, die wir selbst interessant finden, schreiben ein Exposé und bieten das an”, sagt Matzat. So war das beim Zugmonitor, der dann noch an den sz.de-Look&Feel angepasst wurde.
Manchmal kommt ein Kunde mit einem Datensatz zu ODC (Zeit-Vorratsdaten, taz: was Facebook über Dich weiß) und drittens ergeben sich gelegentlich Aufträge aus einem Beratungsprozess.

Je nach Umfang und Tiefe der Anwendung fallen unterschiedlich hohe Kosten an. Der Preis richtet sich auch danach, ob der Datensatz schon vorliegt (wie bei den Handy-Vorratsdaten) oder erst ausgelesen und erstellt werden muss wie beim Zugmonitor. Genaue Zahlen sind natürlich Geschäftsgeheimnis, aber der Zugmonitor hat eine fünfstellige Summe gekostet, verrät Matzat. Zwar hat die Agentur bislang vor allem für Zeitungen gearbeitet, den potenziellen Kundenkreis zieht ODC aber viel größer: So ist man auch mit Universitäten, Stiftungen und NGOs im Gespräch.

Team aus Journalist, Programmierer und Designer

Neben dem Konzeptionieren, Recherchieren, Designen, Programmieren und Implementieren bieten die Open Data City-Leute auch Beratung und Trainings an, in der Regel jeder auf eigene Rechnung. Lorenz Matzat erwartet, dass der Markt für Datenjournalismus wachsen wird: “Zum Teil werden Verlage versuchen, Datenjournalismus-Teams aufzustellen, zum anderen wird es weitere Agenturen geben.”

Und was macht ein Datenjournalismus-Team aus? Lorenz Matzat empfiehlt ein Dreier-Team:

  1. einen Journalisten, der das Thema und die Daten recherchiert und die Anwendung konzipiert. Dabei sollte er wissen, was technisch möglich ist und welche Anforderung welchen Aufwand verursacht. Beim Journalisten laufen alle Fäden zusammen, er ist mit einem Filmproduzenten vergleichbar.
  2. ein Programmierer, der auch Scraper (Programme zum Auslesen von Daten aus einer Website) bauen kann
  3. ein Designer, der für eine ansprechende Optik sorgt und eine gute Usability der Anwendung gewährleistet.

Beim Zugmonitor waren viele SZ-Printredakteure sehr angetan von den Möglichkeiten des interaktiven Storytellings. “Die Onliner fühlen sich erst genommen, weil nur sie das können”, erinnert sich Matzat. Gute Aussichten für den Datenjournalismus, eine junge Disziplin, die die Zukunft noch vor sich hat.

 

Als thematisch passende Ergänzung poste ich hier noch meinen Vortrag zum Datenjournalismus, den ich am 17. April auf einer Tagung des Mediencampus Bayern gehalten habe:

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