SZ-Social-Media-Presseschau: Warum, wie, was nicht?

Social-Media-Presseschau der SZ (Screenshot [M])

“Meistgelesene Beiträge” oder “Meistempfohlen” sind Features auf vielen (News-)Websites. Die Süddeutsche Zeitung ist einen Schritt weiter gegangen. Ihre neue “Facebook-Twitter-Presseschau” namens “Leser empfehlen” zeigt auch an, was die Leser bei anderen Online-Medien gerne lesen. Chefredakteur Stefan Plöchinger erläutert im Interview mit onlinejournalismus.de die Technik dahinter, warum er die Grenzen der eigenen Website aufbricht und wieso es bisher auf dem deutschen Markt noch keinen großen erfolgreichen News-Aggregator gibt.

Herr Plöchinger, wie funktioniert Ihre Presseschau technisch? Wo greifen Sie die Daten ab?

Wir nutzen die normalen RSS-Feeds der Medien und fragen für jeden Text bei Twitter und Facebook per API an, wie oft er getwittert oder geliket wurde. Technisch ist das gar nicht aufwändig – mich wundert, dass das so noch keiner vorher gemacht hat. Wir kamen darauf, weil wir das Gleiche mit unseren eigenen Texten schon lange als “Leser empfehlen”-Funktion angeboten haben und uns dann fragten: Wieso nicht für andere Medien?

Nach welchen Kriterien haben Sie die präsentierten Medien ausgewählt?

Wir haben uns in der Redaktion gefragt, auf welchen Internet-Seiten wir besonders oft exklusive oder publizistisch herausragende Geschichten finden, und wollten eine simplere Übersicht über diese Texte. So entstand die Presseschau; sie war zunächst intern gedacht. Es gibt in jeder Redaktion ein sogenanntes “relevant set” wichtiger anderer Medien, und diese Presseschau spiegelt so etwas wie das kollektive “relevant set” unserer Redaktion.

Interessant ist übrigens, dass man schon nach wenigen Tagen sehen kann, dass unsere Leser ähnlich ticken wie wir. Spiegel, Zeit, FAZ, New York Times, Guardian sind die meistgeklickten Titel der Presseschau – das sind auch jene, auf die ich selber am meisten schaue.

Es gibt schon Kritik an der Auswahl – so zum Beispiel, dass sie sich auf die Websites klassischer (Print-)Medien beschränkt. Was sagen Sie dazu?

Auch in unserer Redaktion vermissen manche einzelne Titel. Zurecht, aber wir können vom Aufwand her keinen kompletten Aggregator aller irgendwie publizistisch relevanten Seiten programmieren; das wird zu kompliziert. Wir überlegen seit längerem, ob wir es jedem Nutzer einfach ermöglichen sollen, sein eigenes “relevant set” in seinem Browser hinzuzufügen. Und wir überlegen, ob wir die Auswahl noch mal justieren sollen.

Sie kritisieren, dass deutsche Online-Medien kaum externe Links setzen. Woher rührt diese Denkweise – und sind hier Änderungen zu erwarten?

Ich kenne keine Redaktion, in der es ein Link-Verbot gibt. Oft fällt es im Alltag beim Schreiben nur hinten runter, weil es auch so genug zu tun gibt. Anderes ist einfach wichtiger – das ist die Denke, die man kritisieren kann. Wer einen anderen zitiert oder sich anderweitig auf ihn bezieht, sollte ihn verlinken, der guten Gepflogenheiten halber. Ändern wird sich das mit der Zeit, indem wir Chefs sagen: Verlinkt bitte! Und stört Euch nicht daran, dass unter den Verlinkten Konkurrenten sind. Die Leser werden den Umstand, dass wir auf Rivalen verweisen, als Größe bewerten. Das strahlt auf uns zurück. Die gleiche Debatte gibt es übrigens bei Fehlerkorrekturen unter Artikeln: Sollen wir da wirklich eingestehen, dass wir fehlbar sind? Ja! Die Leser werden uns als eher noch akkurater wahrnehmen, wenn wir uns korrigieren.

Es gibt zwar socialmediabasierte Dienste wie Buzzrank Curator, Virato oder Rivva – aber keinen umfassenden Nachrichtenaggregator für den deutschsprachigen Raum. Warum baut den niemand? Was würden Sie sich hier wünschen?

Wir haben unsere Presseschau gebaut, weil das das Angebot war, das wir vermisst haben. Was dagegen die Masse gewöhnlicher Nutzer vermisst, also: In welche Lücke ein Super-Nachrichtenaggregator stoßen könnte, ist eine andere Frage. Ganz offen: Vielleicht baut ihn niemand, weil ihn zu wenige wirklich brauchen? Wir merken, dass in Deutschland klassische Medienmarken schon noch eine starke Ausstrahlung haben. Reine Aggregatoren sind eher Nische, abgesehen mal von Google News. Irgendwie macht einem das ja auch Mut als SZ.

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