Bye, bye, Gatekeeper, welcome Factchecker!

Durch das Internet haben Journalisten einen Teil ihrer Deutungshoheit verloren, sagte Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen auf den Medientagen München. Im Netz konstatiert er ein “Agenda-Setting von unten”. Statt das von der Hand zu weisen und sich über die “Empörungsmaschine Internet” zu echauffieren, sollten sich Journalisten darauf konzentrieren, die empörenden Behauptungen durch faire und erhellende Recherche in den richtigen Kontext zu stellen.


Ist Annette Schavan Doktorarbeit wissenschaftlich sauber? Ist ein provokatives Video über Muslime von der Meinungsfreiheit gedeckt? Macht man sich zum Handlanger der US-Demokraten, wenn man Mitt Romneys nicht-öffentliche Sozialschmarotzer-Rede groß aufmacht?

Diese drei aktuellen Beispiele werfen für Journalisten zwei grundlegende Fragen auf: Wie steht es heute um ihre Themensetzungshoheit? Und: Welche ethische Verantwortung müssen Medien beweisen, wenn sie über diese Fälle berichten?

 

Prof. Bernhard Pörksen beim Content-Gipfel auf den Münchner MedientagenDer “Content-Gipfel – Skandalös investigativ? Zur Verantwortung und Glaubwürdigkeit der Medien” (warum kann man statt “Content” in diesem Zusammenhang nicht “Recherche” sagen?) befasste sich zum Abschluss der Münchner Medientage mit diesen Fragen. In seinem unterhaltsamen Impuls-Referat stellte Prof. Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen die These auf, dass es im Netz Agenda-Setting von unten gibt. Von Nicht-Journalisten online publizierte Aufreger wie Schavanplag, das Romney-Video oder das Mohammed-Video würden durch mediale Berichterstattung verstärkt. Die klassische Gatekeeper-Rolle von Journalisten sei Geschichte.

Diese Beobachtung ist für Journalisten unbequem, aber sie ist richtig. Die Zeiten, in denen Journalisten in den traditionellen Massenmedien die Agenda der Menschen bestimmt haben, sind vorbei. Das Internet, das jeden in die Lage versetzt, seine eigene Meinung (theoretisch weltweit) sichtbar zu publizieren, war ein echter “Game Changer”. Natürlich haben klassische Medienmarken noch immer eine Stimme, aber nur noch eine Stimme von vielen. Der Chor ist ungleich größer geworden, manchmal mag er auch eine Kakophonie sein. Doch die Leitfunktion, wie sie Nikolaus Blome, der stellvertretende Chefredakteur der Bild-Zeitung, auf den Medientagen speziell für Printmedien reklamierte, ist selbst für große Tanker wie Bild im Schwinden, wie das Springer-Blatt zum Beispiel in der Causa Guttenberg erfahren musste.

Journalisten verlieren Deutungsmacht

Auch Professor Pörksen sieht das so: “Die massenmediale Mediendemokratie wird durch die digitale Empörungsdemokratie abgelöst”, sagte er auf den Medientagen. Und eben diese Empörungsdemokratie drohe die Deutungshoheit klassischer Medien zu brechen: “Die Deutungsmacht der wenigen verwandelt sich in die Meinungsmacht der vielen.” Auch wenn das den arrivierten Leitartiklern und Kolumnisten nicht schmecken mag: Ihre Rolle als exklusive Gatekeeper, die entscheiden, was ihr Publikum an Nachrichten erfährt und was nicht, ist passé.

Die journalistische Sicht der Dinge wird vielleicht nicht öfter hinterfragt als früher, aber die Leute, die ihre Kommentare hinterfragen, können das nun öffentlich tun – und wenn es sich dabei um gut vernetzte Leute handelt, verbreitet sich das auch schnell – willkommen in der Gegenöffentlichkeit. Und dann gibt es diejenigen, die Bild, Bams und Glotze ignorieren und unabhängig davon ihre Sicht zu Guttenberg, Schavan, Romney oder Mohammed publizieren. So sind die Interpretationen von SZ, Spiegel, Bild, Tagesthemen oder Deutschlandradio nur noch Inseln im riesigen Meinungsozean, wenn auch größere als die der ungezählten Blogger, Wiki-Autoren oder Twitterer.

Aufklärung als Profilierungschance

Ja, das Internet taugt zur Empörungsmaschine, “die Übergänge zwischen der Beschleunigung der Ereignisse, der Empörung und purer Skandalisierung um ihrer selbst willen sind fließend”, sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey auf dem “Content-Gipfel”. Doch genau da liegt eine große Chance der Medien, ihr Profil zu beweisen und mit gründlicher Recherche Unterstellungen und Behauptungen zu bestätigen oder doch zu falsifizieren. Bye, bye, Gatekeeper, welcome Factchecker!

An diesem Punkt setzt auch Professor Volker Lilienthal an, der den “Content-Gipfel” moderierte:

“Verdachtsberichterstattung ist zwar zulässig und legitim, erfordert aber das Bewusstsein darüber, welche Folgen damit verbunden sein könnten. Ein Verdacht allein genügt nicht für eine ausgewogene Berichterstattung. Deshalb ist die Halbsekunde zur Hinterfragung eines Sachverhaltes absolut unverzichtbar.”

Es darf gerne auch mehr als eine Halbsekunde sein – am besten so viel Zeit,  dass der Verdächtigte Gelegenheit hatte, sich zu erklären. Eine Maxime, die im immer schneller getakteten (Online-)Journalismus leider nicht immer eingehalten wird.

 

Bild: Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen bei seinem Impuls-Referat auf dem Content-Gipfel der Medientage München. Foto: Medientage München

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