Erfahrungen aus Schreibkursen für Print- und Online-Debütanten

In den vergangenen Jahren habe ich einige Lehraufträge gegeben und Weiterbildungsseminare gehalten, in denen Schreibwerkstätten im Vordergrund standen. Am Anfang der Angebote stand immer eine fachjournalistische Einführung, etwa in die Themengebiete Wissenschaftsjournalismus oder Klimawandel. Doch dann ging es mit den Teilnehmern, die aus der Wissenschaft kamen und Journalisten werden wollten oder sich als Studierende zum ersten Mal dem Schreiben näherten, um handfeste Themen einer Schreibwerkstatt: Stilistik, Textanalysen, Sprachdiskussionen, Einstiege und Ausstiege, Unwörter, Wissenschafts- und Behördensprache.

Dabei habe ich Klassiker vermittelt: Nominalisierungen verhindern, kurze Sätze nehmen, Adjektive dosieren, Fremdwörter möglichst vermeiden, starke Verben suchen und dergleichen. Mir ist aber im Laufe der Lehre klargeworden, dass die Teilnehmer damit nur bedingt etwas anfangen konnten und diese Grundregeln auch nicht immer zutreffen. Weil journalistische Sprache doch auch stark von ihrem Kontext abhängt.

Soll heißen: Auch Medium, Redaktion, journalistische Gattung und/oder Sendeformat bestimmen, welcher Ton getroffen werden kann. Und auch die Länge und der Zeitdruck sind Parameter, die letztlich den Arbeitsrahmen ausmachen. Denn wenn ich eine einfühlsame, lange Reportage im Auge habe, plötzlich aber nur noch Zeit für ein viel kürzeres Feature habe, muss ich umdenken – auch sprachlich.

Grundlegende Ökonomie

Ich nenne diesen ganzen Komplex „Arbeitsökonomie“. Sich darüber in solchen Übungssituationen und Schreibwerkstätten, in denen oft reale Situationen simuliert werden, von Anfang an klar zu werden, hilft den Teilnehmern sehr. Es erspart Missverständnisse und ermöglicht einen klaren Arbeitsrahmen.

Die nächste Ebene, die von den schlichten Stilistik-Grundlagen wegführt und didaktisch mehr einbringt, nenne ich „Sprachlogik“. Hier habe ich vier Punkte in den Schreibtrainings für Einsteiger ausgemacht, die ich einmal hervorheben möchte – nicht, weil sie ganz neu sind, sondern weil sie mir immer wieder auffallen und ich sie für die häufigsten Fehler halte, die Schreibanfänger machen.

Sich dieser Muster bewusst zu werden, kann den Schreibenden mehr helfen als alleine nur auf die kleinteiligen, klassischen Stilistikregeln zu achten. Im Idealfall geht beides ineinander über.

Übermaßverbot: Weniger ist mehr

Der erste Punkt ist das „Übermaßverbot“, angelehnt an einen Grundsatz aus der Rechtsprechung. Das ist vielleicht der häufigste Fehler, den ich beobachte: Die Schreibenden wollen zu viel auf einmal, verbinden vier oder fünf Geschichten in einer. Sie reißen Themen nur an und erzählen sie nicht zu Ende. „Weniger ist mehr“ ist die Botschaft, die da wichtig ist, auch oft wiederholt. Die Fokussierung auf einen Hauptaspekt einer Geschichte ist für ihre Klarheit und damit Verständlichkeit essentiell. Für Schreibanfänger scheint hier ein besonderes Problem zu liegen.

Aber man kann Abhilfe schaffen: bewusst Denkpausen vorgeben, bevor das Schreiben beginnt. Und vorher auf das Problem aufmerksam machen. Oder in Zweier-Gruppen den anstehenden Beitrag erst einmal mündlich erzählen lassen. Denn das Erzählen beinhaltet einen intuitiven Selektionsprozess, der automatisch einen gewissen Fokus schafft – im Idealfall bis zum „Küchenzuruf“, dem spontan und einfach dahingesagten Kern der Geschichte.

Groß genug für alles

Der zweite Punkt geht schon mehr in die Stilistik und Wortkunde hinein: Es geht um „Scheunentorbegriffe“ – unklare Wörter bzw. Worthülsen, in die fast alles hineinpasst. Die man aufmacht, die Bedeutungen hineinstopft, verschließt und dann weiterschreibt.

Es sind Wörter wie „Innovation“, „Bereich“, „Vorhaben“, „Projekt“ oder „Maßnahme“, die vermeintlich für etwas stehen, aber genau besehen nichts aussagen. Sie vernebeln, gaukeln Genauigkeit und Wichtigkeit vor, lösen dies aber niemals ein. Sie entstehen, wenn Pressemitteilungen oder Studien in Fachsprache geschrieben sind und der Schreiber diese übernimmt. Oder wenn nicht genau genug recherchiert wurde. Und auch durch Zeitdruck, denn diese Begriffe verführen gerade dazu, in sich in der Eile mit ihrer vermeintlichen Genauigkeit zufriedenzugeben.

Es ist sinnvoll, Wortlisten zu führen und diese Scheunentorbegriffe zu sammeln – auch wenn ich sonst von Listen mit „Unwörtern“ nicht immer so viel halte, ähnlich wie von Generalverboten für Wörter mit „ung-Endung“.

Artverwandt sind die „ungedeckten Schecks“, die wieder mehr auf der sprachlogischen als auf der reinen Stilebene liegen und besonders oft im Wissenschaftsjournalismus zu finden sind. Es geht schlichtweg darum, komplexere Begriffe, meist Fachwörter, nicht anzusprechen ohne ihre Bedeutung zu erklären. Sei es, von Doppelblind-Studien zu schreiben ohne zu erklären, was sie in der Medizin bedeuten. Oder mal so nebenbei von der CO2-Abscheidung zu sprechen ohne zu erläutern, um was es dabei geht.

Ich konnte bei Recherchen in den vergangenen Monaten öfter lesen, dass Europas Fischbestände künftig nachhaltig befischt werden sollen, und zwar nach dem Prinzip des „maximalen Dauerertrags“. Danach wurde munter weitergeschrieben, über andere Reformideen wie Subventionskürzungen, mehr Schutzgebiete oder strengere Kontrollen – ohne zu erklären, was der „maximalen Dauerertrag“ genau ist: die Fangmenge, die ein regionaler Fischbestand langfristig höchstens hergeben kann, ohne seine Reproduktionsfähigkeit einzubüßen.

Über die Brücke

Auf solche ungedeckten Schecks lassen sich Texte gezielt lesen. Tun es die Schreibenden, fallen ihnen öfter die Wörter direkt ins Auge. Den letzten Punkt kann ich nur kurz benennen, weil er sehr stark vom Thema abhängt und sich schlecht verallgemeinern lässt. Es geht um „Brückenbrüche“: Übergänge zwischen Absätzen, bei denen plötzlich der Textfluss und die Logik verloren gehen. Dass lässt sich beim Redigieren sehr oft beobachten. Man kann nur immer wieder auf diese spezielle Gefahr aufmerksam machen und dann schauen, was daraus wird. Im besten Fall Texte, die logisch und sprachlich einfach so dahinfließen.

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