Geballter Hintergrund im Kollaborationsverfahren

Julius Endert berichtet bei seinem neuen Projekt Netz-Lloyd über eine Studie zum Entstehen von Wikipedia-Artikeln bei Breaking-News-Themen. Brian Keegan, Doktorand an der Northeastern University in Boston, hat deren Entstehung untersucht.


Als Untersuchungsobjekte dienten die Artikel verschiedenen Amok-Läufen der jüngeren Zeit aus der englischsprachigen Wikipedia. Im Fokus stand dabei, wie oft und von wem die Artikel bearbeitet wurden.

Die ersten Einträge beschäftigten sich noch mit den Reaktionen auf das Ereignis, danach würden mehr und mehr Hintergrundinformationen zusammengetragen. Nach und nach würde auch die Zahl der verschiedenen Bearbeiter zurückgehen und wenige Autoren würden ein Art Chef-vom-Dienst-Funktion übernehmen.

werden Keegans Beobachtungen im Netz-Lloyd zusammengefasst.

Mathew Ingram sieht bei Gigaom in der Artikelentstehung eine “Crowdsourcing-Verifikation a la Andy Carvin von NPR im großen Maßstab” und fragt: Könnte herkömmliche Online-Medien ihre Seiten zu Breaking-News-Artikel “in eine Art Wikipedia-Artikel verwandeln oder nicht?”

Derzeit (spätestens seit 2011 mit Arabischem Frühling und Fukushima ist das deutlich geworden) ist für Online-Medien bei überraschenden Großereignissen der Liveticker bzw. ein Liveblog die Darstellungsform der Wahl. Informationen werden chronologisch in der Reihenfolge ihres Bekanntwerdens eingearbeitet. Gegebenenfalls werden überholte oder falsche Informationen in neuen Einträgen korrigiert (meist, ohne die Erstmeldung selbst zu verändern).

Einordnung und Key Facts

Gute Ticker-Formate wie BBC News ergänzen diese Darstellung durch eine knappe Zusammenfassung der wichtigsten Informationen in Bullet-Points. Prozessjournalismus hin, Crowdsourcing her, genau das erwarte ich nämlich auch weiterhin von Nachrichtenjournalismus: nach Relevanz gefilterte, schnell erfassbare, zusammengefasste Information für alle, die nicht erst ein komplettes Live-Blog, einen seitenlangen Wikipedia-Artikel oder gar sämtliche darin verlinkten Quellen nachlesen möchten. Klasssische Nachrichtenbeiträge, die den Informationsstand zu einem bestimmten Zeitpunkt abbilden, haben deshalb auch weiterhin ihre Berechtigung.

Faktenfülle und -dokumentation

Dem gegenüber stehen unbestreitbare Stärken eines kollaborativ erstellten Wikipedia-Artikels, die sich vielleicht nicht so sehr bei punktuellen Nachrichtenanlässen wie den in der Studie aufgegriffenen Amokläufen, sondern gerade bei komplexen, sich über einen längeren Zeitraum entwickelnden Ereignissen zeigen: Der ausführliche Artikel über das Reaktorunglück in Fukushima oder den “Nationalsozialistischen Untergrund” enthalten eine Fülle von Details, wie sie auch in den besten Nachrichtenredaktionen durch unvermeidliche Schicht- und Personalwechsel und Schwerpunktsetzung bei der Berichtstattung leicht in Vergessenheit geraten:

  • Welche Reaktor wurde wann wie weit herunter gefahren? Was waren die letzten Messwerte?
  • Welche Vorwürfe legen die Ermittler welchem Verdächtigen zu Last und welche Verbindungen zu anderen Beschuldigten hat er laut welchem Pressebericht?
  • Ganz allgemein: Wann wurde ein bestimmtes Zitat geäußert, eine Behauptung möglichweise bereits widerlegt?

Solche Details werden in der Redaktionspraxis häufig von unterschiedlichen Bearbeitern zu unterschiedlichen Zeitpunkten mühsam noch einmal recherchiert (oder eben nicht) – ganz abgesehen davon, dass sie den Umfang jedes Einzelbeitrags sprengen würden. Wikipedia kann hier glänzen (auch wenn nicht in jedem Fall tatsächlich so ist).

Beides hat also seine Berechtigung – und es lohnt sich also wirklich, darüber nachzudenken, wo und wie Crowdsourcing Nachrichtenjournalismus bei Recherche, Verifikation und Einordnung unterstützen kann.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de:

… im sonstigen Internet:

Falls die Diskussion sich noch weiter dreht, vorsichtshalber auch als Storify:

Breaking-News-Artikel bei Wikipedia

Storified by Fiete Stegers· Sat, Jan 12 2013 08:04:24

Ein Tweet von Frederic Huwendiek wies auf einen interessanten Artikel von Julius Endert hin:
Wikipedia-Artikel bei Breaking News: "Journalismus der Vielen" http://www.netz-lloyd.de/2012/12/23/wikipedia-journalismus-der-vielen/ (via @carta_ ) #älteraberlesenswertFrederic Huwendiek
… der eine kleine Untersuchung von Brian Keegan zur Entstehung von Breaking-News-Artikeln hinwies:
Sandy Hook School massacre | Brian KeeganIf you follow me on Twitter, you’re probably already well-acquainted with my views on what should happen in the wake of the shooting spre…
GigaOm dreht das Thema weiter:
What Wikipedia can tell us about the future of newsA researcher who specializes in analysing the way that information flows through Wikipedia during a breaking news event compared the way …
Spannender als punktuellen Breaking News finde ich, wie Wikipedia bei länger andauernden komplexen Nachrichtenlage seine Stärke gegenüber klassischen Nachrichtenredaktionen ausspielen kann. Weil dieser Gedanke nicht in 140 Zeichen auszuführen ist, einige Worte mehr dazu bei onlinejournalismus.de: 
onlinejournalismus.de " Geballter Hintergrund im KollaborationsverfahrenJulius Endert berichtet bei seinem neuen Projekt Netz-Lloyd über eine Studie zum Entstehen von Wikipedia-Artikeln bei Breaking-News-Theme…
Weitere Meinungen?

  • Facebook
  • Twitter
  • StumbleUpon
  • Diigo