„Ich mache hier die Online-Gemeindezeitung“

Screenshot Eimsbüttel-Seite auf Facebook

Hyperlokaler Journalismus gilt als das nächste große Ding. Vor allem online. Ohne es beabsichtigt zu haben, ist Mareke Stein (30) aus Hamburg auf diesem Gebiet zur Vorreiterin geworden.  Hier spricht sie über Bürgersinn, Crowdfunding und verrät, was einen Blog überleben lässt.

Zwar experimentiert zum Beispiel das Hamburger Abendblatt (Axel Springer) derzeit mit einem großen aber wenig beachteten Straßentest. Doch wie hyperlokale Projekte genau anzugehen sind und wie sie zu finanzieren wären, darüber herrscht bei den großen Verlagen offenbar noch wenig Klarheit. Noch sind Blogger wie Mareke Stein (30) für die Verlagsriesen keine Konkurrenz. Doch das könnte sich ändern. In ihrer Freizeit betreibt die 30-Jährige einen Stadtteil-Blog, eine Facebookseite und ein Twitter-Profil mit Nachrichten aus dem Viertel. Es geht um neue Geschäfte und Boutiquen, um Falschparker, kleine Hundehaufen und große Veranstaltungen. Rund 5000 Menschen wollen genau das lesen. Rund jeder zwölfte Eimsbüttler folgt Stein mittlerweile auf Facebook und Twitter oder liest ihren Blog. Hier verrät sie das Geheimnis ihres Erfolges.

 

 

Mareke, du bist eigentlich Informatik-Kauffrau und betreust die Facebook-Seite eines Hamburger Unternehmens. Wie bist du darauf gekommen, in deiner Freizeit Neuigkeiten aus deinem Stadtteil zu posten?

Mareke Stein: Ich bin 2008 hier ins Viertel gezogen und habe bemerkt, dass meine Freunde hier nur die U-Bahn-Station kennen, ihren Nachhauseweg, den Asiaten ums Eck und dann noch ihre eigene Haustür. Ich habe gemerkt, dass ich den Stadtteil schnell besser kannte als Leute, die schon länger da sind und wollte das Wissen weitergeben.Hier gibt’s so viel Kram und viele haben davon keine Ahnung. Eimsbüttel hat schließlich viel zu bieten. Deshalb habe ich 2009 angefangen, die Menschen und den Stadtteil in dem sie leben zusammenzubringen. So etwas hat mir schon immer gelegen.

Das kommt offenbar gut an. Wenn man das hochrechnet, gefällt immerhin jedem zwölften Eimsbüttler deine Facebook-Seite. Was glaubst du, weshalb deine hausgemachten Stadtteilnachrichten so gut funktionieren?

Die Leute haben das Bedürfnis zu wissen, wo sie wohnen. Deshalb gehen sie, glaube ich, auch so auf die historischen Dinge so ab. Alte Fotos, alte Videoaufnahmen. Da stehen die total drauf. Sie wollen es sich heimisch machen. Und heimisch wird ein Ort nur, wenn du ihn kennst, wenn du lange da bist, wenn du etwas weißt über ihn – oder wenn dir jemand darüber erzählt. Außerdem lieben es die Leute einfach, zu sehen, dass im Stadtteil etwas los ist und dass sie es nicht verpassen. Ich glaube, viele fühlen sich tagsüber weggesperrt und haben Angst davor nicht mehr mitzubekommen was da draußen direkt vor ihrer Haustür passiert.

In anderen Hamburger Vierteln würde das Konzept vermutlich nicht so gut aufgehen, oder? Was ist das besondere an Eimsbüttel?

Hier fühlen sich die Leute noch wie in einer Gemeinschaft. Eimsbüttel hatte ja schon immer den Ruf, das Dorf in der Stadt zu sein. Und das ist, glaube ich, noch nicht ganz versiegt. Das was ich mache, ist praktisch die Online-Gemeindezeitung.

Hat dein Erfolg vielleicht auch damit zu tun, dass gerade in diesem Stadtteil viele Digital Natives leben? Studenten, Journalisten, Kreative …

Ja klar. Deshalb auch der Eimsbüttel-Twitter-Account. Darüber bekomme ich viele Infos. In diesem Stadtteil twittern einfach viele. Dadurch habe ich natürlich auch teilweise eine tolle Aktualität und super Bildmaterial. Die Leute stellen ihre Fotos auch gerne zu Verfügung. Das ist eigentlich nie ein Problem. Die Menschen haben gar keine Berührungsängste.

Ist ein funktionierendes Stadtteil-Portal auch eine Frage der Bildung?

Ja. Vielleicht hat es auch was mit dem intellektuellen Niveau zu tun, dass im Stadtteil vorherrscht. Außerdem ist hier das Miteinander noch irgendwie in Ordnung. Das Gegenüber wird beachtet und respektiert. Die Leute interessieren sich hier für einander.

Hyperlokaler Journalismus funktioniert nur da, wo es so etwas wie Bürgersinn gibt?

Ja, so könnte man das wahrscheinlich sagen. Ich glaube, nur deshalb funktioniert das Projekt in Eimsbüttel so gut.

Du betreibst Facebook-Seite, Blog und Twitter-Konto in deiner Freizeit. Wie viel Zeit verwendest Du darauf?

Manchmal ist es weniger als eine Stunde am Tag. Aber es kann schon sein, dass ich, wenn ich so am Blog rumbastele, auch mal drei Stunden dran sitze. Auf zehn Stunden in der Woche komme ich bestimmt. Vieles läuft aber fast von allein. Auf Twitter retweete ich nur Posts mit den entsprechenden Schlagworten wie zum Beispiel „Eimsbüttel“ oder „Osterstraße“. Außerdem habe ich mir Google Alerts auf „Eimsbüttel“ und die wichtigsten Straßen gesetzt. Bei Tweetdeck geht das mit den Alerts ja auch.

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Hast du schon mal überlegt, wie und ob du mit dieser Arbeit Geld verdienen könntest?

Ich mache keine Werbung auf der Seite. Und ich glaube, dass kommt ganz gut an, weil die Leute einfach mit Werbung überfressen sind.

Es gibt ja auch noch andere Möglichkeiten.

Ja klar. Da habe ich schon mal darüber nachgedacht. Aber so etwas verändert ja auch die Seite, wenn plötzlich Geld mit im Spiel ist.

Was ist mit Crowdfunding?

Ich hab’ einen Flattr-Button auf meinem Blog. Der wurde bisher einmal gedrückt. 60 Cent habe ich bekommen. Ich glaube, das steckt noch alles ziemlich in den Kinderschuhen. Beim Thema Crowdfunding schläft Deutschland ja noch.

Wie wär’s mit lukrativen Kooperationen mit Eimsbüttler Geschäften?

Nein. Das würde ich nicht machen. Ich würde höchstens vielleicht berichten, dass die eine Spezial-Aktion machen, wenn es sich meiner Meinung nach lohnt, da wirklich hinzugehen. Das ist eine ganz schwierige Gradwanderung. Die Leute sind da sehr sensibel. Die wollen nur echte Tipps.

Wie ist denn das Feedback wenn du eine Kaufempfehlung für eine Geschäft aus dem Viertel gibst?

Ich mache das eigentlich ganz selten. Neulich habe ich z.B. mal geschrieben, dass es jetzt „Samova Tee“ im Edeka gibt. Das habe ich auf Bitte eines Bekannten getan – unentgeltlich natürlich – und mich nach langem Zögern dafür entschieden. Die Firma Samova ist schließlich aus Hamburg und den Tee gibt es eigentlich sonst nur im Internet und an ein paar Flecken in Hamburg. Das hatte also einen Mehrwert. Aber da war die Gemeinde sofort gespalten. Das ist einigen sofort negativ aufgefallen.

Apropos: gibt’s viele Probleme mit Trollen und Nörglern?

Mit Trollen habe ich keine Probleme. Ab und zu kommt es schon mal vor, dass jemand motzt. Neulich hat sich einer beschwert, dass auf dem Facebook-Profil nur noch belangloses Zeug steht. Aber ich kann halt nicht kreativer sein, als der Stadtteil ist. Dann müsste ich anfangen zu lügen und das möchte ich nicht. Wenn’s jemanden nicht schmeckt, soll er halt „gefällt mir nicht mehr“ anklicken, fertig. Aber eigentlich sind die meisten ganz süß. Es gibt einiger User auf der Facebook-Seite, die mich sofort verteidigen wenn einer mault. Es gibt auch viele Heavyuser, die zwar zu allem eine Meinung haben, aber auch total tolerant sind und sich vor allem sehr solidarisch zeigen. Es kommt immer mehr Lob und Unterstützung – und vor allem Hinweise.

Es gibt Leute, die sagen, dass hyperlokal das nächste große Ding im Journalismus wird. Viele Verlage haben da ein Auge drauf geworfen und fangen an zu experimentieren. Was sagst du dazu?

Mopo und Abendblatt sind hier in Hamburg schon viel zu weit weg von den Menschen aus dem Stadtteil. Die sind im Viertel nicht so gut vernetzt. Klar. Das können die ja auch gar nicht leisten. Die müssen schließlich aus der ganzen Stadt berichten. Ich sag mal, wenn man Eimsbüttel als Stadtteil journalistisch komplett abdecken wollen würde, dann bräuchte man drei bis vier Leute dafür, die nur aus dem Stadtteil berichten.

Haben die großen Verlage auf dem Gebiet der hyperlokalen Berichterstattung also gar keine Chance?

Das Abendblatt hatte ja mal die Stadtteil-Reporter. Als Blogs und im Blatt. Nur: das wird ja gar nicht mehr gepflegt. Das war zwar schon einmal ein richtiger Ansatz. Nur waren die postings soooo langweilig. Null sexy. Denen hat da komplett das Fingerspitzengefühl gefehlt, was im Stadtteil relevant ist und was nicht – was die Leute aus dem Viertel wirklich lesen wollen. Wie da die Stimmung ist und so. Es ist nun mal die persönliche Note, die einen Blog überleben lässt – oder eben nicht. Ich glaube den Menschen ist wichtig, dass so einen Plattform auch jemand aus dem Stadtteil betreibt. Wenn da ein großer Verlag dahinter stecken würde, dann wäre das für viele sofort unglaubwürdig.

 

 

Disclaimer: Der Autor arbeitet hauptberuflich für die Hamburger Morgenpost und wohnt in Eimsbüttel.

 

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