Topfvollgold oder komm mit ins Regenbogenland …

Mats Schönauer (links) und Moritz Tschermak

Mats Schönauer (links) und Moritz Tschermak. Foto: Privat (der Fotograf möchte nicht genannt werden)

… der Eintritt kostet den Verstand. Seit April betreiben die Dortmunder Journalistikstudenten Mats Schönauer und Moritz Tschermak das Watchblog Topfvollgold. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit berichten sie dort über die deutsche Regenbogenpresse. Den Verstand haben sie dabei noch nicht verloren, ganz im Gegenteil: mit Witz und Sachverstand geben sie prägnante Einblicke in ein bislang noch wenig erkundetes Mediensegment und freilich spielt auch das Thema Online hierbei eine Rolle. Wir haben ein E-Mail-Interview mit Mats und Moritz geführt.


Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, dieses Blog in Zusammenhang mit Eurer Bachelorarbeit einzurichten?

Moritz: Das Blog hätten wir auch ohne die Bachelorarbeit gestartet. Die Idee dazu ist uns beim Einkaufen im Supermarkt gekommen, als wir vor dem Zeitschriftenregal standen. Uns sind die widersprüchlichen Titelgeschichten direkt ins Auge gesprungen und wir haben uns gewundert, dass derart viele Zeitschriften mit „Freizeit“ im Namen existieren. Nach dem Lesen von zwei, drei Lügengeschichten war unser nächster Gedanke: Da müsste man doch mal was drüber machen.

Mats: Und da wir uns in unserem letzten Bachelor-Semester befinden, machten wir uns zu der Zeit sowieso Gedanken, was wir in unserer Abschlussarbeit machen wollen. An unserem Uni-Institut gibt es die Möglichkeit, neben dem wissenschaftlichen Teil ein Praxisprojekt in Angriff zu nehmen. Da passte die Idee für das Blog sehr gut. Denn bei unserer ersten Recherche hat sich auch gezeigt: Besonders viel wissenschaftliche Forschung zu dem Thema gibt es nicht.

Stefan Niggemeier äußerte sich ja recht ratlos darüber (Blog-Beitrag „Mats und Moritz gehen ans Ende des Regenbogens“), dass sich (Medien-)Journalisten kaum dafür interessieren, was in der Regenbogenpresse passiert – „was angesichts der üblen Methoden und dreisten Lügen schon erstaunlich ist“. Nun habt Ihr ja einige Erfahrungen gesammelt und schon binnen weniger Wochen belegt, dass diese Form der Publizistik – dezent gesprochen – medienethisch sehr bedenklich ist. Aber woher rührt dieses Desinteresse, sowohl der Medienjournalisten als auch der Medienwissenschaft? Werden diese Medien nicht ernst genommen, weil es hier nicht um Politik, Geld oder Sport geht?

Mats: Das dürfte zumindest ein Faktor sein. Welcher Medienjournalist, der für seriöse Blätter arbeiten will, beschäftigt sich schon freiwillig mit den Schmuddelheftchen der Regenbogenpresse? Wir können uns nur schwer vorstellen, dass so jemand in der Redaktionskonferenz vorschlägt, etwas über die „frau aktuell“ oder die „Freizeit kompakt“ zu machen.

Das hängt auch damit zusammen, dass es nichts Neues ist, dass die Regenbogenpresse verdreht und lügt. Das läuft seit Jahrzehnten so. Warum soll man ausgerechnet jetzt darüber einen Artikel auf den ohnehin schon wenigen zur Verfügung stehenden Medienseiten bringen? Wir sehen das natürlich etwas anders.

500.000.000 Auflage per anno

Rund eine halbe Milliarde dieser Hefte werden jährlich hierzulande gedruckt. Könnt Ihr zumindest vage etwas darüber sagen, wie sich die Leserschaft der Regenbogenpresse zusammensetzt, vor allem die Altersstruktur wäre interessant?

Moritz: Wir haben uns mal die so genannten Objektprofile angeschaut, die die Regenbogenverlage selber veröffentlichen. Darin liefern sie für Anzeigenkunden Informationen über die Leserschaft. Für 22 (Geschlecht) beziehungsweise 16 Hefte (Alter, Bildung, Einkommen) haben wir diese Daten gefunden.

Sie zeigen zum Beispiel, dass etwas über 37 Prozent der Leser 70 Jahre und älter sind. Über 50 Jahre alt sind sogar Dreiviertel der Leser. Außerdem sind über 80 Prozent weiblich. Weit über die Hälfte (66,5 Prozent) hat einen Haupt- beziehungsweise Volksschulabschluss. Und über die Hälfte der Leser (57 Prozent) verfügt über ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 2000 Euro. Die dazugehörige Infografik haben wir bei uns ins Blog gepackt.

Sterben der Regenbogenpresse nicht die Leser weg oder ist ein „Ende des Regenbogens“ nicht zu erwarten?

Mats: Die Regenbogenhefte verlieren deutlich an Auflage. Das mag zum Teil an der allgemeinen Printkrise liegen, aber sicher auch daran, dass ein guter Teil der Leser schlichtweg stirbt. Schaut man sich beispielsweise die „Neue Post“ an, dann sind das schon ziemlich dramatische Zahlen: Vor 15 Jahren kam das Heft mit einer Druckauflage von 1,7 Millionen auf den Markt. 1,3 Millionen davon gingen Woche für Woche über den Ladentisch. Heute verkauft die „Neue Post“ nur noch die Hälfte: 685.000 Hefte.

Moritz: Dennoch glauben wir nicht, dass der Markt in absehbarer Zeit komplett eingehen wird. Dafür ist er noch zu mächtig. Und das Bedürfnis vieler Leute nach Geschichten, die diese Blättchen liefern, zu groß.

Hat die Regenbogenpresse mit ihren Ergüssen eigentlich das Internet bislang noch verschont, weil es da nix zu verdienen gibt oder weil die Zielgruppe dort womöglich nicht so präsent ist?

Moritz: Wir vermuten, dass die Verlage nur vereinzelt aufs Internet setzen, weil die eigentliche Zielgruppe sich dort nicht rumtreibt. Das kann man zum Beispiel auch daran sehen, dass nur von sehr wenigen Heften ein E-Paper als Abo-Variante angeboten wird.

Mats: Das heißt aber nicht, dass das Internet für die Redaktionen keine Rolle spielt: Eine ganze Reihe ihrer Geschichten graben sie dort aus. Allein der Twitter-Account von Boris Becker hat schon Stoff für unzählige Skandal-Geschichten geliefert.

Befragt Ihr für Eure Arbeit auch Journalisten, die für diese Blätter arbeiten?

Mats: Das haben wir vor. Und da arbeiten wir auch schon konkret dran. Denn es ist ja nicht so, dass wir nur den Zeigefinger heben und den Redaktionen eins reindrücken wollen. Wir wollen einfach mal dieses riesige Feld der Regenbogenpresse genauer beleuchten. Und das von allen Seiten. Dazu gehört dann natürlich auch die Sicht der Autoren.

Könnt Ihr ungefähr abschätzen, wie viele Journalisten für die zehn Verlage (siehe hierzu Topfvollgold, Artikel „Regenbogenhefte in Deutschland“), die diese Blätter herausgeben, arbeiten?

Moritz: Einen kompletten Überblick haben wir da nicht. Ein paar Beispiele zeigen aber ganz gut, dass diese Zahl recht überschaubar sein dürfte. Im Deltapark Verlag beispielsweise arbeiten laut eigenen Angaben 14 Leute, die für sieben Regenbogen-Titel gleichzeitig zuständig sind. Bei der Mediengruppe Klambt kann man sehen, dass etwa eine Handvoll Redakteure sowohl für die „Frau mit Herz“ als auch für die „Heim und Welt“ schreibt. Und beim Alles Gute Verlag ist die Redaktionsleiterin der „Freizeit Express“ auch Redaktionsleiterin der „Freizeit Blitz“, der „Freizeit Vergnügen“, der „Freizeit Heute“ und vier weiterer Titeln, die wir beobachten.

Unbekanntes Wesen der Regenbogen-Redakteure

Was wisst Ihr über die Journalisten, die für solche Zeitschriften arbeiten?

Moritz: Nicht viel. Aber wir wissen zum Beispiel, dass da Leute dabei sind, die ein Studium abgeschlossen haben. Und Leute, die auch mal im seriösen Journalismus tätig waren.

Muss man um für die Redaktion einer Regenbogenzeitschrift zu schreiben besonders kreativ oder vor allem skrupellos sein?

Mats: Beides gehört dazu. Es bedarf schon viel Geschick und Fantasie, um etwa aus einer durch und durch positiven Aussage auf der Homepage von Steffi Graf einen Artikel zu basteln, in dem ihr eine Lebenskrise angedichtet wird. Und dann noch den Bogen zum möglichen Brustkrebs ihrer Mutter zu schlagen – da kommt dann die Skrupellosigkeit ins Spiel.

Rund 70 Regenbogenhefte erscheinen in Deutschland, Ihr habt mittlerweile einen sehr guten Überblick darüber. Gibt es auch Hefte, von denen Ihr zumindest gefühlt sagen könnt, dass sie einigermaßen sauber arbeiten? Oder haben solche „sauberen“ Hefte auf diesem Markt womöglich keine Chance überhaupt gekauft zu werden?

Moritz: Gar keine Frage: Diese Hefte müssen sich am Kiosk gegen eine immense Konkurrenz beweisen. Und steile Thesen auf dem Cover behaupten sich in diesem Kampf um die Leser sicher besser.

Mats: Dennoch gibt es Hefte, die uns nicht ganz so schlimm vorkommen wie die anderen. Ein Beispiel ist die „Freizeit Welt“. Sie erscheint im Verlag Livingston & Friends und ist, sowohl was das Layout angeht, als auch in Bezug auf die reißerischen Überschriften, doch etwas zurückhaltender. Da gibt es beispielsweise auch eine Doppelseite „Welt des Wissens“, wo Fragen beantwortet werden wie „Können Menschen mit ihrer Stimme Glas zerspringen lassen?“. Wir denken, das liegt unter anderem daran, dass in dem Verlag auch das Magazin „Wissen & Staunen“ erscheint und lediglich zwei Frauenheftchen („Freizeit genießen“ und eben die „Freizeit Welt“) herausgegeben werden. Nichtsdestotrotz ist auch die „Freizeit Welt“ ganz geschickt, was die Verknappung in den Überschriften angeht.

Unwahrheiten in der Regenbogenpresse? Für manche unvorstellbar …

Ihr schreibt: „[S]ie haben nicht die geringste Achtung vor der Wahrheit. Die Menschenwürde ist ihnen in vielen Fällen genauso wurscht. Und eines kann man von den Blättchen ganz bestimmt nicht behaupten — dass sie auch nur ansatzweise daran interessiert sind, die Öffentlichkeit wahrhaftig zu unterrichten.“ Trotz dieses wohl unbestreitbaren Mankos verkaufen sich diese Hefte offenbar seit Jahrzehnten und womöglich weiterhin hervorragend. Könnt Ihr etwas zur Motivation der Leser sagen: Warum kaufen Sie diese Hefte, obgleich die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen?

Moritz: Wenn man Leser fragt, warum sie sich diese Heftchen kaufen, dann antworten interessanterweise viele von ihnen mit „Wegen der Rätsel“ oder „Wegen der Koch- und Backrezepte“. Das ist ein bisschen so wie bei der „Bild“-Zeitung und ihrem Sportteil.

Mats: Dennoch gibt es auch Leute, die diese Blätter wegen der Promi- und Adelsgeschichten lesen und dabei wahrscheinlich oft gar nicht merken, dass ihnen dreiste Lügen aufgetischt werden. Die Redaktionen versuchen ja, ihre Stories als wahr zu verkaufen.

Moritz: Viele der älteren Leser können sich vielleicht auch gar nicht vorstellen, dass in einer gedruckten Zeitschrift Unwahrheiten stehen. Da spielt der Nimbus von Zeitungen und Magazinen eine wichtige Rolle.

Werdet Ihr auch Leser befragen, die eines oder mehrere dieser Hefte lesen?

Moritz: Ja, das haben wir teilweise schon gemacht. Und wir werden es auch in Zukunft machen. Wir planen beispielsweise eine kleine Leserbefragung am Kiosk-Regal.

Auf die Wahrheit, auf Recherche – kurzum auf journalistische Qualität kommt es bei den Regenbogenheften nicht an. Welche eigenen Qualitätskriterien spielen für die Macher dann eine Rolle (Übertreibung, Prominenz, etc.)?

Mats: Die tatsächliche Geschichte ist völlig egal. Wichtig ist allein, dass ein Prominenter oder irgendjemand aus der Nähe irgendeines Königshauses darin vorkommt. Die Wahrheit muss dann so verdreht werden, dass die Redaktion am Ende die Worte „Skandal“, „Drama“, „Enthüllung“, „pikant“, „geheim“, „Alkohol“ oder „Baby“ in die Überschrift packen kann. Je mehr dieser Begriffe in der Schlagzeile vorkommen, desto besser.

Moritz: Aktualität spielt dabei dann keine Rolle: Die Ereignisse, auf die sich die Artikel beziehen, können gerne auch mal 40 Jahre zurückliegen.

Werden auch gezielt Opfer der Berichterstattung in Eurem Blog zu Wort kommen (einen Anfang habt Ihr ja mit dem Pressesprecher von Udo Jürgens gemacht)?

Moritz: Wir versuchen immer wieder, Stellungnahmen von Prominenten zu bekommen. Wenn wir einen neuen Blogeintrag rausjagen, schreiben wir die betroffene Person an. So kam auch die Antwort von Udo Jürgens’ Pressesprecher zustande. Wir wollen herausfinden, was die Opfer über die üblen Geschichten denken. Und ob sie gegen eine solche Berichterstattung vorgehen wollen.


In Eurem Interview mit dem Dortmunder Medienrechtler Udo Branahl fragt ihr, ob man die Regenbogenredaktionen als „geduldete Rechtsbrecher“ betrachten kann. Branahl antwortet – verkürzt – mit „Wo kein Kläger, da kein Richter“. Warum reagieren die Opfer dieser häufig unwahren Berichterstattungen eigentlich so selten darauf?

Mats: Das versuchen wir noch herauszufinden. Wir vermuten, dass es grundsätzlich für Victoria von Schweden oder Sofia von Spanien erst einmal uninteressanter ist, was die deutsche Regenbogenpresse so schreibt, als das, was in schwedischen oder spanischen Heften steht. Deswegen dürften sie sich kaum um die Schmutzgeschichten aus Deutschland kümmern.

Moritz: Was deutsche Promis angeht: Vielleicht nehmen sie es einfach in Kauf, dass ein paar Zeitschriften diesen Mist verbreiten. Das ist ja auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Auf der anderen Seite gibt es durchaus Prominente, die sich diese Berichterstattung nicht gefallen lassen und dagegen vorgehen.

Würdet Ihr – zumindest manchen – Opfern empfehlen, gegen gewisse Berichterstattungen vorzugehen oder besteht da ein zu großes Risiko?

Mats: Das würden wir ihnen unbedingt raten. Niemand muss es auf sich sitzen lassen, dass etwas Falsches über ihn geschrieben wird. Das ist mitunter richtig kriminell, was da passiert. Und die Erfahrung zeigt auch, dass die Regenbogenpresse mit Prominenten, die sich gegen diese Berichterstattung wehren, deutlich zurückhaltender umgeht.

Moritz: Das einzige Risiko, das wir erkennen können, wäre ja, einen möglichen Prozess zu verlieren. Bei den Fällen, die uns in den Regenbogenheften täglich begegnen, können wir uns aber nicht vorstellen, dass ein Gericht den Redaktionen und ihren Lügengeschichten in irgendeiner Weise Recht gibt.

Wie seht Ihr in diesem Zusammenhang die Rolle des Deutschen Presserats – die Berichterstattung in der Regenbogenpresse widerspricht häufig dem Pressekodex. Wenn man in die Statistiken des Presserats schaut (siehe etwa in der Recherche-Datenbank des Presserats), kommen diese Blätter kaum vor, wie kann das sein?

Mats: Damit der Presserat tätig wird, muss ja in der Regel zunächst jemand Beschwerde bei ihm einreichen. Offenbar hat das in der Vergangenheit kaum jemand getan. Die andere Möglichkeit ist, dass der Presserat – aus welchen Gründen auch immer – bei Regenbogenheftchen andere Maßstäbe anlegt. Wir haben jedenfalls erst vor ein paar Tagen selbst einige Beschwerden eingereicht. Wir werden dann ja sehen, wie der Presserat zur Regenbogenpresse steht.

„Kein Plan, wie lange wir das aushalten“, sagte Mats bei Stefan Niggemeier. Seid Ihr da inzwischen weiter, könntet Ihr Euch vorstellen, dass Ihr dieses Angebot über die Forschungsphase Eurer Arbeit hinaus anbietet?

Mats: Auf jeden Fall. Stoff gibt es genug. Und die Resonanz in dem einen Monat, den wir das Blog jetzt betreiben, motiviert uns, weiterzumachen.

Habt Ihr schon mal daran gedacht, Eure Recherchearbeit über Crowdfunding zu finanzieren?

Mats: Darüber haben wir schon nachgedacht. Das Problem ist, dass viele Crowdfunding-Plattformen nur Projekte zulassen, die nach einer gewissen Zeit abgeschlossen sind. Da passen wir genau genommen also nicht rein.

Moritz: Jetzt, wo das Blog angelaufen ist, wäre für uns aber der nächste Schritt, über Finanzierungsmöglichkeiten nachzudenken. Denn so billig die Hefte auch sind, der wöchentliche Einkauf drückt auf Dauer schon etwas auf den studentischen Geldbeutel.

Ihr habt ja eine „Marktlücke“ mit dem Erforschen und Beobachten der Regenbogenpresse aufgetan. Fallen Euch noch weitere journalistische Angebote oder Genres ein, die Studenten oder Journalisten mal auf diese Weise unter die Lupe nehmen sollten?

Mats: Bedenklich finde ich zum Beispiel einige Formate im Privatfernsehen. Da wird, ähnlich wie in der Regenbogenpresse, unter dem Deckmantel des Journalismus der reinste Blödsinn verbreitet. Nichts als Gerüchte, Spekulationen und Verdrehungen. Besonders schlimm ist, dass es hier nicht immer nur um Prominente oder Adelige geht, sondern oft auch um Menschen, die eigentlich nicht in der Öffentlichkeit stehen.

Moritz: Ein anderes Feld wäre Astro TV mit seinem Call-In-Angebot für Esoterik- und Astrologie-Anhänger. Was da nachts im Fernsehen passiert ist zum Teil noch obskurer und noch gefährlicher als jegliches Regenbogen-Heft.

Mats: Und spannend fände ich auch, mal nach großen Ereignissen wie Amokläufen oder Naturkatastrophen zu dokumentieren, wie deutsche Online-Medien in den ersten Stunden und Tagen darüber berichten. So was lässt sich sicherlich schwer planen. Aber gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie sich die Maßstäbe der Medien zugunsten der Schnelligkeit und zulasten der Qualität verschieben.

Stefan Niggemeier schreibt, dass Ihr in Eurer Bachelorarbeit auch herausfinden wollt, welche Funktion Blogs neben der herkömmlichen Medienkontrolle und -kritik haben können. Könnt Ihr hierzu schon erste Ergebnisse verraten?

Moritz: Ein Blog kann sich in unseren Augen mit deutlich spezielleren Themen und Aspekten befassen als beispielsweise die Medienseite der „Süddeutschen Zeitung“. Es steht ja schlichtweg auch mehr Platz zur Verfügung. Dazu kommt, dass nicht nur die Autoren, sondern auch die Leser die Rolle des Medienkritikers übernehmen können. Das sieht man zum Beispiel beim Bildblog, bei dem viele Einträge auf den „sachdienlichen Hinweisen“ der Leser beruhen [Anmerkung: Moritz' Mitstreiter Mats schreibt auch für das Bildblog, Thomas Mrazek]. Soweit unsere ersten Erfahrungen mit unserem Blog.

Beobachten wir uns zu Tode?

Apropos Watchblogs: Nicht mehr lang und es wird – vielleicht ein genervter – ein Journalist, ein Medienforscher die These „Wir beobachten uns zu Tode“ äußern. Was haltet Ihr von dieser Vermutung?

Moritz: Ohne Frage wäre es problematisch, wenn sich der Journalismus nur noch mit sich selbst beschäftigen würde. Aber von diesem Zustand sind wir ja schon noch ein gutes Stück entfernt.

Mats: Und solange durch das Beobachten Missstände aufgedeckt werden, können von uns aus auch gerne Watchblogs für die „Bäcker Blume“ oder die „Apotheken Umschau“ gestartet werden.

Ausgedruckte Blogartikel beim Frisur auslegen


Mit Eurem Projekt leistet Ihr meines Erachtens einen fundierten und praxisnahen Beitrag für die Medienethik hierzulande. Dieser Meinung werden sich sicherlich noch andere Fachleute anschließen. Das Projekt wird hoffentlich Studierende, Medienforscher und Journalisten für eigene Aktivitäten anregen.

Beide: Danke!

Inwiefern meint Ihr:
- dass Ihr vielleicht bei den Opfern, die Sensibilität erhöhen könnt („Mensch, da kann man ja doch irgendwie etwas dagegen machen!“),

Mats: Das können wir uns nicht vorstellen. Prominente und Adelige sind sich ihrer juristischen Möglichkeiten ja sicherlich bewusst. Dafür brauchen sie nicht den Topfvollgold.

- dass Ihr bei den Lesern etwas bewirken könnt („Mensch, was für einen Mist lese ich da eigentlich …?)

Moritz: Hier könnte man schon eher ansetzen. Und das gehört auch zu einem unserer Ziele. Das Problem dabei: Die Leserschaft der Regenbogenpresse und die unseres Blogs überschneiden sich, wenn überhaupt, nur minimal. Man hat uns schon vorgeschlagen, wir sollten unsere Blogartikel ausdrucken und im Friseursalon auslegen. Vielleicht sollten wir das wirklich mal tun.

Könnt Ihr bei den Machern/Journalisten („Mensch, was für einen Mist mache ich da eigentlich?“) etwas bewirken?

Mats: Was wir auf jeden Fall sagen können: Einige Redaktionen haben uns bereits wahrgenommen. Aber dennoch glauben wir nicht, hier viel bewegen zu können.

Moritz: Und ohnehin sind wir uns sicher, dass sich die Macher dieser Geschichten hundertprozentig im Klaren darüber sind, was sie da tun und was für einen Mist sie eigentlich drucken.

Könnt Ihr mir bitte noch etwas zu Euch sagen, welches Berufziel habt Ihr?

Beide: Wir befinden uns beide im letzten Semester unseres Journalistik-Studiums an der Technischen Universität Dortmund.

Mats: Ich bin 24 Jahre alt. Auch in Zukunft möchte ich mich journalistisch mit Medien auseinandersetzen. Und vielleicht nach dem Studium ein Journalistenbüro gründen.

Moritz: Ich bin 25 Jahre alt und schreibe gern Reportagen. Nach dem Studium hätte ich Lust, verschiedene Internet-Reportage-Foto-Projekte anzugehen.

Vielen Dank für Eure Mühe!

Weitere Informationen

European Journalism Oberservatory (EJO), 17.05.2013: Regenbogenpresse: “Die Macht wird unterschätzt” (weiteres Interview mit den beiden Topfvollgold-Machern)

  • Facebook
  • Twitter
  • StumbleUpon
  • Diigo