Kai Diekmann’s lousy tweets

Twitter-Profil von Kai Diekmann (Screenshot [M])

Er ist zurück. Anfang der Woche – fast zeitgleich zur Präsentation der künftigen Bild-Bezahlmauer in Berlin – hat Kai Diekmann den Countdown zur Rückkehr von seiner gut neunmonatigen Klassenfahrt Sabbatical Bildungsreise ins Silicon Valley gestartet. Sein Abschiedstweet ans Valley kam aus dem Flugzeug. Und was er in den 2364 Nachrichten davor so von sich gegeben hat? Eine subjektive Bestandsaufnahme der ödesten, banalsten und egozentriertesten Tweets des Bild-Chefredakteurs.*

Diekmanns Twitter-Karriere startete mit seinem US-Aufenthalt. Seine erste Nachricht („Katie, thanks vor the great welcome to twitter“) geht am 20. September 2012 an Twitter-Managerin Katie Stanton. Kurz darauf meldet Diekmann, er sei „just arrived“ auf der Online News Conference (ONA) in San Francisco. Diese beiden Tweets sind gleich exemplarisch, für das, was folgt.

Was twittert Diekmann?

„Kai Diekmann arriving at places“: Auf welchen Konferenzen oder bei welchen Firmenbesuchen im Silicon Valley Diekmann gerade angekommen sei, lässt Diekmann seine Twitter-Folgen in den folgenden Monaten noch so manches mal wissen, häufig garniert mit einem nichtssagenden „I was there“-Foto. Mehrwert für den Follower: ziemlich gering. Anfangs hat Diekmann auch noch ab und zu Tweets zu den Inhalten von Vorträgen abgesetzt (Konferenz-Twittern), aber dann schnell die Lust daran verloren, seine Follower zu informieren, was nach dem „arrived“ denn sonst noch so alles passiert. Für Freunde von Fotos von Firmenbüros oder Konferenzsälen hat Diekmann aber auf jeden Fall einiges zu bieten.

Begrüßungen und Name-Dropping von Protagonisten der kalifornischen Internet-Szene und im US-Außenposten vorbeischauenden Springer-Kollegen oder Auslandsdeutschen bilden dagegen eine feste Säule von Diekmanns Tweets.

Tweets, die nur gar nicht oder nur mit einem einzigen Wort kommentierten Links bestanden, wie Diekmann sie im Herbst 2012 noch häufiger absetzte, kommen später gar nicht mehr vor. Sie werden von einem Dauerfeuer aus der News-App Prismatic abgelöst, mit der Diekmann ihm interessant erscheinende Links herauspustet. Die auf diese Weise empfohlenen Beiträge kommen fast alle von US-Fachpublikationen und beschäftigen sich dem Medienwandel durch das Internet (wenig überraschend). Auf persönliche Kommentare oder Einordnung verzichtet Diekmann, die von der App gezogene Artikelüberschrift muss reichen. Hashtags nutzt er auch nicht.

  • Bei Fotos wird per Mouseover der Original-Tweet angezeigt.
  • Störendes Geräusch? In der Storify-Sammlung ist ein Vine-Video mit Auto-Start enthalten. Bei Missfallen Ton am Rechner abstellen.

Re-Tweets andere Nutzer kommen hingegen dann und wann vor. Meistens von anderen Springer-Mitarbeitern. Oder aber von Twitter-Nutzern, die Diekmann feiern – oder mehr oder weniger deutlich anfeinden.

Diese bewusst nach außen getragene Selbstironie ist ja von früheren Projekten Diekmanns bekannt.

T-Shirt mit Aufschrift "Kai Diekmann went to Silicon Valley and all we got were these lousy tweets"

Dieses T-Shirt gibt es bei Spreadshirt (noch) nicht

Diekmann selbst ist natürlich sowieso ein großes Thema.

Außerdem mit Aufmerksamkeit beachtet werden ausgewählte Freunde, Lieblingsfeinde und Idole: Jeff Jarvis, Helmut Kohl, die taz. Und natürlich Philipp Rösler, wie wir inzwischen alle wissen.

Sehr schweigsam blieb Diekmann zu deutschen Diskussionen – egal, ob es um Medienthemen oder Politik ging.

Mostly harmless?

Fazit: Diekmanns Tweets waren also weder besonders informativ, noch scharfzüngig oder unterhaltsam, sondern eher eine Mischung aus Linkschleuder kombiniert mit Selbstbeweihräucherung im Stil einer schlechten Facebook-Page (wie sie außer Hardcore-Fans wirklich niemanden interessieren kann).

Natürlich war nicht zu erwarten, dass Diekmann die wirklich interessanten Details der Springer-Pirschgänge im Silicon Valley erst mal auf Twitter ausbreitet, aber das Potenzial der Plattform kombiniert mit seiner Stellung als Chefredakteur einer Zeitung mit Millionen-Publikum hat er in nicht ausgenutzt. In gewisser Weise beruhigend.

Die Frage ist, was jetzt nach seiner Rückkehr passiert.

Ist die Twitter-Phase für Diekmann ein abgeschlossenes Experiment (wie sein „privates“ 100-Tage-Blog oder die Experimente mit der Flip-Kamera)?

Screenshot von kaidiekmann.de (Ausschnitt)

Diekmann auf kaidiekman.de (Screenshot)

Geht Diekmann womöglich am Montag ins Bad, schert den Bart, zieht den Krawattenknoten fest, schmiert die Haare zurück und lässt das Nerd-Attire vollkommen hinter sich, wenn er am Montag die „Bild“-Redaktion wieder betritt? Immerhin hat Springer-Chef Mathias Döpfner seinen Leuten eine Botschaft mit auf den Weg gegeben: „I would hope that we would not try to play from now on the cliche of a super cool Silicon Valley guys.“ (hier im Video)

Kai, was nun?

Ich geht nicht davon, dass Diekmann als Chefredakteur sein Spielzeug Twitter ganz aus der Hand legt (heute hat er zumindest schon wieder getwittert). Aber die allgemeine Meinungsmache wird er eher „Bild“ und Bild.de überlassen und über sein persönliches Twitter-Profil nur einzelne gezielte Stiche austeilen (z. B., wenn irgendwann Rösler fallen gelassen wird) und ansonsten dort sein Image als digitaler Vorreiter pflegen und sich von umarmungsbedürtigen deutschen Start-Up-Protagonisten umgarnen lassen.

Möglich wäre natürlich auch, dass Diekmann bei „Bild“ gar nicht so sehr als aktiver Chefredakteur ins Tagesgeschäft zurückkehrt, sondern über kurz oder lang – etwa nach der Bundestagswahl – vor allem als oberster Digital-Deputierter der Springer AG tätig wird.

Image-Video des Axel Springer Verlags

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

… im übrigen Internet:

* Eine händische Codierung sämtlicher Tweets für eine datenjournalistische Auswertung war dann doch zu viel Arbeit. Und, ja, natürlich kann man aus Twitter-Profilen nur verzerrtes Bild des Protagonisten gewinnen – insbesondere bei entsprechender Auswahl. In diesem Fall gilt aber die „Bild“-Devise: Bloß nicht von zuviel Recherche oder Fakten eine gute Geschichte kaputtmachen lassen.
Inspiration für die Aufbereitung der Diekmann-Tweets als Slideshow waren natürlich die herrlichen Wort-Bilderstrecken bei Welt, Bild und anderen.

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