Firestorm: Storytelling ohne Streuverluste

Wenn weniger mehr ist: die Guardian-Web-Dokumentation Firestorm setzt Multimedia-Elemente so geschickt ein, dass sie den Lesefluss nicht behindern. Ein Storytelling-Beispiel, das Schule machen sollte.

Guardian Firestorm

Die Web-Dokumentation “Firestorm” des Guardian ist ein Paradebeispiel für gelungenes Multimedia-Storytelling

Es snowfallt allüberall: für ihre Web-Dokumentation “Snow Fall: the Avalanche at Tunnel Creek” hat die New York Times eine Menge Lob und Preise eingeheimst und sich schnell Vorbildfunktion erarbeitet. Die NZZ hat ihre Fukushima-Reportage “Keine Zeit für Wut” optisch sehr ähnlich aufgebaut. Nun hat auch der Guardian seine Web-Doku: Firestorm erzählt am Beispiel einer australischen Familie, wie ein gewaltiger Feuersturm sie um Hab und Gut brachte und wie sich die Australier gegen solche Buschbrände wappnen.

Jede der drei Langstrecken-Dokus ist in mehrere Kapitel unterteilt, die Art des Storytelling ist jedoch ziemlich unterschiedlich, vor allem, was die mehr oder weniger harmonische Einbindung in den Lesefluss betrifft. Am besten finde ich das bei Firestorm gelöst: hier wird die Geschichte eines riesigen Feuers in Tasmanien linear erzählt. Das mutet im Zeitalter von Multimedialität und Interaktivität anachronistisch an, bringt die Geschichte aber am komplettesten – d. h. mit den geringsten Streuverlusten – und atmosphärisch stärksten rüber.

Fakten im Text, Emotionen im Bild

Das Prinzip ist einfach: es gibt nur einen Erzählstramg, es ist immer nur ein Feature auf dem Bildschirm zu sehen: entweder einfach nur Text (linke Hälfte in weißer Schrift vor einem dunklen Hintergrund, während rechts ein Bild zu sehen ist). Oder ein Fullscreen-Video, in dem die Familie erzählt, wie sie sich gerettet hat. Oder nur der O-Ton eines Protagonisten, während auf dem Bildschirm ein Bild oder eine kurze Videoschleife zu sehen sind. So rivalisieren nie mehrere Erzählstränge miteinander. Der Aufbau ist ein Paradebeispiel für die Devise “Weniger ist mehr”. Fakten werden vor allem über Text transportiert, Emotionen und das Schicksal der Familie Holmes in Bildern und Videos. Das ist simpel und ergänzt sich wahnsinnig gut, inhaltliche Dopplungen gibt es so nicht.

Firestorm kommt fast ohne Karten und ganz ohne interaktive Grafiken oder Datenanlyse aus. Für eine ungestörte Nutzungserfahrung ist das von großem Vorteil. Natürlich mag es Nutzer geben, die anhand von vielen Multimedia-Elementen lieber selbst bestimmen, wie tief sie in eine Geschichte einsteigen – das Firestorm-Konzept ist so rund, dass sich sowohl Web-Profis als auch Gelegenheitssurfer angesprochen fühlen dürften. Ich bin sicher, dass auch Firestorm viele Nachahmer finden wird.

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