Demo-Zahlen: Die dezentrale Nicht-Live-Meldung

Demonstranten am 27.07.2013 in Hamburg

Wie viel Demonstranten sind es? (Foto: Holger Röttgers)

„Bundesweite“ – also in verschiedenen Städten am gleichen Tag veranstaltete – Protestaktionen, wie sie heute und schon mehrfach zu Themen rund um staatliche Überwachung stattfanden, haben zwei unbestrittene Vorteile: Menschen können sich leichter an den Protesten beteiligen, ohne erst an einen zentralen und (für Nicht-Berliner wahrscheinlich tendenziell weit entfernten) Kundgebungsort anreisen müssen. Sie können Anwohner und Passanten an verschiedenen Orten erreichen.

Die Chancen, über die mediale Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu bekommen, ist für die meisten Anliegen allerdings erheblich geringer als bei einer zentralen Demonstration. Hier 50 Demonstranten, dort 200 und in einer der größeren Städte vielleicht eine vierstellige Zahl – das kommt der Mechanismen und der Logistik der (Online-)Berichterstattung der größeren Medien alles andere als entgegen.

  • Die Teilnehmerzahl ist schwerer abschätzbar. Die Redaktionen fragen sich: Ist das jetzt ein Thema? Sollen wir da jemand hinschicken? Oder kommen da kaum mehr Leute als zur wöchentlichen Falun-Gong- oder Palästinenser-Mahnwache in der Fußgängerzone?
  • Das gilt auch für die Nachrichtenagenturen. Und die sind in diesem Fall besonders wichtig, weil anderen Medien – gerade bei einem Samstag stattfindenden Demonstrationen – kaum jeden einzelnen Protest-Ort mit einem Reporter besetzen (s.o.) oder auch nur zeitnah die örtlichen Veranstalter/Polizeien nach deren Einschätzungen zur Teilnehmerzahl abtelefonieren.
  • Zusammenzählen ist schwierig, macht Arbeit und ist unsexy. Demonstrieren da jetzt „Hunderte“? Sollte man schon von „Tausenden“ sprechen, wenn in den größeren Städten zusammengezählt 2000+ Demonstrationsteilnehmer zusammenkommen? Und gibt es nicht irgendwo in Kleinkleckersdorf auch noch 30 Demonstranten, muss ich die auch mitzählen? Redakteuren lieben solche Situationen nicht.
  • Die von Organisatoren angegeben Teilnehmerzahlen liegen meist über den von der Polizei genannten – wissen wir alle. Mindestens ebenso wichtig ist in der Publikumswahrnehmung aber die „Agentur-Verzögerung“ bei der Online-Berichterstattung: Agenturmeldungen stützen sich auf die Berichte ihrer Reportern vor Ort und/oder die telefonischen Angaben von Polizei und Veranstaltern. Zu Beginn einer Kundgebung oder Demonstration sind die Angaben häufiger geringer als später (weil eben noch nicht alle Teilnehmer da sind). Das Erstellen der Agenturmeldungen dauert einige Zeit, bis daraus die (Wochenenddienste der) Online-Redaktionen ihre Meldungen gedrechselt haben, vergeht weitere Zeit. Die ersten Online-Meldungen erscheinen, die dort genannten Zahlen hinken dann häufig unter den mittlerweile von den Beobachtern vor Ort wahrgenommenen Zahl hinterher. Im Idealfall werden die von den Newsportalen gemeldeten Zahlen später aktualisiert – bei Schichtende in Agenturen und Online-Portalen oder Deadline in Print-Redaktionen oder plötzlichen Veränderungen in der Nachrichtenlage möglicherweise nicht. Dann bleibt es bei „wenigen hundert Teilnehmern“.

Das ist scheiße, aber – seien wir ehrlich – vielfach Realität. Was heißt das?

Natürlich müssen Redaktionen nicht jeden Demonstrationsaufruf gleich mit dem großen Besteck angehen und mit Ticker- und Live-Twittern begleiten. Aber Online-Redaktionen dürfen sich bei der Berichterstattung über dezentrale Protesten einer gewissen Relevanz nicht auf die Nachrichtenagenturen verlassen. Sie müssen selber Informationen einholen:

  • telefonisch vom Newsdesk aus
  • durch eigene Reporter, die selbst twittern oder telefonisch Zahlen durchgeben (ja, natürlich trotz Dreh- oder Interviewpflichten für Print, TV oder Hörfunk)
  • durch Beobachten von Social-Medien-Kanälen und Livestreams

… und natürlich immer mit der gegebenen Sorgfaltspflicht und Quellentransparenz.

Dass dies alles funktionieren kann, wissen wir ja von Großereignissen. Aber es ist eben noch nicht in so tief in den deutschen Redaktionen verankert, dass es auch bei mittlerer Relevanz von allein läuft.

Organisatoren von dezentralen Protesten wären ihrerseits schlau, wenn sie die Defizite der Redaktionen und Nachrichtenagenturen erkennen und entsprechend reagieren würden, in dem sie den Journalisten mundgerechte Informationen quasi-live zur Verfügung stellen – z. B. durch die Bündelung ständig aktualisierter Teilnehmerzahlen inklusive Gesamtzahl auf einer Internetseite. Und nicht, wie diesmal geschehen, erst um 20:47 Uhr eine Pressemitteilung versenden.

Weitere Links
bei onlinejournalismus.de:

im übrigen Internet:

Der Autor hat in der Vergangenheit u. a. für tagesschau.de online über Demonstrationen berichtet.

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