Verbissener Papierfetischismus

IMG_4123.JPG - Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland (seen at Frankfurt Train Station)

(Foto: Otzberg unter Creative Commons (BY-NC-SA))

Sollte man diesen Text auf Papier ausdrucken, ist er nicht mehr wert als jetzt.

Irgendwann zwischen dem 1. und 2. Germanischen Journalisten-Blogger-Krieg hat jemand ein paar schlaue Worte zu diesen sinnlosen Abgrenzungsgefechten formuliert:

Würde Herbert Grönemeyer sich darüber echauffieren, dass „jeder Laie sich berufen fühlt Musik zu machen“, stieße diese Äußerung wahrscheinlich auf Unverständnis. Ebenso, wenn Starkoch Alfons Schuhbeck „99 Prozent aller Hausfrauen-Gerichte für Müll“ erklären würde (…)

(hier zitiert, Orginal aus staatsvertraglichen Gründen nicht mehr online).

Eben dieser Mario Sixtus gehört mehr als sieben Jahre später zu den Autoren einer vom Spiegel ausgerufenen Debatten-Reihe zur Zukunft der Tagszeitung unter dem Schlagwort 2020. Deren Manko ist bisher ihr Best-Of-Charakter: Die bisherigen Entwicklungen sind offensichtlich, die Argumente sind bekannt und bereits des öfteren formuliert worden, die Projektion in die Zukunft ist bis zu einem gewissen Grad möglich, sichere Prognosen bleiben aber wie bekannt (und gerne zitiert) schwierig.

Mittlerweile sind manche Blogger professionelle Journalisten geworden, immer mehr Redaktionen und Journalisten nutzen die sozialen Medien als professionelle und/oder persönliche Verlängerung ihrer Publikationsplattform. Inzwischen schreiben sogar für die Frankfurter Allgemeine Zeitung Gastautoren des Chaos Computer Clubs, neben etlichen seiner Redaktionskollegen ist Co-Herausgeber Frank Schirrmacher auf Twitter aktiv. Dennoch scheint die Verteidigung des geheiligen Transportmediums Papier, der Gattung „Text“ und der „Zeitung“ als einziger Verkörperung des „Qualitätsjournalismus“ weiterhin zum Glaubensbekenntnis zu gehören, das Michael Hanfeld und andere FAZ-Autoren predigen – mit einer Verbissenheit, die an besagte Journalisten-Blogger-Kriege erinnert.

Jüngste Beispiel ist ein Text von Stefan Schulz, der die Diskussion der Spiegel-Reihe als „Die Odyssee der Online-Onkels“ zusammenfasst. Unter anderem bekommt hier Mario Sixtus sein Fett weg, dessen Name laut FAZ-Redigiervorgaben offenbar nach Möglichkeit mit dem Hinweis auf Gebührengelder versehen werden muss (noch so ein Credo).

Schulz – obgleich nachweislich seiner Spuren im Netz kein genereller Digitalverächter – versteigt sich in ein putziges Hohelied der Papierzeitung, dessen Anachronismus spätestens zu Tage tritt, wenn man einige Vokabeln austauscht und die Medienentwicklung mit dem Fortschritt bei Fahrzeugen vergleicht (was zugegebenermaßen auch nicht sehr neu oder originell ist, aber deutlich):

Die als Fehler benannten Limitierungen einer Kutsche sind tatsächlich Garanten der Fortbewegungsqualität. Sie bedingen, dass Kutschpassagiere entscheiden, abwägen und aushandeln, welchen Fahrten sie mit ihrem Gefährt unternehmen. Auch das dieser Prozess auf bedeutend langsamere Reisegeschwindigkeiten hinausläuft, ist nützlich.

Selbst die Mühsal einer Kutschfahrt – mangelnder Komfort, zahlreiche Stopps durch Wechsel oder Versorgung der Pferde – trägt zur Steigerung der Reisequalität bei, weil ihr das Zugeständnis an die Aufmerksamkeitsgrenzen der Passagiere innewohnt. Der Ausbau moderner Verkehrssystem hat kaum Probleme gelöst – sondern im Gegenteil verschärft. Selbst die Reduktion auf von wenig von Autos befahrenen Routen für Kutschen zeigt im Zeitalter von Pkw und ICE ihre Vorteile, weil es dem Reisenden überlassen bleibt, ob er in drei Stunden von Dortmund nach Hamburg rauscht oder sich mehre Tage Zeit nimmt, um die Veränderung von Landschaft, Menschen und Natur wahrhaft zu erleben.

Zum Glück ist Stefan Schulz nicht der letzte Volontär einer Tageszeitung, sonst könnte sein Beitrag womöglich als Fanal eines verbissenen Papierfetischmus Eingang in spätere Journalismus-Lehrwerke finden. Aber man darf schon gespannt sein, welche Konflikte in Frankfurt bei diesem Geist noch ausgefochten werden, wenn dort Mathias Müller von Blumencron die „Verantwortung für die Weiterentwicklung sämtlicher digitaler Angebote“ übernimmt, der doch wegen eben solcher Schwierigkeiten den Spiegel verlasssen hatte.

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(Disclosure)

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