Völkerschlacht: MDR holt Geschichte in die Gegenwart

Vier Tage währte 1813 die Völkerschlacht bei Leipzig – und vier Tage lang hat nun der MDR die Ereignisse von damals quasi live nacherzählt. Das klingt abenteuerlich, ist aber innovativ – und allemal lehrreicher als die eventmäßige Nachstellung der Schlacht.

MDR: "Die Völkerschlacht erleben" - Startseite des Themenspecials

MDR-Themenspecial zur Völkerschlacht

Im Februar dieses Jahres war ich beruflich in Leipzig und habe mir als historisch interessierter Mensch auch das Völkerschlachtdenkmal angesehen. Das wurde damals generalsaniert – zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig sollte es in neuem Glanz erstrahlen. Ich habe mich damals gefragt, wie wohl dieser 200. Jahrestag begangen werden würde – und wie die mediale Aufbereitung aussehen würde.

MDR Topnews zur Völkerschlacht

Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni interviewt einen Geschichtsprofessor zu den Folgen der Völkerschlacht – als wäre es 1813

Eine überraschend innovative Geschichtslektion hat sich der MDR ausgedacht: Der ARD-Sender berichtete quasi live über die vier Tage im Oktober 1813 – so als fände die Schlacht gerade statt und als habe es damals schon Fernsehen und Internet gegeben. ARD-Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni präsentierte vier jeweils 25-minütige Ausgaben der „MDR Topnews: Völkerschlacht überrollt Sachsen“ in einem virtuellen Nachrichtenstudio im ARD-Brennpunkt-Stil: Zamperoni moderierte dabei Beiträge von den Schlachtfeldern oder aus Leipziger Notlazaretten an, zeigte via iPad militärische Stellungen auf der Karte und analysierte mit Geschichts-Professor Norbert Finzsch von der Universität Köln die Lage. Ein Live-Ticker-Band lief durch den unteren Bildschirmrand und versorgte die Zuschauer mit Nachrichten von den Fronten. So was hat die Republik noch nicht gesehen.

Korrespondenten erweitern die Perspektive

Nach anfänglicher Skepsis muss ich sagen: Dem MDR ist es mit den vier Topnews-Ausgaben gelungen, ein epochales geschichtliches Ereignis anschaulich und plastisch zu transportieren. Nicht nur über den militärischen Schlachtverlauf, sondern vor allem, was die Lage der Zivilbevölkerung betrifft: ihre Versorgung mit Lebensmitteln, die Okkupation ihres Hab und Guts durch Soldaten, die drastischen hygienischen Bedingungen, bis hin zu den Plünderungen auf den Schlachtfeldern.

Neben den vier Fernsehsendungen runden weitere Audio- und Video-Beiträge, ein Live-Ticker und eine Reihe von Korrespondenten-Blogs den Ansatz ab, heutige Darstellungsformen auf die damalige Zeit zu übertragen.  Vor allem die Blogs der ARD-Journalisten aus Wien, Paris und Moskau, von Börsenexpertin Anja Kohl oder Adels-Guru Rolf Seelmann-Eggebert erweitern die Perspektive enorm und liefern Hintergründe und internationalen Kontext zur Völkerschlacht. Genau das passiert in der sonstigen MDR-Berichterstattung zur Völkerschlacht sonst kaum.

Vorgeschichte und Folgen der Schlacht kommen zu kurz

Zwar hat der MDR zur Völkerschlacht – hier drängt sich dieses Bild wirklich auf – aus allen Rohren gefeuert und alle Beiträge auf der mächtigen Themenseite „Die Völkerschlacht erleben – Geschichte live im MDR“ gesammelt. Doch selbst in der Rubrik „Hintergründe“ erfährt der Leser nur wenig über die Vorgeschichte oder die Folgen: Das Ende Napoleons, der Wiener Kongress, der Deutsche Bund, das schrumpfende Sachsen werden –  wenn überhaupt – nur kurz erwähnt, aber nicht erklärt. Das hätte man prima mit einer aktiven Zeitleiste machen können (vor allem Timeline JS eignet sich gut dafür, z.B. bei der Geschichte Ghanas).

Völkerschlacht wird per Live-Ticker nacherlebbar

Der MDR machte die Völkerschlacht in einem Live-Ticker nacherlebbar

Statt dessen dominiert die Schlacht selbst das Web-Special, vor allem ihre Nachstellung durch 6000 Freiwillige am 20. Oktober 2013. Dieses „Re-Enactment“ genannte Spektakel fügt sich gut in die heutige Event-Kultur ein – gibt aber auch Anlass zu Kritik (Juliane Leopold spricht auf „Kleinerdrei“ von der „Einladung zur Schlachteplatte“) Immerhin hat der MDR das Diskussionsforum „Die Völkerschlacht als folkloristische Inszenierung – unangemessen oder ehrwürdig?“ eingerichtet.

Mir persönlich war es auch zu viel Event – und wieder eine journalistische Fixierung auf einen Jahrestag. Kommendes Jahr wird (beim MDR) niemand mehr über die Völkerschlacht sprechen. Der Topnews-Ansatz ist aber innovativ und geeignet, um gerade Jüngeren, die den Blicks ins Geschichtsbuch scheuen,  die Historie näher zu bringen.

 

Bernd Oswald auf Google+

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