Was wir als Journalisten nach dem NSA-Skandal tun müssen

Enigma

Foto von RubenJ unter CC-Lizenz

Ich bin mir sicher, dass viele Journalisten in Deutschland seit einigen Wochen darüber nachdenken, ob wir uns weiterhin so sorglos wie bisher im Internet bewegen können. Kommunikation ist unser Beruf, deshalb sollten wir eigentlich beim Datenschutz
ganz vorne stehen. Folgende Punkte sind für unseren Beruf zentral:

  1. Informantenschutz. Gerade weil wir auf Informanten angewiesen sind, die uns Vertrauen schenken, sollten wir eigentlich wissen, wie wir unsere Informaten schützen können.
  2. Meinungsfreiheit. Selbst wenn gesichert wäre, dass die Überwachung der Geheimdienste für unsere Arbeit keine Konsequenzen hat, beengt das Gefühl, dass ein Dritter mitliest. Wir brauchen einen Raum für kritische Gedanken. Damit es keine Schere im Kopf gibt, ist es wichtig, dass Kommunikation auf Wunsch geheim und geschützt bleibt
  3. Privatsphäre. Als Journalisten können wir uns schnell Feinde machen. Deswegen sollten wir unsere eigene Privatsphäre schützen, um nicht Opfer einer Schmutzkampagne zu werden. Denn das kann im Lokaljournalismus genauso passieren wie im investigativen Journalismus auf internationaler Ebene.

Den staatlichen Schutz dieser Rechte kann man sicher über verbandspolitische Arbeit verbessern, aber wichtiger ist, dass jeder einzelne Journalist selbst dafür sorgt, dass seine Daten nicht in falsche Hände gelangen. Das Problem ist allerdings, dass für sichere Kommunikation mindestens zwei Menschen ihre Gewohnheiten ändern müssen. Die meisten Journalisten wissen, dass es zahlreiche Alternativen zu ungeschützter Email oder problematischen Social-Media-Firmen wie Facebook gibt. Aber wenn man unter seinen Kollegen der einzige mit einer Verschlüsselungssoftware ist, kann das das natürlich frustrierend und sinnlos erscheinen. Ähnliche Situation bei Facebook: Wer will zu Friendica oder Diaspora wechseln, wenn die Freunde oder Arbeitskollegen alle bei Facebook sind.

Weil wir unsere Informanten, Kollegen und Freunde nicht zu einem bestimmten Kommunikationskanal zwingen können, kann die Lösung nur eine sein: Wir müssen von nun an mehrere sichere Alternativen anbieten, auch wenn es zunächst sinnlos erscheint. Und das auch dann, wenn wir unsere momentanen Recherchen nicht für besonders schützenswert halten. Wir müssen Datenschutz in unseren Alltag integrieren, es muss eine Grundtugend der journalistischen Arbeit werden. Anders können wir unsere Unabhängigkeit als vierte Macht im Staat nicht glaubwürdig verteidigen.

Ich wünsche mir die Erfüllung der folgenden Maßnahmen, die jeder Journalist innerhalb von wenigen Stunden umsetzen kann:

  • Zu einem Email-Anbieter seines Vertrauens wechseln
  • Die Verbindung zu diesem Anbieter in Handy und Emailprogramm auf SSL oder StartTSL stellen (für Hilfe dazu diese Begriffe mit Email-Anbieter und Email-Programm goggeln, z.B. „GMX SSL Outlook„)
  • Einen OpenPGP-Key für verschlüsselten Emailverkehr anbieten, z.B. mit dem Paket Gpg4win. Ich habe meinen Key bereits auf meiner Website im Impressum veröffentlicht und verlinke ihn auch in meiner Email-Signatur. Damit kann mir jeder eine verschlüsselte Email schicken.
    Verschluesselung GnuPG

  • Wissen, wie man eine Datei verschlüsseln kann (diese Option wird meistens mit der Email-Verschlüsselung mitinstalliert). Dokumente mit vertrauensvollen Daten nur verschlüsselt auf der Festplatte lagern, z.B. per Truecrypt in einer Art verschlüsseltem Ordner, der als Festplatte eingebunden wird.
  • Den Schutz der eigenen Privatsphäre erhöhen, zum Beispiel auf Facebook nichts schreiben, was nicht öffentlich ist. Insbesondere für Chat und Nachrichten andere, sichere Dienste verwenden.

Was man zusätzlich machen kann:

  • Wer Social-Media vertraulich nutzen will, sollte seinen Kollegen oder Freunden Alternativen zu Facebook, Skype und Twitter anbieten. Es gibt sehr gute quelloffene Social-Media-Software wie Friendica, den Twitter-Ersatz Identi.ca/Pump.io oder den Skype-Ersatz Jitsi. Friendica lässt sich sogar auf dem eigenen Webspace installieren. Die zusätzlichen Vorteile sind: Kontrolle über die eigenen Daten, Offenheit der Protokolle (daher Austausch mit anderen offenen Diensten), keine Werbung und keine unerwünschten Filtermethoden.
  • Datenträger mit Truecrypt komplett verschlüsseln, um den unberechtigten Zugriff von Behörden zu verhindern
  • Quelloffene Software wie Libre Office, Thunderbird und Firefox verwenden.
  • Quelloffenes Betriebssystem wie Debian verwenden
  • Weitere Empfehlungen auf http://prism-break.org und http://digitalcourage.de in Betracht ziehen, z.B. verschlüsselte Telefongespräche

Zeugnisverweigerungsrecht, Privatsphäre und Datenschutz sind in Deutschland gesetzlich geschützt. Es ist absurd, dass wir in den letzten zehn Jahren diese Rechte im Internet aus Bequemlichkeit und Technikeuphorie abgetreten haben, obwohl andere Wege von Anfang an möglich waren. Jetzt haben wir etwas nachzuholen und das wird für uns alle ein Stück Mühe und Arbeit bedeuten.

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