Super: NSA-Enthüllungen im Snowfall-Stil

"NSA Files: Decod" auf der Website des Guardian | Foto: Fiete Stegers

Ein halbes Jahr nach Beginn nach seinem ersten Bericht fasst der Guardian die bisherigen Enthüllungen auf Basis der Snowden-Informationen zusammen. Das ist grandios geglückt: „NSA Files: Decoded“ zieht den Nutzer multimedial durch die Story, stellt die wichtigsten Fakten heraus und erläutert, was sie bedeuten – politisch und direkt für den einzelnen Nutzer.

Dieses Zwischenfazit zu den Enthüllungen über die Geheimdienstpraktiken von NSA und GCHQ kommt von Ewen McAskill (seinerzeit zusammen mit Glenn Greenwald beim Treffen mit Edward Snowden in Hongkong) und Gabriel Dance und ist ein sogenannter Onepager im Stil des New-York-Times-Features „Snowfall“, das in den vergangenen Monaten viele Nachahmer fand. Auch hier steht ein langer Text auf einer einzigen Seite, angereichert durch verschiedene Zusatzelemente, vor allem Videos.

Im Prinzip handelt es sich also bei „NSA Files: Decoded“ – wie bei „Snowfall“ u a. – um nichts anderes als das, was schon vor mehr als zehn Jahren in onlinejournalistischen Lehrwerken als „Print + X“ o. ä. gepredigt wurde: Eine lineare Story durch passgenaue Elemente zu ergänzen. Aber nicht nur die in der Zwischenzeit gestiegenen Bandbreiten, die für eingebundene Video-Schnipsel keine elenden Ladewartezeiten mehr verlangt, macht die Aufbereitung beim Guardian – zusammen mit einigen eingebundenen Originaldokumente-Dokumenten umfasst die Story mehr als 50.000 Zeichen – so gelungen:

  • Intuitives Autoplay der eingebundenen Videos: Sobald beim Scrollen das Video mit dem Startbild des Interviewpartners in der Mitte des Bildschirms erscheint, startet das Video mit dem kurzen O-Ton. Beim erneuten Scrollen nach oben oder unten stoppt es (Beispiel).
  • Alle Interviewpartner erscheinen freigestellt vor weißem Hintergrund. Diese Anmutung und das Autoplay machen die O-Töne zu natürlichen Bestandteilen des Leseflusses, anders als bei klassischen Video-Startbildern, die signalisieren: „Achtung, hier beginnt ein eigenständiger Film“. Und dadurch womöglich eher davon abschrecken, sie anzuklicken.
  • „What the revelations mean for you“: Es wird nicht nur berichtet, sondern auch eingeordnet – und der Nutzer mehrfach direkt angesprochen.
  • Interaktive Features: Um zu verdeutlichen, dass nicht nur einzelne Verdächtige von der NSA erfasst werden, sondern über Metadaten von Kommunikation und Verbindungen in Sozialen Netzwerken praktisch jeder ins Visier des Geheimdienstes geraten könnte, erzeugt der Guardian aus dem Facebook-Profil des Users eine individualisierte Infografik(Zustimmung vorausgesetzt). Schön sind auch die Animation „Seit Sie diesen Artikel lesen, hat die NSA [fortlaufender Counter] Terabyte Daten erfasst.“ sowie eine datenjournalistische Visualisierung zum US-Kongress.
  • Jeder einzelne Abschnitt der langen Seite kann über einen Permalink und eine Twitter-Sharing-Funktion vom User gebookmarkt und weiterverbreitet werden.
  • Auch Originaldokumente sind über einen Viewer direkt im Text eingebunden.
  • Aus dem Text wird auf die vorausgegangene Berichterstattung des Guardian verlinkt, also auf bestehenden Content. Der Onepager vermeidet aber eine Gefahr eines klassischen Multimedia-Features mit einem verzweigten, aus mehreren Elementen bestehendes Storyboard: Es werden keine Elemente aufwändig neu erzeugt, die dann später nur nur als abgeschlossene, möglicherweise unveränderliche Objekte getrennt vom übrigen Content existieren.
  • Inhaltlich interessant: Es kommen quasi keine Verteidiger der NSA zu Wort.
  • Das letzte Kapitel blickt in die Zukunft: Wie geht es jetzt weiter?

„The Debate Snowden wanted is happening. That itself is a major achievement.“

  • Die Aufbereitung des Inhalts und die Ansprache der Nutzer hat die USA im Blick, nicht Großbritannien. Der Guardian hat ja auch dort ein großes Publikum.
  • Natürlich hat „NSA Files: Decoded“ eine andere Art von Dramatik als der Onepager „Firestorm“, bei der der User mit einer australischen Familie um das Überleben in einem Buschfeuer mitzittert. Aber viel anschaulicher als hier lässt sich die abstrakte Thematik nicht darstellen, außer durch Einzelschicksale von direkt Betroffenen, die durch die Überwachung bereits schwere persönliche Nachteile erlitten haben.

Bei allen Lob für das Feature durch anderen Journalisten zum Beispiel auf Twitter bleibt die Frage, wie gut dieser und andere Snowfall nacheifernde Produktionen beim normalen Publikum ankommen? (Hinweise dazu gerne in den Kommentaren).

„Nur weil man es kann, muss man es nicht machen“, warnt Bobbie Johnson vor einer Snowfall-Lawine. Multimedia dürfe nicht zum Selbstzweck werden, um bei den Applaus der Kollegen (und vielleicht einen Journalistenpreis) einzuheimsen, sondern das Publikum müsse etwas davon haben.

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