Missachtung des Urheberrechts oder „public service“?

Text auf der Facebook-Seite von Armin Wolf (Screenshot [M])

Ein bekannter Fernsehjournalist, eine erschütternde Reportage aus Syrien, und die Frage, ob die unautorisierte Übersetzung eines Artikels auf einer Facebook-Seite mit 250.000 Fans eine urheberrechtliche Petitesse ist. Andrej Reisin und Fiete Stegers meinen: Nein.

Vor gut einer Woche publizierte ORF-Moderator Armin Wolf eine lange Reportage über drei Frauen aus der vom „Islamischen Staat“ beherrschten Stadt Raqqa in Syrien auf seiner Facebook-Seite.

Für Wolf war das „einer der eindrucksvollsten (und bedrückendsten) Texte, die ich bisher über das IS-Kalifat gelesen habe“.  Geschrieben hat ihn allerdings Azadeh Moaveni (@AzadehMoaveni). Es handelte sich nämlich um die Übersetzung eines „New York Times“ (NYT) erschienenen Artikels der freien Autorin, die mehrere Bücher über Frauen in der islamischen Welt verfasst hat.

Vor dem Einstellen der Übersetzung hatte Wolf bereits den Original-NYT-Artikel auf Facebook gepostet. Nachdem viele Leute nach einer Übersetzung gefragt hätten, habe sich ein „junger Mann“ angeboten, den Text für Wolfs Facebook-Seite zu übersetzen. Der Übersetzer wolle allerdings anonym bleiben, da er sich nicht mit den zahlreichen Hass-Kommentatoren herumschlagen wolle, die Wolf auf seiner Seite belästigten. Wie viele Journalisten bekommt es Wolf nämlich regelmäßig mit rechtsradikalen und anderen Hass-Kommentatoren zu tun, die vor allem seine Haltung in der Flüchtlingsfrage oder seinen kritischen Fragen an FPÖ-Politiker zum Anlass nehmen, ihn übel zu diffamieren.

Stolz berichtet Wolf später, dass die Geschichte dank ihm Hunderttausende Menschen erreicht habe.

Dass Wolf allerdings offenbar zu keinem Zeitpunkt auch nur daran gedacht hatte, hier möglicherweise eine Urheberrechtsverletzung zu begehen, ist erstaunlich. Immerhin handelt es sich um einen Autorentext, eine Reportage noch dazu, die wahrscheinlich auf einer wochen-, wenn nicht monatelangen Recherche mit entsprechendem finanziellen und logistischen Aufwand beruht. Eben das macht die Geschichte inhaltlich ja so gut uns lesenswert.

Wolfs Facebook-Seite hat fast 250.000 Follower und ein Impressum, in die Anschrift von Wolfs Arbeitgeber ORF steht. Laut Wolf handelt es sich trotzdem um eine „private Seite“, da er seine Privatadresse aufgrund der Anfeindungen nicht angeben wolle.Letzteres ist wie gesagt komplett nachvollziehbar – warum Facebook und die deutschsprachige Öffentlichkeit dagegen die deutsche Übersetzung eines NYT-Stücks umsonst haben dürfen sollten, dagegen nicht ohne Weiteres. Auf Twitter-Anfragen dazu reagierte Wolf eher brüsk:


Zum besseren Verständnis stelle man sich den Vorgang umgekehrt vor: Der ORF recherchiert wochenlang, schickt dann Autor und Kamerateam für Tage in die südliche Türkei, kommt mit Exklusivmaterial zurück, macht eine lange Fernseh-Reportage – und ein US-Moderator eines großen Networks mit +250.000+ Facebook-Fans vertont das Ganze neu und stellt es auf seine Seite. Unvorstellbar? Eben. Noch unvorstellbarer, dass der ORF dies einfach geschehen ließe, wie Wolf auf Twitter schreibt.

Damit wir uns nicht missverstehen: Die Intention ist komplett nachvollziehbar und gut gemeint. Wenn es jedoch alle so machten, würde in Zukunft niemand mehr irgendwas an Übersetzungen verdienen: Autoren nicht, Verlage nicht und Übersetzer nicht. Nur Facebook hat einen monetären Vorteil von der Reichweite und Verbreitung des deutschen Textes.

Was passiert, wenn man die NYT um Erlaubnis bittet?

Wer bei der NYT anfragt, ob er einen Text auf Deutsch lizensieren darf, erhält Antwort: Im konkreten Fall lautet die Antwort des von der NYT beauftragten Rechtewahrnehmers PARS International:

„The article is not available for licensing as suggested. Your consideration in asking for copyright permission is greatly appreciated.”

Mithin: Der Artikel steht überhaupt nicht zur Lizensierung zur Verfügung, vermutlich weil die Rechte bei der freien Autorin liegen – und nicht bei der NYT. In anderen derartigen Fällen verlangt die NYT für die Lizenz übrigens gut 1.500 US-Dollar für ein Jahr – je nach Größe und Verbreitung des abdruckenden Mediums.

Und die „Kleine Zeitung“ bedient sich bei Wolf

Im konkreten Fall allerdings machte sich auch noch mindestens ein anderes Medium Wolfs Facebook-Übersetzung (bzw. diejenige seines Freiwilligen) zunutze: Die „Kleine Zeitung“, die im Gegensatz zum Namen die größte regionale Tageszeitung Österreichs ist, übernahm – deklariert als „Auszüge“ – rund 20.000 Zeichen von 35.000 Zeichen des Texts, garniert mit den Anzeigen der eigenen Kunden. Dass die Redaktion dafür die Erlaubnis der Original-Autorin eingeholt hat, ist unwahrscheinlich. Ihr Name wird von der „Kleinen Zeitung“ im Gegensatz zu Wolf nicht einmal erwähnt.

Wenn Journalisten das Urheberrecht nicht kennen – oder ignorieren

Ist das alles eine Petitesse? Nein, der Vorgang verdeutlicht einige zwiespältige Aspekte und die Komplexität der doch für den Journalismus als Branche so wichtigen Debatte ums Urheberrecht im digitalen Zeitalter:

1. Unter Journalisten gibt unserer Erfahrung nach teilweise eine erstaunliche Unwissenheit in Sachen Urheberrecht.

2. Wie jeder andere Mensch sind Journalisten oft genug bereit, Urheberrechte anderer zu missachten, wenn es ihren persönlichen Interessen dient: Wenn eine Story unbedingt ein Bild braucht und die Klärung der Bildrechte zu aufwändig, teuer oder zu wenig aussichtsreich erscheint, zum Beispiel.

3. Wenn jemand Journalisten auf den Fehler hinweist bzw. die Unvereinbarkeit mit den aktuellen Regeln des Urheberrechts, dann zeigen sie mitunter ein bemerkenswert hohes Maß an Sturheit. So schenkt man sich die Klärung von Bildrechten, weil das „Foto ohnehin schon überall“ verbreitet sei. Häufig wird das damit verklärt, dass die Urheber das Foto doch bei Facebook eingestellt hätten oder ihren Interessen damit gedient sei, wenn man ihre Inhalte in sein Medium übernehme und diese dadurch weitere Verbreitung fänden. Das mag so sein – garantiert ist es aber nicht. Eine solche Haltung ist weder überraschend noch abgrundtief verwerflich. Allerdings macht sie es schwierig, selbst seine Urheberrechte wahrnehmen zu wollen, wenn man in der Rolle des Betroffenen ist. Und damit noch einmal zurück zu Wolf: An anderer Stelle pocht er nämlich durchaus auf sein Urheberrecht:

Wohlgemerkt geht es hier um Twitter-Nachrichten Wolfs, die sich standardmäßig von Dritten in andere Websites einbetten lassen, wozu Twitter sich in seinen Terms of Service von Wolf und allen anderen Twittern-Nutzern das Recht einräumen lässt. Auch mit diesem Missverhältnis beim Umgang mit dem Urheberrecht anderer im Vergleich zum eigenen ist Wolf keinesfalls allein.

Böhmermann und das Foto mit Hitlergruß und Jogginghose

Sein Verhalten erinnert an Moderator Jan Böhmermann: Er lieferte sich im letzten Jahr ein Urheberrechts-Battle mit dem Fotografen des wahrscheinlich berühmtesten Bildes der ausländerfeindlichen Krawalle in Rostock-Lichtenhagen 1992. Dieser hatte die unerlaubte Verwendung seiner Fotografie durch Böhmermann abgemahnt, auch, weil er gerne die Kontrolle über den inhaltlichen Zusammenhang seines Fotos behalten möchte.

Böhmermann hatte damals zunächst erklärt, er habe das Foto einfach über die Bildersuche bei Google gefunden, dort keine besonderen Copyright-Vermerk festgestellt und bei der Weiterverwendung in einem Tweet sogar den Namen des Fotografen angegeben – eine mehr als naive Herangehensweise für einen Medienprofi. Später fügte er hinzu, dass er zwar dafür sei, dass Urheber angemessen bezahlt werden:

„Ich empfinde es aber als unverhältnismäßig, dass sowohl ich mit 159.000 Followern als auch mein Kollege mit 100 Followern für das Posten eines Fotos bei Twitter ohne jegliche Kommunikation direkt mit 1000 Euro abgemahnt werden.“

Böhmermann kritisierte, dass die urheberrechtlichen Regelungen nicht „dem medialen Wandel der Informationsgesellschaft“ Rechnung trügen.

Eine generelle Fair-Use-Klausel des Urheberrechts für die Übernahmen von Inhalten durch Wissenschaft, Medien oder Privatleute gibt es in Europa anders als in den USA aber nicht.

Dass das im speziellen Fall zeitgeschichtlich zur Ikone gewordene Lichtenhagen-Bild dadurch irgendwie zu einem gemeinfreien Objekt geworden sei, ist auch eine Fehlannahme in einer rechtlichen Situation, in der auch die Erben von Nazi-Größen bislang vom Urheberrecht an deren Texten profitierten. Faktisch gibt es einerseits Bilder, bei denen die Urheber äußerst genau und mit voller juristischer Wucht auf ihre Rechte pochen, andererseits massenweise solche, die ohne rechtliche Rücksichtnahme bzw. Folgen im Netz weiterverbreitet werden (können).

Wolf handelte nicht wie eine Privatperson, sondern wie ein Medium

Wenn schon gestandene Medienprofis auf solche komplexen Terrain ins Schlittern geraten können, ist es kein Wunder, wenn normale Nutzer regelmäßig ungewollt mit dem Urheberecht in Konflikt kommen. Für sie sollte es in der Tat Vereinfachungen geben, was die digitale Realität von Kopie und Remix angeht – gleichzeitig muss aber Recht der Urheber auf die kommerzielle Verwertung ihrer Werke erhalten bleiben. Letzteres sollte gerade Journalisten klar sein, die oft genug gezwungen sind, zahlreiche Verwertungsrechte an ihre Auftraggeber abzugeben.

Die Lage ist insgesamt komplex. Im Fall von Wolfs unautorisierter Übersetzung gibt es aber nichts zu diskutieren: Deren Veröffentlichung mag inhaltlich für alle Leser ein Gewinn sein (Wolf: „public service im allerbesten Sinn“). Wolf hat hier aufgrund seiner großen Reichweite und seiner Rolle eben nicht als Privatmann gehandelt, sondern als Ein-Mann-Massenmedium. Ein Bärendienst für alle Journalisten als Urheber – denn ignoriert wurden letzten Endes eben nicht die Rechte der mächtigen „New York Times“, sondern die der einzelnen Autorin.

Vielleicht hat Azadeh Moaveni hat ja auch gar nichts gegen eine kostenlose Verbreitung ihres Textes in Österreich und gar nicht vor, diesen noch an „Standard“, „Profil“, „Zeit“ oder „Stern“ zu verkaufen. Das wäre ihr gutes Recht.

Aber fragen sollte man sie wenigstens.

English summary
Austrian news anchor has posted a German translation of a complete NYT article on three women from Syria by on his Facebook page (approx. 250.000 fans). He considers this „true public value“ because a great story is reaching an even greater audience, especially those who don’t speak English well enough. We think this is well meant, but an obvious copyright infringement which violates the original author’s rights. Sadly, journalists often show surprising little knowledge of intellectual property rights or choose to ignore if it serves them better.

The „Kleine Zeitung“ even published there very own article – by „citing“ most of Wolf’s translation without as much as even mentioning the original author’s name.

Mit Dank an M. S.

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