Facebook und das Ende der Wurzel

Quelle: Facebook, Screenshot Christian Kretschmer

Quelle: Facebook, Screenshot Christian Kretschmer

Das soziale Netzwerk wird zur wichtigsten Plattform für professionelle und private Kommunikation im Netz. Wie gravierend die Auswirkungen für den Journalismus und die Nutzer sind, beschreibt Christian Kretschmer in seinem Gastbeitrag für onlinejournalismus.de.

Das Internet, glaubt man so manchem Medientheoretiker, es sieht aus wie eine Wurzel. Zugegeben, das klingt etwas verwirrend und, nun ja, ungewohnt botanisch. Das Bild der Wurzel, oder des „Rhizoms“, hilft aber, sich der Grundstruktur des World Wide Web bewusst zu werden.

Die Metapher des Rhizoms, aus dem Griechischen für Wurzelgeflecht, wurde in den 1970-er Jahren von Gilles Deleuze und Félix Guattari als Ordnungsmodell in die Philosophie eingeführt. Das Rhizom sollte als Alternative zum vorherrschenden Schema der Wissensanordnung dienen: der Baumstruktur. Letztere zeichnet sich durch eine klare Hierarchisierung und Priorisierung aus. Das Rhizom, es besteht dagegen aus einem endlos scheinenden Geflecht, aus stets gleichwertigen Verbindungen zwischen Knotenpunkten. Kein Stamm, nur Linien.



Websites als Knotenpunkte


Später wurde in der Medienphilosophie das Rhizom als Schablone über die Struktur des Webs gelegt. Websites lassen sich so als Knotenpunkte in diesem Wurzelgeflecht denken. Sie alle sind durch Hyperlinks miteinander verbunden, verweisen aufeinander, ohne, dass es einen Ausgangs- oder einen Endpunkt gäbe. Das Bild des Rhizoms war im Speziellen für den Journalismus im Internet geeignet, um die vielfachen Verweise, Zitate, Links zwischen journalistischen Inhalten auf Websites, Blogs, und sozialen Netzwerken zu illustrieren.



Facebook als Trichter und als Basisoberfläche


Dieses – zugegeben idealisierte – Prinzip der publizistischen Egalität scheint sich im „Zeitalter der Plattformen“ aufzulösen. In diesem sich abzeichnenden Zeitalter werden soziale Netzwerke, allen voran Facebook, zum alleinigen Distributionskanal von Nachrichten, ja von Medieninhalten jeder Art.


Netzwerke, nicht Websites, sind der Ort, an dem Inhalte rezipiert werden. Diese Entwicklung, auch Distributed Content oder, etwas negativer, Homeless Media genannt, wird wohl weiter zunehmen. Zumindest deuten Zahlen in diese Richtung: Laut Reuters Digital News Report geben in den USA und der EU mittlerweile 46 Prozent der Nutzer an, Social Media als Nachrichtenquelle zu nutzen. Dieser Wert habe sich seit 2013 verdoppelt.



Es überrascht also kaum, dass Facebook unlängst als filternde Plattform, als „Trichter“ von Inhalten, als das neue „AOL“, die Basisoberfläche aus den Anfängen des WWW, oder als „Masterfilter“ beschrieben wurde. Wie auch immer man diese Entwicklung benennen mag – das verwobene Nebeneinander von Websites löst sich auf, alles konzentriert sich auf einen zentralen Ausgangspunkt. Man könnte auch sagen: Die Ordnung der Inhalte im Web, sie muss mit dem wachsenden Einfluss von Facebook als Baumstruktur, nicht als Rhizom, gedacht werden.


Facebooks Meinungsmonopol


Eine Folge dieses Prozesses ist der wachsende Einfluss von Facebook in der öffentlichen Meinungsbildung. Facebooks Kuratoren in den Trending Topics sowie Algorithmen in den Newsfeeds und nicht mehr die Journalisten der Medienhäuser bestimmen die Nachrichten-Agenda. Diese ist nicht nur intransparent, sondern auch anfällig für Manipulation, wie der Trending-Topic-Leak offenbart.


Das Problem des wachsenden Einflusses des Milliarden-Konzerns fasst Ken Doctor auf Niemanlab.org treffend zusammen: „Immer weniger Leute entscheiden, was für immer mehr Leute zu Nachrichten wird.“ Zwar reagiert Facebook nun, indem künftig weniger Menschen, als Algorithmen die Trending Topics bestimmen sollen, doch schon eröffnet sich das nächste Problem: Die automatisierte Nachrichten-Agenda funktioniert nicht nach dem Prinzip der Relevanz, sondern nach dem der Popularität.


Die Nutzer sind sowieso da


Um ihren ohnehin weitreichenden Einfluss zu stärken, rüsten die Plattformen auf. Sie kümmern sich nicht nur um die Distribution von Inhalten, sondern vermehrt auch um deren Produktion.


Ein Beispiel hierfür ist das Karrierenetzwerk XING: Mit eigenem Newsletter und eigenen Journalisten wird das Netzwerk selbst zum Contentproduzenten. XING und andere Netzwerke haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber klassischen Medienhäusern: „Sie müssen nicht mehr um die Nutzer buhlen, denn die sind sowieso da“, schreiben Stephan Weichert und Daniel Moßbrucker auf vocer.org.


Facebook verfolgt ein ähnliche, wenngleich komfortablere Strategie. Es sind noch mehr Nutzer da. Aber warum sollte das größte soziale Netzwerk der Welt Inhalte produzieren, wenn das andere für einen machen können? Hier profitiert Facebook von seinen Instant Articles.


Durch Instant Articles können Medienhäuser, Blogger etc. ihre Inhalte – zum Beispiel Texte – direkt bei Facebook einbinden. Der User wird dann nicht mehr auf eine externe Seite verwiesen, sondern liest den vollständigen Text auf Facebook. Denkt man sich Facebook als Baumstamm, so scheinen die Verweise nach außen, also die Äste, zu verkümmern. Und Facebook stutzt sie sich selbst.



Andere arbeiten lassen


Der Vorteil dieser Strategie für Facebook ist offensichtlich: Das soziale Netzwerk hält den Nutzer auf seiner Seite und erhöht so dessen Verweildauer, ohne selbst aktiv Inhalte zu generieren. Im Umkehrschluss werden Blogger, Verlage, Online-Medien zu Zulieferern für Facebook. Facebook hat die Rezipienten, Publisher haben die Inhalte.


Viele Verlierer


Insgesamt ist das ein Tauschgeschäft, von dem vor allem die Plattform profitiert, das aber viele Verlierer zurücklässt. Für die Nutzer bedeutet der wachsende Einfluss von Facebook, dass sie ein immer kleiner werdendes Nachrichtenfeld abschreiten, denn das Netzwerk filtert den Strom von geteilten Inhalten nach den jeweiligen Vorlieben des Nutzers.


Dass eine algorithmengesteuerte Informationsselektion auch außerhalb von Facebook stattfindet, wurde durch Eli Parisers Filter Bubble längst beschrieben. Doch wo externe Websites noch Kontakt mit alternativen, überraschenden Nachrichten bieten, zieht sich das Nachrichtenangebot auf Facebook weiter zu.


Das was der Nutzer dort im Newsfeed zu lesen bekommt, wird durch Facebooks Algorithmen auf Basis des Interessenprofils des Nutzers vorsortiert: Fremdselektion nach dem Prinzip der Selbstselektion. Im Newsfeed befindet sich der Nutzer in einem Zustand der permanenten Bestätigung – Facebook will ihn ja nicht vergraulen.


Medienhäuser verlieren ihre Autonomie


Dass das auch gesellschaftliche Folgen nach sich zieht, beschreibt Katharine Viner, Chefredakteurin des Guardian, in einem ausführlichen Essay. Facebook unterscheidet in seiner Selektion nicht nach journalistischen Kriterien, unterscheidet nicht nach richtig und falsch, nach relevant oder irrelevant.


Facebook behandelt Gerüchte und Falschbehauptungen wie Wahrheiten, da Facebook Inhalte nicht recherchiert und überprüft, sondern lediglich verteilt. Immer schwerer wird es also auch, einen gesellschaftlichen Konsens in großen Debatten zu finden, wo Informationen disparat, personalisiert und ungeprüft in Newsfeeds auftauchen und verschwinden. Die Personalisierung im Kleinen, glaubt man manchem Kommunikationswissenschaftler, führt zur Fragmentierung im Großen.



Für Medienhäuser bedeutet das digitale Baumzeitalter zunächst Autonomieverlust, denn die Hoheit über Anordnung der Inhalte liegt bei der Plattform, nicht beim Produzenten. Die Medienhäuser drohen hinter der digitalen Allgegenwart von Facebook zu verschwinden. 

Konsequenterweise passen sich die Publisher den Mechanismen von Facebook an. Sie müssen Nachrichten noch mehr zuspitzen, noch lauter schreien, so dass ihre Inhalte wahrgenommen und geteilt werden, zumal, da Facebook die Freunde in dem Newsfeed aufwertet. Da ist es bezeichnend, dass der Social-Media-Chef der Bild-Zeitung zunehmendes Clickbaiting in sozialen Netzwerken moniert.


Neben der Glaubwürdigkeit der Medien ist auch deren Finanzierung bedroht. Besonders drängend ist die Frage, wie sich Inhalte der Medienhäuser auf Facebook monetarisieren lassen. Wird man in Zukunft für bestimmte Instant Articles zahlen müssen, sprich Micropayment auf der Plattform? Wie will man sich durch Werbung finanzieren, wenn Werbetreibende auf den eigenen Webauftritten wegfallen, da diese immer weniger Nutzer besuchen?



Der Baum wächst


Diese Fragen müssen sich die Nutzer nicht stellen, ihre Motivation ist eindeutig: Inhalte auf Facebook zu konsumieren, ist bequem. Sie können sich zurücklehnen und bekommen Neuigkeiten passgenau serviert, die aktive Suche nach Information, nach anderen Standpunkten und Gegenargumenten scheint obsolet zu sein.


Aber nicht nur der Nachrichtenkonsum, auch der Rückkanal zu den Publishern, zum Beispiel über Kommentare, verläuft über Facebook. Das gleiche gilt für Anschlusskommunikation mit anderen Nutzern. Facebook entwickelt sich zur Basisplattform für professionelle, massenmediale, als auch private, zwischenmenschliche Kommunikation.



Von all diesen Faktoren profitiert Facebook – und wächst weiter. Durch Livestreams greift Facebook nicht nur Periscope an; indem es zum ersten Mal via Facebook Live ein Fußball-Spiel überträgt, bietet es sich auch als Fernseh-Ersatz an. Ohnehin Facebook Live: Der Streamingdienst spült Facebook in Zeiten des Web-Video-Hypes frisches Geld in die Kasse, Millionen-Deals mit den profiliertesten Medienhäusern inklusive. Auch im mobilen Medienkonsum dominiert Facebook, ist auf Smartphones die „De-Facto-Plattform“. Es deutet derzeit nichts darauf hin, dass das Netz der journalistischen Inhalte eines Tages wieder wie eine Wurzel aussieht. Im Gegenteil: Der Baum wächst.



Christian Kretschmer hat an der Universität Tübingen Medienwissenschaft und Linguistik studiert. Er arbeitet derzeit an seinem Master in Journalismus an den Universitäten in Valencia und Mainz.



Weitere Beiträge von Christian Kretschmer finden Sie auf Storyteller, ein Gemeinschaftsprojekt von Mainzer Journalismus-Studenten.

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