Verifikation: Searching For Snow Man

Witzig und viral: Aber wann und wo wurde dieses Foto gemacht? Protokoll einer Internet-Recherche mit umgekehrter Bildersuche, Open Data, vielen Stunden Street View, noch mehr Beteiligten und natürlich mit dem Schneemannn.

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Dieser Instagram-Post war der Auslöser: Ein Schneemann in der Telefonzelle, gepostet im letzten Winter vom Blog Notes of Berlin (das normalerweise vor allem die Berliner Zettel- und Aushangwirtschaft protokolliert) und belohnt mit etlichen Tausend Likes. Ich hatte das Bild ein paar Wochen vorher schon an anderer Stelle gesehen – und schon damals kam es mir irgendwie bekannt vor. Also interessiert mich (wie in anderen Fällen[1], [2]) der Ursprung des Fotos: Wie alt war es, wer hat es gemacht – und zeigt es tatsächlich eine Szene aus Berlin? Und die Frage: Lässt sich das allein durch Online-Recherche in öffentlich verfügbaren Quellen oder, wie es neuerdings so schön heißt, Open Source Intelligence (OSINT) klären?

Und tatsächlich lassen sich an dem Beispiel des telefonierenden Schneemanns sehr gut verschiedene Methoden der (Bild-)Verifikation von Social-Media-Inhalten nachvollziehen.

Schritt 1 ist bei der Überprüfung von im Netz kursierenden Bildern essentiell: Die umgekehrte Bildersuche mit Google und TinEye führte zu einer Vielzahl von anderen Seiten, die dieses Bild schon vor Notes of Berlin verwendete hatten – ohne Hinweis auf die Originalquelle. Die Filterung nach Uploadzeit brachte ebenfalls keinen Treffer, aber die Erkenntnis, das das Bild schon mindestens seit dem 14. Dezember 2012 im Netz zu finden ist und auch anderen Verwendungen zufolge in Berlin entstanden sein sollte. Obwohl der winterliche Wiedergänger wenig überraschend auch bei Reddit gepostet worden war, fand ich dort auch keine Quellenangabe.

Schritt 2 war eine Art Mini-Crowdsourcing: Vielleicht würde ja einer meiner Berliner Bekannten die Straße auf Anhieb erkennen?* Nach dem die ersten Antworten zwar Tipps („könnte gut Berlin sein, vermutlich eher Westbezirke“), aber erste Street-View-Checks potenzieller Locations keinen Treffer erbracht hatten, entwickelte sich der Facebook-Post sich zu einem Recherche-Thread mit einem halben Dutzend Mitwirkenden.

Plakette der Bewag an einer Haustür in Berlin (Foto: Fiete Stegers

Plakette der Bewag an einer Haustür in Berlin

Jetzt ging es in Schritt 3 darum, Hinweise auf den Aufnahmeort im Bild zu. Der wichtigste: Der Aufkleber mit dem Logo des ehemaligen Berliner Energie-Versorgers Bewag auf der Telefonsäule machte einen anderen Aufnahmeort unwahrscheinlich. Auch die Breite der Straße, Stil und Geschosshöhe der Häuser sprachen für Berlin, ebenso die Art der Bushaltestelle weiter hinten im Bild.

Der tendenziell wichtigste Hinweisgeber, das Straßenschild an der Kreuzung, war jedoch in der vorliegenden Auflösung leider unleserlich. Trotzdem barg es Hinweise:

„Der Straßennamen der Querstraße ist übrigens sehr sehr kurz. Schon „Pannierstraße“ wirkt auf Street View in ähnlichem Abstand deutlich länger“,

schrieb Andrej Reisin, einer der freiwilligen Mitrechercheure. Andere tippten auf mögliche Anfangsbuchstaben oder „-weg“ als Endung des Straßenahnens.

Auch die Bauart der Straßenlaternen wurde als möglicher Hinweis oder zumindest als Unterscheidungskriterium zwischen verschiedenen Berliner Straßen in Betracht gezogen, führte aber trotz dieser hübschen Seite nicht weiter. Die Art der Fahrbahntrennung und das Vorhandensein eines Radwegs notierten wir ebenfalls als Unterscheidungskriterium, das Fehlen einer Straßenbahn als deutlichen Hinweis auf den Westen der Stadt.

Bei Schritt 4 trennten sich jetzt die Recherchewege:

Für die systematische Geolokation lud ich die als Open Data angebotenen Geodaten sämtlicher 3462 BVG-Haltestellen herunter (Stand 2012, möglichst nah am ältesten bekannten Upload) und scrapte die Geodaten der Berliner Telefonzellen auf dieser Liste (zum Glück etwas weniger). Das kombinierte Ergebnis auf einer Google Map: Immer noch ziemlich sehr unübersichtlich, selbst wenn mann sich zusätzlich kurze Straßennamen (z B. maximal 10 Zeichen) mit ausgewählten Anfangsbuchstaben anhand dieser Straßenliste anzeigen ließ und die möglichen Trefferzonen (immer noch genug) per Street View in Augenschein nahm.

Achim Tack warf deshalb noch einige weitere Daten in die Geoinformationssysteme PostGIS und QGIS ein und suchte nach Standorten mit den Kriterien.

Telefone zu Haltestellen max 100m UND
Haltestellen zu Ampeln max 30m UND
Telefone zu höherrangigen Straßen max 10m UND
Telefone zu Radwegen max 10m“

Trotz der ausgefeilten Systemmatik Praxis erwies sich in der Praxis aber der alternative Recherche-Ansatz „weniger Systematik, mehr Spürnase“ als schneller: Andrej und Ilan fuhren nach und nach stundenlang Berliner Westberliner Ausfallstraßen ab, die ihnen aufgrund ihrer Ortskenntnis vielversprechend erschienen. Und tatsächlich entdeckten sie die gesuchte Telefonzelle (ohne Schneemann) schließlich in Street View.

Die Telefonzelle in Google Street View (Screenshot)

Die Telefonzelle in Google Street View, erfasst im November 2009 (Screenshot). Rechts im Bild Ampel und Querstraße.

Dabei hätte der systematische Ansatz ebenso zum schnell Erfolg führen können – wenn wir statt der gescrapten Daten die in Open Street Map verzeichneten Telefonzellen-Standorte verwendet hätten: Dann führte die Suche 117 zu Ergebnissen. Eine zusätzlichen Filterung nach Nähe zur Straßenamen mit Endung „weg“ lieferte nur noch 14 Treffer, darunter den gesuchten Standort – quasi auf dem Goldtablett präsentiert. Eine Erinnerung, dass eine solche Suche natürlich von der Qualität der zugrunde liegenden Daten abhängt und es immer ratsam ist zu prüfen, inwiefern diese lückenhaft, biased oder falsch sein können.

Kartenausschnitt mit Objektmarkierungen

Ergebnis der systematischen Suche in QGIS: Grün = Hauptstraßen, Lila = Radwege, Blau = Haltestellen, Grüne Punkte = Ampeln, Rot = Telefonzellen

Allerdings machte ein Ortstermin zur Überprüfung der online gefundenen Informationen an der mit Google-Street-View ermittelten Adresse klar: Die Open-Street-Map-Standortdaten hätten zwar zum Ziel geführt. Aber nur, weil der von Freiwillige gepflegte Kartendienst an dieser Stelle veraltet war:

Die Straße ohne Telefonzelle im Mai 2007

Überraschung beim Ortstermin im April 2017. Die Gebäude sind klar wieder zu verifizieren, aber …

Nachbar Kreso Sucic vom „Adria Grill“ konnte sich allerdings noch sehr gut an die Telefonzelle erinnern und erkannte das Foto gleich:

Beim Datum könnte seine Erinnerung vielleicht nicht ganz exakt sein: Im Dezember 2012 fiel nämlich in Berlin nicht nur viel Schnee. Es schneite auch gerade in den Tagen vor dem 14. Dezember. Das lässt es meiner Meinung nach wahrscheinlich erscheinen, dass das Foto unmittelbar davor gemacht wurde, wenn es tatsächlich keinen älteren Treffer im Web gibt. Sucic meinte sich übrigens zu erinnern, dass ihm das Foto zuerst ein türkischer Bekannter gezeigt habe. Er vermutete daher den Fotografen unter den Gästen des inzwischen verschwundenen türkischen Cafés nebenan.

Insofern ist die Suche nach der Quelle des Fotos – trotz mehrfacher Verwendung des Beispiels in Workshops und Seminaren – für uns weiterhin offen. Weitere Hinweise also gerne in den Kommentaren …

*Den arbeitsökonomisch naheliegenden Schritt, das Foto einfach mal den Pressestellen von BVG oder Deutscher Telekom vorzulegen und um Mithilfe zu bitten, habe ich mir absichtlich gespart.

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