Autoren-Archiv

Relaunch bei Focus und Frankfurter Rundschau

Von Fiete Stegers am 27. Juli 2010

Focus und Frankfurter Rundschau haben ihre Websites relauncht. Die FR erklärt ausführlich, was nun anders ist, der Focus sogar sehr ausführlich. Erste Eindrücke:

Die FR-Homepage wirkt deutlich bunter als Focus.de. Viel grün - aber trotzdem nicht gerade unverwechselbar. Blassgraue Schrift auf Weiß - da sollte nachgebessert werden.

Die Focus-Homepage wirkt im oberen Teil sehr elegant und aufgeräumt und bietet Platz für ein großes Titelbanner. Sobald man allerdings über die Top-Meldungen hinweg nach unten die Ressorts scrollt, sieht man, dass die Focus-Designer hier vor dem selben Problem wie andere Sites standen: “Das muss auch noch auf die Startseite.”

Der “schlanke Seitenkopf”, den der Focus extra hervorhebt, wird leider durch das massive Werbebanner konterkariert. Bei kleineren Bildschirmauflösungen bleibt da nicht viel vom Inhalt im Blickfeld (auch wenn das ebenso bei anderen Websites auftritt). Andersherum werden iPad-Nutzer auf die Mobil-Version der Website umgeleitet, die sich auf dem Tablet-Bildschirm auch nicht so gut macht.

Screenshot Focus.de 1024×768px

Screenshot Focus.de 800×600px

Auf den Artikelseiten übernimmt Focus Online das von Spiegel Online bekannte Muster, in der linken Spalte verwandte Inhalte anzubieten und rechts andere Angebote zu bewerben - gefällt mir hier gut. Die FR setzt neben den Artikel rechts einen Kasten mit Meta-Daten - bekannt etwa von Zeit Online.

Die Nutzerkommentare sind bei beiden Sites bisher positiver als beim jüngsten Relaunch von BBC News.

(wird evtl. noch ergänzt)

WDR-Streetview vom A40-Picknick

Von Fiete Stegers am 18. Juli 2010

Die A40, die geliebt-gehasste Verkehrsschlagader quer durchs Ruhrgebiet, ist heute auf 60 Kilometer Länge gesperrt. Zwischen Duisburg und Dortmund findet stattdessen das vermutlich größte Picknick der Welt statt - eine Aktion im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Wer wie ich nicht dabei ist, kann sich die Strecke aber (bereits seit einigen Tagen) in einer Art Streetview-Special auf WDR.de ansehen.

Screenshot “360-Grad-Still-Leben Ruhrschnellweg” bei WDR.de

Das aus 1500 Panorama-Fotos zusammengefügte Special zeigt die Strecke zunächst im Normalzustand. Es lässt sich nach Autobahn-Ausfahrten und den (von den Organisatoren zugeteilten) Nummern der 20.000 Picknicktische durchsuchen. Hotspots markieren interessante Punkte entlang der Strecke, bereits vorhandene WDR-Berichte und externe Links.

Der Mammut-Akt steht der Redaktion aber erst noch bevor: Ab Sonntagabend sollen nach und nach rund 10.000 Fotos vom Tag der Aktion eingebaut - so dass ein Vorher-/Nachher-Vergleich möglich ist.

Hinweise auf weitere interessante Links zum “Still-Leben A40″ gerne in den Kommentaren.

[Ich bin ARD-Mitarbeiter und habe für WDR.de gearbeitet.]

Reportage aus einer anderen Medienwelt

Von Fiete Stegers am 14. Juli 2010

Screenshot Audio-Slideshow bei mediummagazin.de

Jan Söfjer hat für das Medium Magazin (07/2010) die “Schwarzwälder Post” in Zell besucht - die kleinste Zeitung Baden-Württembergs. Mitgebracht hat er einen Bericht aus einer Welt vor unserer Zeit: der Herausgeber ist Besitzer der nahezu archaischen Kleinstdruckerei - und zugleich Chef des lokalen Gewerbevereins. Eine einzelne Redakteurin, keine wirtschaftlichen Sorgen …

Söfjers Text gibt es online wohl nicht zu lesen, dafür aber Audio-Slideshow-Version. Ein dankbares Thema für diese Art der Aufbereitung mit einigen großen O-Tönen. Die Text-/Foto-Reportage hat mir in diesem Fall im direkten Vergleich jedoch besser gefallen. Zu einem steckten mehr Infos drin, zu anderen leidet die Slideshow an einem inhaltlich sehr guten, atmosphärischen, aber dadurch leider schwer verständlichen und langem O-Ton als Einstieg. Das mag aber auch persönlich Wahrnehmung sein, weil ich zunächst den Text gelesen haben. Als Kombo auf jeden Fall etwas, was man so im Medienjournalismus selten sieht!

Relaunch der BBC-News-Website

Von Fiete Stegers am 14. Juli 2010

news.bbc.co.uk hat den angekündigten Relaunch erfahren. Die Site ist - natürlich - in die Breite gegangen. Die Schriftstile sind entsprechend größer, die einzelnen Elemente ebenfalls. Auf die “Low graphics”-Version wird ganz verzichtet, dafür gibt’s größere Bilder und mehr (integrierte) Videos. Abschied vom kleinteiligen Späte-90er-Feel also. Aber mir ging’s wie mehreren Kollegen, die sich im Gespräch oder auf Twitter äußerten: Wirklich einschneidende Veränderungen oder gar einen ganz großen Wurf, der andere erblassen lässt, kann ich auf Anhieb nicht erkennen. Total unaufgeräumt wirkt auf mich der untere Teil von Beitragsseiten, in dem sich diverse verwandte Inhalte befinden, die früher teilweise in der rechten Spalte angeführt wurden.

Im BBC-Blog The Editors, das schon die Vorbreitung des Relaunchs begleitete, werden die Neuerungen ausführlich erläutert. Dazu gehört laut FAQ auch die Integration des Facebook-Like-Buttons. Die Kommentare der Nutzer, die sich im Blog zu Wort melden, sind überwiegend negativ - auch im Vergleich zu anderen Relaunchs.


Weitere Links

  • Guardian The BBC News redesign: Hot, or not?

Fotostrecken von der Hinrichtung

Von Fiete Stegers am 18. Juni 2010

Im US-Bundestaat Utah ist ein als Mörder verurteilter Mann von einem Erschießungskommando hingerichtet worden. Auf unser aller Vorbild-Website news.bbc.co.uk ist die Geschichte der Aufmacher, der erste Subteaser verheißt: “In Pictures: Utah Execution”. Dahinter erwartete ich instinktiv eine minutiöse Dokumentation der Erschießung - Bild für Bild.

news.bbc.co.uk (Screenshot)

So sieht es dann doch nicht aus. Nur vier Bilder Nach anfangs nur vier Bildern sieben Motive, die vornehmlich den Hingerichteten, eine Hinrichtungszelle und Angehörige der Opfer zeigen - nicht die Hinrichtung selbst, wie es der Teaser vermuten ließ. Eines der Bilder, das die widersprüchlichen Emotionen der Angehörigen zeigt, ist starker Fotojournalismus.

Oder ist hier durch Aufmachung und Umfang insgesamt schon eine Grenze überschritten? Eine Frage, die sich beim Umgang mit Fotos, die Gewalt, Leid und Opfer zeigen, immer wieder stellt und die wahrscheinlich jedes Mal neu beantwortet werden muss. Denken wir an Fotostrecken, die das Ausmaß einer Naturkatastrophe verdeutlichen oder an die Diskussion um ethische Zurückhaltung versus Beschönigung bei Kriegsbildern.

Oder an die Frage, ob eine 17-teilige Bildergalerie über einen schweren Verkehrsunfall sein muss, auch wenn sie hauptsächlich Aufnahmen von Rettungsfahrzeugen zeigt. Im Blog der Journalistin Ulrike Langer melden sich dazu u. a. Diskutanten zu Wort, die den dokumentarischen Anspruch des Fotojournalismus hervorheben und süffisant auf hochgelobte Fotoblogs wie The Big Picture verweisen. Und ob die Online-Redakteure der Mitteldeutschen Zeitung froh darüber sind, dass ihnen hier Design als Standard-Funktion bei sämtlichen Bildern - also auch Unglücksfotos - anbietet, diese als E-Card zu versenden.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

… im sonstigen Internet

Gegen BP - für Gauck

Von Fiete Stegers am 7. Juni 2010

Ein leicht knollennasiger älterer Herr aus dem Osten ist zum Liebling von Leuten geworden, die sich ansonsten eher für Mate oder Ipads interessieren - stark vereinfacht gesagt. Aber von vorn:

In der letzten Woche geisterten einige Links durchs Web, die sich mit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko beschäftigten. Nicht nur mein Favorit: “If it was my home” projiziert die Größe der Verseuchung dank Google Maps auf eine beliebige Erdregion. Warum ist auf so etwas keine Online-Redaktion gekommen?

Weitere interessante Links, die eher in Richtung Aktivismus als Journalismus gehen und sich gegen den Verursacher der Ölpest wenden, hat Netzpolitik gesammelt: “Remix BP“.

Positiv versuchen hingegen in den letzten Tagen Unterstützer der Bundespräsidenten-Kandidatur von Joachim Gauck, die nicht in den Redaktionen von “Spiegel” oder “Bild am Sonntag” sitzen, ihrem Kandidaten Rückenwind im deutschprachigen Netz zu verschaffen. Nicht nur in den Online-Umfragen großer Sites - egal ob Bild.de oder heute.de - dominiert Gauck klar vor Wulff: Websites wie “Wir für Gauck” oder “Mein Präsident” zeigen, was mit minimalem oder ein wenig mehr Aufwand in Windeseile mit frei zugänglichen Social-Media-Tools zusammengebastelt werden kann. Das Pottblog bietet eine “Gauck-Ecke” zum Einbau in die eigene Website an. Die Webevangelisten sammeln Pro-Gauck-Tweets und bauen daraus ein Mosaik von mehr als 2.500 Unterstützern. Und die etablierten Medien thematisieren die Pro-Gauck-Welle auch schon - zuerst anscheinend Der Westen (ausgerechnet!), spätestens morgen dann sicher auch Spiegel Online.

Schließlich bringt es unter den diversen Pro-Gauck-Bekundungen auf Facebook eine Gruppe bereits auf mehr als 10.000 Mitglieder. Interimspräsident Jens Böhrnsen kann hingegen auf Facebook - soweit ich das sehe - nur auf etwas über 300 Freunde zählen. Immerhin sind das schon deutlich mehr als seine 24 Kumpane am Montag letzter Woche.
Jens Böhrnsen bei Facebook, Screenshot vom 31.05.2010

Update, 08.06.2010

q.e.d. - ein SpOn-Artikel

Weitere Links
… im Internet:

  • Das Altpapier fragt “What about the Gauck-Euphorie? Spannend an der Horst-Köhler-Nachfolge-Frage bleibt aus medialer Sicht, ob und wie es den Medien gelingt, die Gegenkandidat-Trunkenheit vom Wochenende (Altpapier von gestern) hochzuhalten.”

“Woran das Online-Portal der WAZ Mediengruppe scheiterte”

Von Fiete Stegers am 7. Juni 2010

… wird ein Artikel auf dem Titel des aktuellen “Journalist” angekündigt. Im Heft (und online) heißt es dann ein wenig differenzierter: “DerWesten - oder: Woran regionaler Journalismus im Netz krankt”.

Die Autorin Svenja Siegert beschäftigt sich intensiv mit den Erwartungen und der Realität von DerWesten.de. Sie macht vor allem das Problem einer künstlichen “Web-Dachmarke” gegenüber den traditionellen Einzelmarken der Print-Titel und - trotz des jüngsten Relaunchs - die Mängel in der regionalen Ausrichtung der Website (auch bedingt durch die mangelnde Zusammenarbeit Print-Online) für Probleme des Westens verantwortlich. Interessant ist die Diskussion über die Rolle der überregionalen Inhalte - DerWesten-CvD Kathrin Scheib verteidigt sie, die es dann eben doch gibt. Denn sie ziehen - obwohl sie nicht nur Spiegel Online besser macht als DerWesten. Sollte die regionale Plattform konsequent darauf verzichten? Svenja Siegert meint: Ja, Scheib ist anderer Meinung. Auch darüber, ob es ein Gewinn oder ein Armutszeugnis ist, wenn 80 Prozent der Online-Nutzer keine Zeitung der WAZ-Gruppe lesen, gehen die Meinungen auseinander.

Dritter Streitpunkt: die Rolle von lokalen/regionalen Blogs. Pottblog und Ruhrbarone bekommen zumindest in der den Artikel begleitenden Grafik ganz schön Gewicht zu bekommen. Die Rolle des großen WDR wird hingegen gar nicht beleuchtet - dafür aber kurz auf die Relikte der historischen Sonderposition von rp-online eingegangen. Also auf alle Fälle lesenswert.


Weitere Links

Mehr über DerWesten bei onlinejournalismus.de

Für Hans J. Schiebener hat der Artikel seinen Finger nicht dahingelegt, wo es weh tut.

[Ich habe für WDR.de gearbeitet.]

“Shitstorm” im Qualitätsblog: Die Ruhrbarone und der Fall Tauss

Von Fiete Stegers am 29. Mai 2010

“Ruhrbarone” heißt ein Gruppen-Blog von nordhrein-westfälischen Journalisten um David Schraven und Stefan Laurin. In der Vergangenheit konnte das Blog mit gut recherchierten und kritischen Beiträgen punkten - und das nicht erst im Vorfeld der Landtagswahl in NRW, die das Blog auch verstärkt in den Fokus von Kollegen und Medienseiten brachte (z. B. taz, SZ). Nun hat allerdings einer der Autoren mit einem äußerst boulevardesk formulierten Meinungsbeitrag zur Verurteilung des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss wegen des Besitzes von Kinderpornographie massive Kritik der Blog-Leser hervorgerufen.

Carsten Drees analysiert in seinem Blog Artikel und Reaktionen und zeigt dabei, wie man trotz möglicher Befangenheit (”ich schätze Jörg persönlich”) sachlich argumentieren kann.

Weitere Links

Zeit-Online-Chef fordert Ende des Festungsdaseins und öffentlich-rechtliche Dienstleister

Von Fiete Stegers am 16. Mai 2010

Wolfgang Blau, Chef von Zeit Online, geht in einem Gastbeitrag für die Serie “Wozu noch Journalismus” auf sueddeutsche.de mit jenen ins Gericht, die das Aufweichen der exklusiven Publikationsmöglichkeiten von professionellen Journalisten und die Probleme des tradierten Geschäftsmodells der Zeitungsverlage mit dem Ende des Journalismus gleichsetzen:

Dieses Monopol der alten Medien-Institutionen auf journalistische Produktionsmittel und Vertriebswege wird nicht mehr wiederkehren. Während wir aber selten einen Profimusiker dabei ertappen werden, dass er die Mehrheit der Laienmusiker öffentlich verunglimpft und ihre Verdienste für die Musik abstreitet, begehen verunsicherte Journalisten und Medienmanager alter Schule diesen Fehler heute regelmäßig. Die öffentliche Beschimpfung des Internet wurde zur trotzigen Mutprobe einer ganzen Branche.

Auch die Frontstellung vieler Verlagshäuser gegen den Internet-Angeboten der Öffentlich-Rechtlichen hält Blau für grundfalsch:

Gäbe es diese Websites nicht, hätten die Online-Angebote der Zeitungshäuser zwar einige Nutzer mehr, man muss aber schon komplett mutlos sein, wenn man behauptet, die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensites stünden dem kommerziellen Erfolg der Zeitungs-Websites im Wege. (…) Vielleicht wären die Verlage besser beraten, für eine Beschränkung der Öffentlich-Rechtlichen auf nur zwei, sehr leistungsfähige Nachrichtensites zu kämpfen - tagesschau.de und heute.de - und gleichzeitig Dienstleistungen der öffentlich-rechtlichen Sender für ihre eigenen Websites einzufordern.

So könnten die öffentlich-rechtlichen Internet-Redaktionen ihre Multimedia-Specials auch als Whitelabel für Verlagswebsites zur Verfügung stellen oder auch “auch eine Pionierrolle bei der Entwicklung des Datenbank-Journalismus einnehmen und zum Beispiel helfen, Software-Schnittstellen zu den öffentlichen Datenbeständen von Ministerien, Bundestag und Statistikämtern auszuhandeln und zu programmieren”, schlägt Blau vor.

Update, 17.05.2010:
Blau antwortet bei Carta ausführlich auf Robin Meyer-Luchts Kommentar zu seinem Ursprungsstatement.

Zu Recht nominiert oder am User vorbei?

Von Fiete Stegers am 14. Mai 2010

Auf der diese Woche veröffentlichten Liste der Nominierten für den Grimme Online Award 2010 steht auch ein Special des HR zur Boticelli-Ausstellung in Frankfurt. Die Nutzer können hier einige Boticelli-Bilder erkunden und bekommen von Fachleuten der Ausstellung - die vor einer Bluescreen aufgenommen wurden und als Video zu sehen sind - beispielhaft einige Aspekte der Gemälde erläutert (mehr im Making-of).

Ich finde das Special bemerkenswert und habe es in den letzten Monaten mehrfach als Beispiel in Seminaren gezeigt, wo es bei den Teilnehmern meist sehr gut ankam. Aber vielleicht gibt es auch andere Meinungen: Überproduziert? Zu statisch? Statt multimedialem Schnickschnack lieber mehr Informationen im Text? Wie sehen Sie es?

HR-Special zu Boticelli (Screenshot)

[Ich bin ARD-Mitarbeiter.]