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Hamburger Gefahrengebiet: Reporter on demand

Das Hamburger Lokalblog Mittendrin begleitet die diversen Proteste in Hamburg seit Monaten und ist im Moment täglich im „Gefahrengebiet“ unterwegs, wo es jeden Abend zu Spontan-Demos und Polizei-Kontrollen kommt – manchmal konzentriert, häufig über das Gebiet der Stadtteile Altona, St. Pauli und Sternschanze verstreut. Seit Freitag verfügt das Blog außerdem über eine „Call a journalist“-Webapp, mit der User, Anwohner, Demonstrationsteilnehmer und andere Menschen im Gefahrengebiet die Redaktion des Blogs auf berichtenswerte Vorgänge aufmerksam machen können. Die Redaktion bekommt nach dem Aktivieren des Alarmknopfes den Standort des Nutzers mitgeteilt und kann ihre Reporter dorthin lenken.

Konzipiert und programmiert wurde die Anwendung in der vergangenen Wochen von Open Data City (wenig überraschend) und Cross & Lecker. Eine vergleichbare Funktionen im Einsatz in der aktuellen Online-Berichterstattung in Deutschland fällt mir spontan nicht ein (Hinweise, wie immer, gerne in den Kommentaren).

Dominick Brück von Mittendrin beschreibt die ersten Erfahrungen: „Wir hatten insgesamt vier Mal Alarm. Bei allen vier Alarmen war am Ort des Geschehens auch was los, es war aber nur einmal möglich denjenigen auch zu treffen, der den Alarm gesendet hatte. Die Ortsangaben immer sehr präzise, der Alarm kam zeitnah an und es war uns möglich schnell genug vor Ort zu sein. Auch mit mehreren Redakteuren auf das System zuzugreifen hat gut geklappt, besonders da man sieht, ob ein Alarm schon bestätigt wurde oder nicht.“ Brück wünscht sich noch zusätzlich eine Möglichkeit für die Redaktionen, mit dem User zu kommunizieren. Und natürlich müsse die Anwendung erst richtig bekannt werden.


Weitere Artikel

… bei onlinejournalismus.de

im sonstigen Internet:

Hyperlokaler Demo-Ticker

Das Hamburger Lokalblog Mittendrin begleitet seit Monaten Demonstrationen in der Stadt (vor allem zu den afrikanischen Lampedusa-Flüchtlingen) mit umfangreicher Bericherstattung, die sich hinter denen der großen Lokalmedien (Hamburger Abendlbatt, Hamburger Morgenpost, taz, NDR …) nicht nur nicht zu verstecken braucht, sondern im Gegenteil durch den von seinen Reportern gefüllten Liveticker im Blog und via Twitter in Sachen Ausführlichkeit und Schnelligkeit im Web oftmals vorne liegt. So auch heute wieder zu den Protesten gegen die Räumung des linken Kulturzentrums Rote Flora und für den Erhalt der Esso-Häuser.

Das haben längst auch User gemerkt, die sich für diese Themen besonders interessieren. Der Traffic von Mittendrin scheint nicht schlecht zu sein. Ein von mir gepostetes und dort im Liveticker verlinktes Video mit einer Randszene der Demonstration wurde innerhalb von 30 Minuten bereits mehr als 1500 Mal embedded im Ticker angezeigt und 370 Mal abgespielt.

Beamten-Ballet from Fiete Stegers on Vimeo.

(Ich arbeite beim NDR.)

Es gilt das gesprochene Wort

Natürlich, Journalisten sind keine Stenographen und im Print-Journalismus ist das sprachliche Glätten von Zitaten Alltag. Aber es ist schon faszinierend, wie deutlich bei verschiedenen Medien die wörtliche Wiedergabe eines offenbar sehr einprägsamen Zusammenstoßes zwischen dem Vater des toten NSU-Terroristen Uwe Mundlos und dem Vorsitzenden Richter Götzl im Detail voneinander abweicht.

tagesschau.de:

Als Götzl ihn laut zurechtweist, wird Mundlos patzig und verlangt nicht nur als Doktor, sondern auch als Professor angeredet zu werden.

Süddeutsche.de:

Mundlos nennt Götzl später auch noch “arrogant”, und im Übrigen möchte er bitte mit “Herr Professor” angesprochen werden. Götzl bleibt jedoch bei der Anrede “Herr Doktor Mundlos”.

Stern.de:

“Sie könnten mich ruhig Professor Mundlos nennen.” Götzls Reaktion: “Nein, ich nenne sie Doktor Mundlos, ich nenne Sie bei Ihrem Namen.”

FAZ:

“Sie müssen mich Professor Mundlos nennen.“ – „Nein, das muss ich nicht Herr Dr. Mundlos.“ – „Doch das müssen Sie, ich bin durchaus berechtigt, den Titel noch zu führen.“

Spiegel Online:

Mundlos erbost: “Was fällt Ihnen ein, mich so anzugehen? Sie können mich ruhig Professor Mundlos nennen!”
“Ich nenne Sie Dr. Mundlos, das ist Ihr Name!”
Mundlos nennt Götzl später auch noch “arrogant”, und im Übrigen möchte er bitte mit “Herr Professor” angesprochen werden. Götzl bleibt jedoch bei der Anrede “Herr Doktor Mundlos”.

Welt:

“Nennen Sie mich gefälligst Professor Mundlos.” Götzl verweigert das, bleibt beim “Doktor”. Und wird prompt vom emeritierten Professor als arrogant bezeichnet.

Die Zeit geht auf diesen Teil des Wortwechsels gar nicht näher ein, die taz konzentriert sich auf den inhaltlichen Teil der Zeugenaussage.

(Crosspost von meiner Homepage)

Super: NSA-Enthüllungen im Snowfall-Stil

"NSA Files: Decod" auf der Website des Guardian | Foto: Fiete Stegers

Ein halbes Jahr nach Beginn nach seinem ersten Bericht fasst der Guardian die bisherigen Enthüllungen auf Basis der Snowden-Informationen zusammen. Das ist grandios geglückt: „NSA Files: Decoded“ zieht den Nutzer multimedial durch die Story, stellt die wichtigsten Fakten heraus und erläutert, was sie bedeuten – politisch und direkt für den einzelnen Nutzer.

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„Fox News Deck“ soll Social-Media-Nachrichtenfluss navigieren

Moderator Shepard Smith vor riesigen Touchscreens

Vorne der Nachrichtenmoderator, hinter ihm entweder eine riesige Videowand oder ein halbes Dutzend Journalisten an riesigen Touchscreens, die an Zeichentische erinnern: Es sieht komplett albern aus, was Fox News da als neues Studio präsentiert.

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Verbissener Papierfetischismus

IMG_4123.JPG - Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland (seen at Frankfurt Train Station)

(Foto: Otzberg unter Creative Commons (BY-NC-SA))

Sollte man diesen Text auf Papier ausdrucken, ist er nicht mehr wert als jetzt.

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Stell dir vor, Mollath ist frei – und dann passiert nichts

Was tun, wenn nach der Eilmeldung zu einem wichtigen Thema erst mal Warten angesagt ist und nichts weiter geschieht? Den rasch aufgesetzen Live-Ticker kann man als Onlineredaktion doch nicht einfach leer lassen …

Das derzeitige Mollath-Newsblog der Süddeutsche Zeitung ist jedenfalls eine deutlich erkennbare Hommage an einen Klassiker des Genres.
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Demo-Zahlen: Die dezentrale Nicht-Live-Meldung

Demonstranten am 27.07.2013 in Hamburg

Wie viel Demonstranten sind es? (Foto: Holger Röttgers)

„Bundesweite“ – also in verschiedenen Städten am gleichen Tag veranstaltete – Protestaktionen, wie sie heute und schon mehrfach zu Themen rund um staatliche Überwachung stattfanden, haben zwei unbestrittene Vorteile: Menschen können sich leichter an den Protesten beteiligen, ohne erst an einen zentralen und (für Nicht-Berliner wahrscheinlich tendenziell weit entfernten) Kundgebungsort anreisen müssen. Sie können Anwohner und Passanten an verschiedenen Orten erreichen.

Die Chancen, über die mediale Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu bekommen, ist für die meisten Anliegen allerdings erheblich geringer als bei einer zentralen Demonstration. Hier 50 Demonstranten, dort 200 und in einer der größeren Städte vielleicht eine vierstellige Zahl – das kommt der Mechanismen und der Logistik der (Online-)Berichterstattung der größeren Medien alles andere als entgegen. Weiterlesen…

Obama-Ticker: Nichtigkeiten im Minutentakt

Seit 18:47 Uhr begleitet Spiegel Online den knapp 24-stündigen Besuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin mit einem Live-Ticker. Und der zeigt schon 4 Stunden und geschätzte 60 Einträge weiter Glanz und Elend dieser Darstellungsform.

Was bei einer Papst-Wahl spannend sein mag, erinnert in Fall Obama eher an den legendäre Trainer-Ticker des Kölner Expresss zur Zukunft von Christoph Daum. Hieß es weiland noch „10:15 Uhr: Daums Ehefrau Angelica bringt den wartenden Journalisten Kaffee und Hanuta“, so dokumentiert diesmal das dreiköpfige Ticker-Team von Spiegel Online entscheidende Momente wie:

20:26 Uhr: Die Treppe fährt heran
20:26 Uhr: Die hintere Tür ist schon offen, dort steigen Mitarbeiter von Obama aus
20:27 Uhr: Die vordere Tür ist offen, die Treppe dockt an
20:28 Uhr: Der rote Teppich wird ausgerollt
20:30 Uhr: Noch nichts vom Präsidenten zu sehen. Ein Mitarbeiter steht in der Tür des Flugzeugs und schaut skeptisch auf die Treppe
20:30 Uhr: Das Ehrenspalier der Soldaten steht bereit.
20:31 Uhr: Außenminister Westerwelle steht unten auf dem roten Teppich bereit.
20:31 Uhr: Die Limousinen des US-Präsidenten sind vorgefahren,
20:32 Uhr: Nun ist alles für Obama bereit

Positiv ist zu bemerken, dass der SpOn-Ticker die technischen Möglichkeiten seiner Plattform Scribble Live ausnutzt. Kuratierte Tweets und Fotos von Schaulustigen dokumentieren den Weg der Fahrzeugkolonne des Präsidenten durch Berlin.

Noch schöner und stimmungsvoller macht das allerdings insgesamt das Live-Blog bei Zeit Online, in dem die Textbrocken formgerecht nicht ganz so kurz sind (und teilweise ziemlich ironisch).

Update, 19.06.2013:
Inzwischen hat sich der Spiegel-Ticker auf höherem Niveau eingegroovt. Es tickern inzwischen auch die Süddeutsche (ebenfalls via Scribble Live) und Bild, wo auch ein Video-Livestream angeboten wird. Bei ZDF.de werden Reporter-Tweets aus Berlin auf der Startseite eingebunden.

Update 20.06.2013
Die FAZ sieht im übertriebenen Tickern ein generelles Problem für die Glaubwürdigkeit des Journalismus lauern:

Der Echtzeit-Journalismus wirkt auf die Demokratie verheerend, weil er immer weniger Raum und Zeit dafür lässt, die Dinge so sortieren, Abstand zu ihnen zu gewinnen und sie zu werten. Welchen Stellenwert hat es angesichts der Fülle der Belanglosigkeiten zum Beispiel, dass Obama an diesem Mittwoch die Datenschnüffelei durch Prism in kühlem Realismus gerechtfertigt und Angela Merkel hier auf Verhältnismäßigkeit bestanden hat?

Weitere Links
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… im übrigen Internet

Landser-Prosa bei Spiegel Online

Eine Reportage bei Spiegel Online widmet sich der „Bundeswehr im Fluteinsatz“ und den verständlicherweise für Hilfe dankbaren Menschen in den vom Elbe-Hochwasser betroffenen Gebieten. Der Artikel trägt die noch halbwegs originelle Überschrift „Operation Sandsack“. Dann geht es aber los:

„Es ist der größte humanitäre Einsatz der Bundeswehr innerhalb Deutschlands: Bis zu 19.000 Soldaten helfen beim Kampf gegen das Hochwasser. Zuweilen ist diese Militärpräsenz gespenstisch – doch die Leute in den Flutgebieten haben ihre Armee schätzen gelernt.“ (Hervorhebung onlinejournalismus.de)

Gespenstisch hin oder her – der Autor, SpOn-Panorama-Redakteur Rainer Leurs, lässt sich im folgenden von martialischen Metaphern mitreißen.

„Immer wieder brausen Armee-Geländewagen über die schnurgeraden Landstraßen, donnern Konvois aus Lastern, Jagdpanzern und Mannschaftsbussen durchs Land. “

Jagdpanzer? Gegen Hochwasser? Das macht mich als Leser erst mal stutzig, zumal man zumindest bei Wikipedia der Meinung ist, diese Fahrzeugkategorie sei seit dem Ende des Kalten Kriegs „nahezu gänzlich verschwunden“. Plausibler wären Bergepanzer oder vielleicht Mannschaftstransporter, vermute ich. Aber vielleicht stimmt es ja. Ebenso wie die Beschreibung der Dankesbekundungen (dick aufgetragen – und warum nicht schlicht „ergriffen“ oder „gerührt“?):

„Ergriffen vor Rührung bedanken sich darin von der Flut getroffene Menschen bei den Helfern, gerade bei jenen der Armee. „Danke Bundeswehr!“, solche selbstgemalten Schilder hängen an vielen Stellen entlang der Straßen.“

Ich war im Gegensatz zum Reporter nicht im Hochwassergebiet, aber zumindest Formulierungen wie

„Auf breiter Front durchgesetzt hat sich inzwischen auch die Versorgung der Truppe mit selbstgebackenem Blechkuchen. “

oder die Übernahme eines Offizierszitats wie

„Für die jungen Burschen ist das natürlich toll, was wir hier machen.“

sollte man sich doch verkneifen. Aber in diesen Sprachduktus passt Leurs Fazit, obwohl er durch ein eingeschobenes „scheint es“ doch noch ein wenig Distanz wahren will.

Getragen von einer Flutwelle, so scheint es, hat die Armee in Sachsen-Anhalt die Herzen der Leute erkämpft.

Textchef, bitte verbale Abrüstung anordnen (falls Sie nicht die Militarisierung des Textes hereinredigiert haben)!

Nachtrag, 12.06.2013:
Laut Spiegel-Redaktion handelte es sich in der Tat nicht um Jagdpanzer.

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