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Stell dir vor, Mollath ist frei – und dann passiert nichts

Was tun, wenn nach der Eilmeldung zu einem wichtigen Thema erst mal Warten angesagt ist und nichts weiter geschieht? Den rasch aufgesetzen Live-Ticker kann man als Onlineredaktion doch nicht einfach leer lassen …

Das derzeitige Mollath-Newsblog der Süddeutsche Zeitung ist jedenfalls eine deutlich erkennbare Hommage an einen Klassiker des Genres.
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Demo-Zahlen: Die dezentrale Nicht-Live-Meldung

Demonstranten am 27.07.2013 in Hamburg

Wie viel Demonstranten sind es? (Foto: Holger Röttgers)

“Bundesweite” – also in verschiedenen Städten am gleichen Tag veranstaltete – Protestaktionen, wie sie heute und schon mehrfach zu Themen rund um staatliche Überwachung stattfanden, haben zwei unbestrittene Vorteile: Menschen können sich leichter an den Protesten beteiligen, ohne erst an einen zentralen und (für Nicht-Berliner wahrscheinlich tendenziell weit entfernten) Kundgebungsort anreisen müssen. Sie können Anwohner und Passanten an verschiedenen Orten erreichen.

Die Chancen, über die mediale Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu bekommen, ist für die meisten Anliegen allerdings erheblich geringer als bei einer zentralen Demonstration. Hier 50 Demonstranten, dort 200 und in einer der größeren Städte vielleicht eine vierstellige Zahl – das kommt der Mechanismen und der Logistik der (Online-)Berichterstattung der größeren Medien alles andere als entgegen. Weiterlesen…

Obama-Ticker: Nichtigkeiten im Minutentakt

Seit 18:47 Uhr begleitet Spiegel Online den knapp 24-stündigen Besuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin mit einem Live-Ticker. Und der zeigt schon 4 Stunden und geschätzte 60 Einträge weiter Glanz und Elend dieser Darstellungsform.

Was bei einer Papst-Wahl spannend sein mag, erinnert in Fall Obama eher an den legendäre Trainer-Ticker des Kölner Expresss zur Zukunft von Christoph Daum. Hieß es weiland noch “10:15 Uhr: Daums Ehefrau Angelica bringt den wartenden Journalisten Kaffee und Hanuta”, so dokumentiert diesmal das dreiköpfige Ticker-Team von Spiegel Online entscheidende Momente wie:

20:26 Uhr: Die Treppe fährt heran
20:26 Uhr: Die hintere Tür ist schon offen, dort steigen Mitarbeiter von Obama aus
20:27 Uhr: Die vordere Tür ist offen, die Treppe dockt an
20:28 Uhr: Der rote Teppich wird ausgerollt
20:30 Uhr: Noch nichts vom Präsidenten zu sehen. Ein Mitarbeiter steht in der Tür des Flugzeugs und schaut skeptisch auf die Treppe
20:30 Uhr: Das Ehrenspalier der Soldaten steht bereit.
20:31 Uhr: Außenminister Westerwelle steht unten auf dem roten Teppich bereit.
20:31 Uhr: Die Limousinen des US-Präsidenten sind vorgefahren,
20:32 Uhr: Nun ist alles für Obama bereit

Positiv ist zu bemerken, dass der SpOn-Ticker die technischen Möglichkeiten seiner Plattform Scribble Live ausnutzt. Kuratierte Tweets und Fotos von Schaulustigen dokumentieren den Weg der Fahrzeugkolonne des Präsidenten durch Berlin.

Noch schöner und stimmungsvoller macht das allerdings insgesamt das Live-Blog bei Zeit Online, in dem die Textbrocken formgerecht nicht ganz so kurz sind (und teilweise ziemlich ironisch).

Update, 19.06.2013:
Inzwischen hat sich der Spiegel-Ticker auf höherem Niveau eingegroovt. Es tickern inzwischen auch die Süddeutsche (ebenfalls via Scribble Live) und Bild, wo auch ein Video-Livestream angeboten wird. Bei ZDF.de werden Reporter-Tweets aus Berlin auf der Startseite eingebunden.

Update 20.06.2013
Die FAZ sieht im übertriebenen Tickern ein generelles Problem für die Glaubwürdigkeit des Journalismus lauern:

Der Echtzeit-Journalismus wirkt auf die Demokratie verheerend, weil er immer weniger Raum und Zeit dafür lässt, die Dinge so sortieren, Abstand zu ihnen zu gewinnen und sie zu werten. Welchen Stellenwert hat es angesichts der Fülle der Belanglosigkeiten zum Beispiel, dass Obama an diesem Mittwoch die Datenschnüffelei durch Prism in kühlem Realismus gerechtfertigt und Angela Merkel hier auf Verhältnismäßigkeit bestanden hat?

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de

… im übrigen Internet

Landser-Prosa bei Spiegel Online

Eine Reportage bei Spiegel Online widmet sich der “Bundeswehr im Fluteinsatz” und den verständlicherweise für Hilfe dankbaren Menschen in den vom Elbe-Hochwasser betroffenen Gebieten. Der Artikel trägt die noch halbwegs originelle Überschrift “Operation Sandsack”. Dann geht es aber los:

“Es ist der größte humanitäre Einsatz der Bundeswehr innerhalb Deutschlands: Bis zu 19.000 Soldaten helfen beim Kampf gegen das Hochwasser. Zuweilen ist diese Militärpräsenz gespenstisch – doch die Leute in den Flutgebieten haben ihre Armee schätzen gelernt.” (Hervorhebung onlinejournalismus.de)

Gespenstisch hin oder her – der Autor, SpOn-Panorama-Redakteur Rainer Leurs, lässt sich im folgenden von martialischen Metaphern mitreißen.

“Immer wieder brausen Armee-Geländewagen über die schnurgeraden Landstraßen, donnern Konvois aus Lastern, Jagdpanzern und Mannschaftsbussen durchs Land. ”

Jagdpanzer? Gegen Hochwasser? Das macht mich als Leser erst mal stutzig, zumal man zumindest bei Wikipedia der Meinung ist, diese Fahrzeugkategorie sei seit dem Ende des Kalten Kriegs “nahezu gänzlich verschwunden”. Plausibler wären Bergepanzer oder vielleicht Mannschaftstransporter, vermute ich. Aber vielleicht stimmt es ja. Ebenso wie die Beschreibung der Dankesbekundungen (dick aufgetragen – und warum nicht schlicht “ergriffen” oder “gerührt”?):

“Ergriffen vor Rührung bedanken sich darin von der Flut getroffene Menschen bei den Helfern, gerade bei jenen der Armee. “Danke Bundeswehr!”, solche selbstgemalten Schilder hängen an vielen Stellen entlang der Straßen.”

Ich war im Gegensatz zum Reporter nicht im Hochwassergebiet, aber zumindest Formulierungen wie

“Auf breiter Front durchgesetzt hat sich inzwischen auch die Versorgung der Truppe mit selbstgebackenem Blechkuchen. ”

oder die Übernahme eines Offizierszitats wie

“Für die jungen Burschen ist das natürlich toll, was wir hier machen.”

sollte man sich doch verkneifen. Aber in diesen Sprachduktus passt Leurs Fazit, obwohl er durch ein eingeschobenes “scheint es” doch noch ein wenig Distanz wahren will.

Getragen von einer Flutwelle, so scheint es, hat die Armee in Sachsen-Anhalt die Herzen der Leute erkämpft.

Textchef, bitte verbale Abrüstung anordnen (falls Sie nicht die Militarisierung des Textes hereinredigiert haben)!

Nachtrag, 12.06.2013:
Laut Spiegel-Redaktion handelte es sich in der Tat nicht um Jagdpanzer.

Kai Diekmann’s lousy tweets

Twitter-Profil von Kai Diekmann (Screenshot [M])

Er ist zurück. Anfang der Woche – fast zeitgleich zur Präsentation der künftigen Bild-Bezahlmauer in Berlin – hat Kai Diekmann den Countdown zur Rückkehr von seiner gut neunmonatigen Klassenfahrt Sabbatical Bildungsreise ins Silicon Valley gestartet. Sein Abschiedstweet ans Valley kam aus dem Flugzeug. Und was er in den 2364 Nachrichten davor so von sich gegeben hat? Eine subjektive Bestandsaufnahme der ödesten, banalsten und egozentriertesten Tweets des Bild-Chefredakteurs.*

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Zensus: Daten und Visualisierungen

Heute hat das Statistische Bundesamt eine riesige Datensammlung veröffentlicht: die Ergebnisse des Zensus 2011. Neben – für eine Statistik-Behörde – erfreulich frisch aufgemachten Pressemitteilungen (Thema Bevölkerungsentwicklung insgesamt, Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland*, Wohnungen) gibt es auch ein eigenes Daten-Unterportal zum Thema. Dort lassen sich Daten in relativ verständlicher Form anzeigen und auch downloaden. Und was fangen Journalisten dann damit an?

  • Open Data City hat für die Bundeszentrale erste Visualisierungen auf einer Karte online gestellt (unter CC-BY-Lizenz, also auch zum Einbinden für andere Medien wie hier. So zeigt der visualisierte Ausländeranteil neben dem bekannten höheren Anteil in Großstädten sehr schön, wie in den Grenzgebieten in Niedersachsen im Westen und Brandenburg im Osten Niederländer und Polen sich ein Haus auf der günstigeren, deutschen Seite der Grenze gesichert haben.
  • süddeutsche.de hat einen “Deutschland-Atlas” im Angebot. Ähnlich, aber nicht baugleich mit dem umfangreichen Europa-Atlas, den die SZ vor einigen Wochen veröffentlicht hat. So basiert der Deutschland beispielsweise auf Google Maps, nicht auf Bing und bietet keine keine Diagramm-Darstellung alternativ zur Karte an.
  • Spiegel Online hat das Thema nicht groß gefahren und beschränkt sich auf einen durch Bullet-Points gegliederten Überblicksartikel und in Kästen portionierten Zusatzinformationen. In Bilderstrecken werden einige simple Tortendiagramme gezeigt. Visuell ähnlich mager sieht es auch bei Zeit Online und Heute aus.

Weitere Hinweise auf journalistische Daten-Aufbereitungen zum Zensus 2011 gerne in den Kommentaren.

* Definition hier

Weitere Links
… im sonstigen Internet

  • Open Data City erläutert in Blogeintrag die Karte
  • Netzpolitik hat Open Data City zur Zensuskarte interviewt.

Ein Fehler, der nicht sein müsste

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Max Stadler ist gestorben – im Alter von 63 Jahren, wie Zeit Online in ihrem Artikel gleich zwei Mal schreibt. Eingebettet ist in den Text allerdings ein Tweet der FDP Bayern. Laut diesem wurde Stadler 64 Jahre alt. Das ist auch richtig, wie ein Abgleich mit dem Geburtsdatum auf Stadlers Homepage ergibt.

Artikel über Max Stadler bei Zeit Online (Screenshot)

Vermutlich bezieht sich die falsche Angabe auf eine frühere Version des ebenfalls verlinkten Artikel der Passauer Neuen Presse. Darauf deuten jedenfalls die Abgleich mit der verlinkten URL sowie Google News hin. Google News verrät auch, dass Zeit Online nicht als einziges Medium die falsche Angabe aus der PNP (und vermutlich einer darauf beruhende Agenturmeldung) übernommen hat.

Aber wenn man einen Tweet einbettet, der dem widerspricht, sollte man doch ins Nachdenken kommen, oder?

Artikel über Max Stadler bei Google News (Screenshot)

Nicht nur Stadler-Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia ist übrigens nach Stadlers Tod bereits aktualisiert (16:00 Uhr), sondern auch der in im mit der PNP verbundenen RegioWiki Niederbayern und Altötting (13:53 Uhr).

Online-Frühling: Generationswechsel oder digitale Spaltung in den Redaktionen?

Diskussinosrunde auf der Republica 2013

Moderator mit Jochen Wegner, Katharina Borchert und Stefan Plöchinger (links)

Wie sieht es aus mit der Experimentierfreude bei Formaten und Finanzierungsmodellen? Darüber diskutierten auf der re:publica 2013 drei Vordenker des deutschen Onlinejournalismus, die in vielen einer Meinung waren. Allerdings nicht ganz bei der Frage, ob mit einer neuen Journalisten-Generation (den richtigen Digital Natives) alte Wände zwischen Print- und Online-Redaktionen von selbst wegfallen – oder ob die digitale Spaltung zwischen Papierfesthaltern und digital Denken (unabhängig vom Alter der Journalisten) noch eine Weile bestehen bleibt. Eine Dokumentation der Diskussion.

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Die Themenkarriere des Leistungsschutzrechts

Christopher Buschow stellt seine Studie über Themenkarriere und Akteure der Debatte um das Leistungsschutrechts auf der Republica vor.

Christopher Buschow präsentiert seine Ergebnisse

In der Ecke unten rechts: die Blogosphäre

Ende der Ära Blumencron für Spiegel und SpOn

Vom 1. Dezember 2000 bis Anfang 2008 war der nun abberufene Mathias Müller von Blumencron Chefredakteur von Spiegel Online, bis er zusammen mit Georg Mascolo an die Spitze des Print-Spiegels rückte. Ab Februar 2011 war Blumencron offiziell der Digital-Beauftragte des Doppelspitze, trotz oder wegen der kolportierten Auseinandersetzungen um die Digitalstrategie des Spiegels und das Reizwort Paid Content (Die Devise: “Gemeinsam Marschieren, getrennt schlagen” ging freilich nicht ganz auf.).

Ingesamt war Blumencron also mehr als 12 Jahre für die Ausrichtung von Spiegel Online verantwortlich, seit der ehemalige US-Korrespondent des gedruckten Spiegel die SpOn-Chefredaktion nach einer hektischen Boomphase unter seinem Vorgänger Hans-Dieter Degler übernahm.

Blumencron machte SpOn endgültig zum Nachrichten-Marktführer des deutschen Online-Journalismus und zum Leitmedium für die Berliner Republik (auch wenn das Kollegen anderer Medien lange nicht zugeben wollten). Immer wieder kritisiert wurde – auch von onlinejournalismus.de – hingegen der gefühlt wachsende Anteil von Boulevardthemen, die teilweise hektische Überdrehtheit von Teasern und Schlagzeilen auch bei harten Themen.

Was die Weiterentwicklung von interaktiven und multimedialen Formaten angeht, verfolgte SpOn unter Blumencron wie beim Design angekommen den Kurs behutsamer Neuerungen, setzte immer wieder Zeichen, ohne wirklich zum Avantgardisten zu werden. Ähnlich die abwartende Haltung in Sachen Bezahlinhalte: “Warum sollte ausgerechnet Spiegel Online Vorreiter sein?“ fragte Rüdiger Ditz 2009, der Blumencron als direkter Spiegel-Online-Chef nachfolgte.

Der Erfolg dieser Linie Recht – vor allem in Vergleich mit den Schlingerkurs anderer Printhäuser. Man darf gespannt sein, was jetzt kommt. Vielleicht kehrt ja mit Wolfgang Büchner von der dpa jemand zurück, der schon mal im Team mit Ditz für die operative Umsetzung der Blumencron-Linie verantwortlich war.

Dazu drei aktuelle Stimmen – und rückblickend auf die Ära Blumencron ein paar Links auf ältere Beiträge von uns.

Wolfgang Blau, bis vor kurzem Chef von Zeit Online und nun beim Guardian:

Die Geschäftsführerin von Standard.at meint:

Und Thierry Chervel vom Perlentaucher analysiert:

Mehr über Mathias Müller von Blumencron bei onlinejournalismus.de:

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